pflegeheim
+
Eine junge Pflegerin in Dinkelsbühl wollte nicht mitansehen, wie alte Menschen misshandelt und zu Tode gepflegt wurden. Auf der Station 1 des Alten- und Pflegeheims Stephanus sollen skandalöse Zustände geherrscht haben (Symbolbild).

Drei Todesfälle: Jetzt ermittelt der Staatsanwalt

Mutige Pflegerin deckt Skandal in Altenheim auf

Dinkelsbühl - Es ist kaum zu glauben, was Stephanie Flähmig (26) erzählt. Die junge Frau hat erlebt, wie alten Menschen Hilfe verweigert wurde, wie sie drangsaliert und misshandelt wurden. Und das hier bei uns in Bayern. Auf der Station 1 des Alten- und Pflegeheims Stephanus in Dinkelsbühl.

Bis Ende Februar hat die Altenpflegerin dort gearbeitet. Dann kündigte die couragierte Frau und schlug Alarm. Sie nahm Kontakt auf mit dem Heimträger und dem Dinkelsbühler Oberbürgermeister, sie schaltete die Heimaufsicht ein, Die Kripo nahm die Ermittlungen auf. Im Heim lief derweil alles wie gewohnt weiter – bis am 9. Mai Ernst Z. aus dem Heim verschwand. Der 80-Jährige wurde schließlich vergangenen Freitag tot in einem Weiher entdeckt. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen mehrere Pflegekräfte.

Dabei geht es aber nicht nur um den Tod von Ernst Z. In insgesamt drei Fällen sollen die Pflegekräfte Menschen fahrlässig getötet haben, und in fünf Fällen wurden Senioren misshandelt!

Die Station 1 – Stephanie Flähmig hat sie als Ort der Kälte erlebt. Eine Seniorin, die über Unwohlsein klagte, wurde trotzdem gefüttert. Mit furchtbaren Folgen: Sie verschluckte sich, rang nach Luft. Doch selbst, als sie blau anlief, untersagte die Stationsleitung, einen Arzt zu holen. „Die alte Frau erstickte“, so Stephanie Flähmig. Auch einer anderen Heimbewohnerin wurde der Arzt verweigert. Die Stationsleiterin meinte nur: „Sie stirbt eh gleich.“

Liebe, Zuwendung, Hilfe – wer auf Station 1 lag, durfte darauf nicht hoffen. Die Stationsleitung bestimmte den gesamten Tagesablauf, durchorganisiert wie in einer Kaserne: Nahrungsaufnahme und Tempo derselben, Schlaf- und Wachrhythmus, alles ist bis auf die Minute genau festgelegt. Selbst der Toilettengang musste auf Anweisung des Pflegepersonals erfolgen. Unglaublich: Ein blinder alter Mann wurde mit dem Essen allein gelassen, obwohl er dringend auf Hilfe angewiesen war.

Und die Angehörigen? „Keiner“, so Stephanie Flähmig, „wagte sich zu beschweren.“ Alle hatten Angst, dass dies für die Angehörigen nur weitere Repressalien zur Folge haben würde.

Nur die junge Altenpflegerin mag sich mit den Zuständen nicht abfinden. Unterstützt von zwei Kolleginnen fertigt sie Protokolle an und informiert die zuständigen Stellen. Auch an Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt schreibt sie. Die leitet den Brief an das bayerische Sozialministerium weiter. Als der Oberbürgermeister in Dinkelsbühl alle Beteiligten zum Gespräch bittet, glaubt Stephanie Flähmig, dass sie am Ziel ist und dass sich endlich etwas ändert. Doch sie irrt. Alle sagen zwar Hilfe zu, aber nichts passiert. Erst als sie den Münchner Pflegeexperten Claus Fussek einschaltet, kommt Bewegung in den Fall – für den 80-jährigen Ernst Z. leider zu spät.

Das Diakonische Werk Wassertrüdingen-Dinkelsbühl als Träger des Heimes hat inzwischen Selbstanzeige erstattet. Geschäftsführer Friedrich Walter (51): „Die Vorwürfe müssen aufgeklärt werden. Wir haben einer Mitarbeiterin das Dienstverhältnis zum Monatsende gekündigt. Die Stationsleiterin wurde bis zur Klärung der Vorwürfe beurlaubt. Es gab im Zeitraum von acht Jahren drei Todesfälle. Unser Haus hat eigentlich einen untadeligen Ruf. Es ist seltsam, dass nun gehäuft solche Dinge bekannt werden. Es ist wichtig, dass die Menschen nicht das Gefühl bekommen, bei uns schlecht versorgt zu werden.“

WdP

  • 0 Kommentare
  • 0 Google+
    schließen