So was geht nur hier in Pösing, Oberpfalz, 1000 Einwohner, 40 Kilometer zur tschechischen Grenze. Nur ein Wirtshaus gibt es hier, den Landgasthof Weitzer, wo die Halbe 2,20 Euro kostet. Dort sitzt Gisela Riederer jetzt im roten Wollpulli und zischt ein Glas Cola nach dem anderen weg – gegen den Durst und gegen den trockenen Mund. Den kann man sich als Dorf-Durchsagerin nicht erlauben. Als SPD-Politikerin im Bayerischen Wald schon gar nicht. Krächzen verboten.
In vier Stunden hat Pösings berühmteste Stimme den nächsten Einsatz. Dann spricht Gisela Riederer wieder zu ihrem Volk. Das macht die Frau jeden Tag. Wochentags um halb 6 am Abend, samstags gegen 12. Das sind ihre Zeiten. Dann beginnt die Gisela-Riederer-Durchsagen-Show. Hörerquote: gigantisch, so gut wie jeder Pösinger. Weghören aussichtslos. Will auch keiner. Wenn die Gisela spricht, machen alle die Fenster auf.
Gisela Riederer ist Profi. Sie sagt: „Entlaufene Katzen sag’ ich grundsätzlich erst nach drei Tagen durch, weil die Tiere ja meistens eh zurückkommen.“ Vorher die Maschinerie anwerfen, das Dorf narrisch machen, nur weil Hauskatze Chantalle einmal auswärts genächtigt hat – nix da. Gisela Riederer hat ihre Prinzipien.
Lieber sagt sie alle 14 Tagesordnungspunkte durch, die den Schützenverein „Gemütlichkeit“ bei der nächsten Versammlung umtreiben. Was es bei der 30-Jahr-Feier der Turner zum Essen gibt – Spanferkelrollbraten oder doch wieder nur Wiener mit Senf. Es gibt auch echte Notfälle. Dann bekommt sie meist einen Anruf vom Bürgermeister Edmund Roider, manchmal schon um 6 Uhr in der Früh. Spätestens 6.15 Uhr steht Gisela Riederer am Mikro – und weckt so manchen Pösinger per Lautsprecher: „Achtung, eine Durchsage: Wegen eines Wintereinbruchs fällt heute die Schule aus.“ Oder: „Vorsicht, Hochwasser auf der Staatsstraße.“
Einmal haben sie sogar einen Räuber per Lautsprecher gesucht. Er hatte gerade den Lebensmittelladen überfallen. In der Durchsage vermeldeten sie, wie er ausschaut und in welche Richtung er gerade flüchtet. Trotzdem konnten sie ihn nicht schnappen. Die Pösinger sind sich sicher, dass er die Durchsage auch gehört hat – und sofort eine andere Richtung eingeschlagen hat. Mist.
Hier können Sie eine der Durchsagen anhören!
Nur eines ist in dem Ort – per Gemeinderatsbeschluss – strengstens verboten: Politische Sachen darf sie nicht ins Mikro sprechen. Noch nicht mal das Kaffeekränzchen der Senioren-Union. Eine Ortsrufanlage ist schließlich kein Volksempfänger.
Schon märchenhaft, was hier im Landkreis Cham passiert: Ein Dorf informiert sich gegenseitig – per scheppernden Lautsprechern, die aus den 1950er-Jahren stammen. Man könnte jetzt leicht sagen: altbacken, hintermmondmäßig. Wahrscheinlich ist das Gegenteil der Fall. Die Wirtin vom Landgasthof Weitzer sitzt gleich neben Gisela Riederer am Stammtisch, und sie sagt: „Die Ortsrufanlage, das ist die SMS von Pösing.“
Und ihre Orts-SMS haben die Pösinger schon seit 1956, da haben sie ihre Rufanlage installiert – als eine Avantgarde der Informationsgesellschaft. Ewig lange, bevor es Handys, Twitter und Facebook gab, brach in Pösing bereits das neue Medien-Zeitalter an. Dabei ist jeder, der das Fenster öffnet. Oder den Traktormotor abstellt, wenn Gisela Riederer spricht.
Eine Firma aus Württemberg tingelte damals in den 1950er-Jahren über die Dörfer und pries ihr neues Lautsprechersystem an. So eine Anlage ist modern und eine Spitzen-Einnahmequelle, erklärten die Männer von der ELA GmbH dem Pösinger Gemeinderat. Ihr könnt eure Bürger informieren und zugleich Werbe-Durchsagen verkaufen. „Achtung! Achtung! Heute im Angebot: frische Schweinswürstl, Leberkas und Ochsenschwanz. Ihre Pösinger Metzgerei.“ So was könnt ihr durchsagen, zwei Mark die Sendeminute. Ein Supergeschäft.
Die Pösinger waren begeistert – und ließen sich auf Mietbasis auf das Abenteuer ein. Die zentrale Verstärkeranlage stand damals beim Bürgermeister im Wohnzimmer. Inzwischen gibt es keine gesprochene Reklame mehr. Hat sich nicht durchgesetzt, und die ELA GmbH ist längst pleite.
Aber die Ortsrufanlage von Pösing ist ein magisches Medium. Eines, das einfach nicht untergehen will – trotz Lokalzeitung, Radio und Internet. Ähnliche Anlagen gibt es nur in sechs oder sieben Orten in Deutschland. Aber die Pösinger sagen: Eine komplette Ortschaft mit Lautsprechern, das haben sowieso nur wir. Das ist einzigartig. Das lernen sie hier schon im Kindergarten.
Geht man mit der zweiten Bürgermeisterin durchs Dorf, deutet auch nichts darauf hin, dass die Pösinger ihre Rufanlage in nächster Zeit einmotten. Alle lobpreisen sie ihre Ortsrufanlage. Alle grüßen Gisela Riederer aufs Herzlichste. Grüß Gott, Gisela, hier. Grüß Gott, Gisela, da. Die Frau ist ein Star, ein kleiner zumindest. Ein älterer Mann sagt: „Die Stimme unserer zweiten Bürgermeisterin ist einmalig.“ Er freue sich jeden Tag. „Wir machen einfach das Fenster auf – und los geht’s. Uninteressante Sachen gibt’s bei uns sowieso nicht. “
Manchmal platzen sie gar vor Stolz. Gisela Riederer sagt: „Wir haben den schönsten Christkindlmarkt in der Oberpfalz – und den schönsten Jugendraum in ganz Bayern.“ Und: „Alle Nachbargemeinden sind neidisch auf uns. Nirgends kommen so viele Leute zu den Beerdigungen wie in Pösing.“ Der Grund, klar: die Durchsagen. Jeder Verstorbene kriegt seine eigene – samt Termin der Beisetzung und des Sterberosenkranzes. Ein letztes Mal hallt der Name durch den ganzen Ort. Bewegend.
Inzwischen ist es dunkel hier im Bayerischen Wald. Gisela Riederer steht im Gemeindehaus, vor der Rufanlage, in der Hand das Mikro. Es geht los. Endlich. Sie spielt die Fanfare vom Band, „ja-ta-da-da“, „ja-ta-da-da“ und nochmal „ja-ta-da-da“. Saulaut. Unerwartet laut. Wie im Fußballstadion. Draußen gehen die Fenster auf. Die Show beginnt.
Stefan Sessler


© SesslerDorf mit Rufanlage: die Einfahrt des 1000-Seelen-Ortes Pösing am Regen im Bayerischen Wald, Landkreis Cham.
© Sessler„Gisela, bitte durchsagen“: ein paar handschriftlich vollgeschriebene Zettel mit Wunschmeldungen der Pösinger.






