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Auf diesem Spielplatz starb Tobias. Das Karussell stand auf dem runden Platz in der Mitte, bis es die Polizei abbaute, um es genauer zu untersuchen.

Freunde filmten seinen Tod

Hier starb Tobias (20) für ein Internet-Video

Oberviehbach - Vier Freunde gehen auf einen Spielplatz mit einem Dreh-Karussell. Sie haben schon öfter "wilde Aktionen" durchgezogen, doch diesmal stirbt ihr Freund Tobias.

Es ist ein Spielplatz wie jeder andere: Da stehen eine Schaukel, ein Sandkasten, eine Rutsche. Doch jeder in dem Dorf Oberviehbach weiß: Hier wird lange niemand mehr fröhlich spielen. Am Sonntag hatten sich genau hier vier Burschen getroffen, um auf dem Kinderkarussell einen Film zu drehen. Einer von ihnen war Tobias – ein 20-Jähriger aus Dingolfing. Nun ist Tobias tot – und das, weil die irre Mutprobe in einem Drama endete.

Die Tragödie nimmt am Sonntag um 15 Uhr ihren Lauf. Tobias ist mit drei Freunden zu dem Spielplatz nach Oberviehbach gefahren, ein kleines Dorf rund 20 Kilometer von Dingolfing entfernt. Kein Zufall – die vier Spezln haben sich das Gelände am Ortsrand bewusst ausgesucht. Hier steht ein Dreh-karussell, und genau das brauchen sie. Die Burschen im Alter von 18 bis 20 Jahren haben ihren Laptop dabei, wollen damit ihr Vorhaben filmen und später ins Internet stellen. Schon öfter haben sie „wilde Aktionen durchgezogen“, wie sie es nennen.

„Ich habe mich noch über die jungen Kerle gewundert und mich gefragt, was die da machen“, erzählt ein Anwohner. Die Gruppe lässt sich nicht stören: Sie stellt ihren BMW auf die Straße, bindet ein Seil an die Anhängerkupplung, lässt es über den Maschendrahtzaun laufen und windet es mehrmals um das Karussell. Der Plan: Tobi setzt sich auf das Spielgerät und wird dann durch das anfahrende Auto umhergewirbelt – in Höchstgeschwindigkeit. Im Netz sind viele solcher Videos zu sehen. Damit Tobi länger auf dem Spielgerät sitzen bleibt, fixieren seine Freunde ihn mit einem Klebeband. Dann setzt sich sein bester Freund (20) ins Auto und gibt Vollgas.

Was jetzt passiert, ist mit Worten kaum zu beschreiben. Tobi wird durch die Fliehkraft wie ein Geschoss aus dem Karussell katapultiert. Das Seil wirkt wie die Schnur bei einem Jojo – und es verfängt sich um den 20-Jährigen. Sechs Meter fliegt er durch die Luft, schlägt dann auf dem Gras auf. Er ist sofort tot.

Wenige Sekunden später hört Rita H. (49) Schreie – sie sind markerschütternd. „Die Freunde haben um Hilfe gerufen“, erzählt die Anwohnerin der tz. Die Frau zögert keine Sekunde und rennt zu dem Spielplatz. Ihr Mann ist schon dort. Er versucht, das Opfer wiederzubeleben. „Aber es war sinnlos. Tobias lag da blutüberströmt, sein Genick war gebrochen“, erzählt die Frau unter Tränen. Die Szenerie ist ein Grauen: Auf dem Boden knien zwei Freunde (18, 19), schlagen mit den Fäusten auf den Boden. „Bitte, bitte komm wieder“, schreit einer immer wieder. Ein Vater eilt herbei und bringt seine zwei Kinder weg. Sie haben im Sandkasten gespielt. „Es war ein einziger Albtraum“, sagt ein Anwohner. Wenig später ist die Polizei vor Ort, das Karussell wird entfernt, alle Spuren gesichert. Und der Fahrer des BMW? Er ist im Schock direkt nach der Tragödie davongerast. Die Polizei findet ihn wenig später, weinend in seinem Auto. Die Polizei ermittelt nun wegen fahrlässiger Tötung gegen die Freunde.

Tobis Vater weint um seinen Buben. Den lebensfrohen, freundlichen Burschen. Und der junge BMW-Arbeiter hatte noch so viel vor, plante viele Reisen. Gestern legte sein Vater – zusammen mit der Oma – am Spielplatz eine weiße und rote Rose für seinen Sohn nieder. Und trotz der Schmerzen hat der ehemalige Polizist die Kraft für einen Appell: „Ich wünschte, diese Videos im Internet würden verboten werden – all diese gefährlichen Aktionen. Damit so etwas einfach nie wieder passiert. Nie wieder.“

Gefährliches Hobby

Es ist ein gefährliches Hobby, das Tobias S. und seine Clique hatten. „Um der Langeweile in Dingolfing“ zu entfliehen, stellten sie gefährliche, eklige und verrückte Stunts nach – ähnlich wie ihre Vorbilder von Jackass, einer amerikanischen MTV-Serie. Die Clique rund um Tobias hielt ihre Aktionen in Videos auf Youtube und auf Facebook fest. Hier sah man, wie sie im Schnee an fahrenden Autos hingen, von Brücken in den See sprangen, sich Kerzenwachs in den Mund träufelten oder Reißzwecken in die Haut stachen. Immer mit dabei: die Kamera. Der Karussellstunt sollte eine weitere Video-Episode für ihre Fans werden. Das Beschleunigen eines Karussells mit einem Roller oder einem Auto ist ein Youtube-Hit. Viele Jugendliche weltweit versuchen diesen gefährlichen Stunt. Auch Tobias und seine Freunde wollten zeigen, wie mutig sie sind. Die Dingolfinger Gruppe verkündete gestern auf Facebook ihr Aus: „Unser Chef Toby ist gestern gestorben. Die Sache ist somit vorbei.“

Armin Geier/Antonia Wille

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