Volksmusikpreis, Hanns-Seidel-Stiftung: Millionen-Vermögen von früheren Hitler-Vertrauten

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    • 10.11.12
    • Bayern
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Brauner Schatten über Volksmusikpreis

Stiftung verwaltet Vermögen früherer Hitler-Vertrauter

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München – Es ist ein Erbe mit politischem Sprengstoff. Die Hanns-Seidel-Stiftung verwaltet das Millionen-Vermögen von früheren Hitler-Vertrauten. Die Spitze weiß von dem braunen Mief des Erbes wohl seit 2010. Jetzt will sie aktiv aufklären.

© Jaksch

Die stattliche Villa „Haus Burgstetten“ in Assenhausen bei Berg (Foto oben) gehörte jahrelang dem NSDAP-Anhänger Max Wutz. Er vermachte sie der Hanns-Seidel-Stiftung, die sie verkaufte und aus dem Erlös einen Volksmusikpreis auslobt.

Das Testament bemüht sich um einen feierlichen Rahmen. Aus ihrem Vermögen solle ein Volksmusikpreis gestiftet werden, verfügten Maria und Max Wutz Anfang der 80er-Jahre. Zelebriert werden müsse die Vergabe stets mit dem Bayerischen Defiliermarsch, sie solle enden mit der Bayernhymne und dem Tölzer Schützenmarsch. Das Vermächtnis der Eheleute ermöglicht seit 28 Jahren ein Fest für Kultur und Tradition, das bayerischer und friedlicher kaum sein könnte. All die Zeit ahnten die Teilnehmer nicht, dass ein brauner Schatten darüber liegt.

Der Kaufmann Max und die Sängerin Maria Wutz waren, das belegen Recherchen unserer Zeitung, glühende Nationalsozialisten. Max Wutz gehörte zu Adolf Hitlers Vertrauten in der Frühzeit der NSDAP. Als Hitler sich am 29. Juli 1921 erstmals zum Chef der damals etwa 3400 Mitglieder zählenden rechtsextremen Partei wählen ließ, machte er Max Wutz, gerade 30 Jahre alt, zu seinem 2. Kassier. Historiker ordnen die Sitzung im Hofbräuhaus-Festsaal mit 544 „Eintritt zahlenden Mitgliedern der Ortsgruppe München“ (wie es im Partei-Protokoll hieß) als Meilenstein in der Geschichte der NSDAP ein. Wutz blieb nur ein halbes Jahr Kassier; aber es ist somit dokumentiert, dass er damals treu zu Hitler stand. Er spielte wohl auch beim Hitler-Putsch am 9. November 1923 eine Rolle.

Das Ausmaß der Begeisterung für die krude Ideologie des Diktators ist auch seiner Entnazifizierungsakte zu entnehmen. Am 13. September 1946 fand die Spruchkammer-Sitzung zur Entnazifizierung von Max Wutz statt. Er wurde in die Gruppe II („Schuldig“) eingestuft und bestraft. Schuldig – also nicht lediglich ein bloßer Mitläufer.

1943 kauften Max und Maria Wutz eine Villa, die ursprünglich einem Otto Lichtenberg gehörte, im kleinen Dorf Assenhausen direkt am Starnberger See (heute ein Ortsteil von Berg). 106 000 Reichsmark legten sie für das „Haus Burgstetten“ hin, der Kaufpreis war für die Kriegsjahre üppig. Das Anwesen wird im Grundbuch-Kataster als „Wohnhaus (Villa)“ klassifiziert, dazu gehörten Stallungen ebenso wie – damals eine Seltenheit – eine englische Gartenanlage. Es ging dem Ehepaar gut, das blieb so über die Jahre, in denen der Name Wutz nicht weiter auffiel.

Viel findet sich nicht in offenen Archiven über sie. Vielleicht ahnte die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung – die sich zutiefst der Demokratie verpflichtet hat – nicht, welch belastetes Erbe sie da in den 80ern freudig annahm. Die Vorgabe, das Grundstück sowie ein dickes Bankkonto zu verwalten und daraus einen schönen Volksmusikpreis zu stiften, ist unverfänglich. Das Konto schwoll durch den Verkauf des Grundstücks an. Die jüngste Bilanz weist 1,42 Millionen Euro aus.

Spätestens vor zwei Jahren aber fiel der braune Schatten in der Stiftung auf. „Ein mündlicher Hinweis“, heißt es offiziell. Weitere gesicherte Erkenntnisse habe man nicht gewinnen können. Nach Informationen aus dem Bayerischen Staatsarchiv München allerdings nahm die Stiftung Einsicht in die Spruchkammerakte von Max (die von Maria ist verschollen). Zudem kursieren Informationen, im Nachlass seien „Devotionalien“ gefunden worden, die nicht dafür sprächen, dass das Ehepaar dem Nazi-Geist vollständig abgeschworen habe. Ein Berger, der Wutz kannte, nennt ihn einen „unangenehmen Bewohner. Er suchte ständig Streit.“

Die Hanns-Seidel-Stiftung um den Vorsitzenden und langjährigen Minister Hans Zehetmair (76) strebte zunächst eine diskrete Lösung an. Die Preise werden weiter vergeben, seit 2010 aber sind öffentliche Hinweise auf das Ehepaar getilgt. Nun geht die Stiftung in die Offensive. Es gebe neue Anhaltspunkte über die Vergangenheit der Stifter, sagte ein Sprecher: „Wir halten eine öffentliche Aufarbeitung für erforderlich. Wir werden hierzu ein externes Gutachten in Auftrag geben.“ Fast drei Jahrzehnte habe man den Namen Wutz „im guten Glauben öffentlich genannt“, niemand habe Einwand erhoben.

Heikel ist der Fall für die gesamte Partei, deren Spitze inklusive Horst Seehofer die Führung der Hanns-Seidel-Stiftung stellt. Was aus dem Preis wird, ist ungewiss. Sollten „eindeutige Ergebnisse vorliegen“, lässt Zehetmair mitteilen, werde die Stiftung „über daraus zu ziehende Maßnahmen entscheiden“.

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER UND DIRK WALTER

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