In den Abgründen des Familienlebens

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    • 25.03.13
    • Kultur
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"Hänsel und Gretel" an der Bayerischen Staatsoper

In den Abgründen des Familienlebens

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München - Eine moderne Fassung eines Oldtimers unter Münchens Staatsopern-Produktionen räumt auf mit alten Sehgewohnheiten: "Hänsel und Gretel", inszeniert von Richard Jones.

Durchgeknallte Oma: Rainer Trost bei seinem Kabinettstückchen als Knusperhexe. foto: hösl

© Hösl

Durchgeknallte Oma: Rainer Trost bei seinem Kabinettstückchen als Knusperhexe.

Rund 280 Aufführungen in 47 Jahren, den mutmaßlichen europäischen Musiktheaterrekord wie die Vorgängerin wird diese Inszenierung nicht schaffen. Vor allem, weil es heute eben schneller Abschied nehmen heißt von alten Sehgewohnheiten – und weil die Münchner Neu-Produktion von Richard Jones ohnehin bereits seit 15 Jahren durch die internationalen Häuser tingelt.

Herbert Lists „Hänsel und Gretel“, 1965 an der Bayerischen Staatsoper erstmals zu sehen, war kitschromantisches Nostalgietheater, notdürftig geflickt für Generationen – und auch, da müssen die List-Fans jetzt stark sein, zunehmend langweilig für die Jugend des 21. Jahrhunderts.

Die Besetzung

Dirigent: Tomá(s) Hanus.

Regie: Richard Jones.

Neueinstudierung:

Benjamin Davis.

Ausstattung: John Macfarlane. Chor: Stellario Fagone.

Darsteller: Alejandro Marco-Buhrmester (Peter), Janina Baechle (Gertrud), Tara Erraught (Hänsel), Hanna-Elisabeth Müller (Gretel), Rainer Trost (Knusperhexe), Yulia Sokolik (Sandmännchen), Golda Schultz (Taumännchen) u.a.

Die Ersatz-Inszenierung von Richard Jones, schon an der Welsh National Opera, in Chicago, San Francisco und New York im Angebot, ist auch kein Ding von heute. Eher ein (auch sozialkritischer) Blick in Abgründe des britischen Familienlebens aus den Sechziger- bis Siebzigerjahren. Wenn der Vater säuft und die frustrierte Mama beinahe zur tödlichen Tablettendosis greift, wird’s gefährlich ernst. Und wenn die Hexe als durchgeknallte Dreifachkinn-Oma nicht den Besen, sondern Messer und Schöpfkelle schwingt und am Schluss von rächenden Kindern verspeist wird, herrlich bizarr.

Über weite Strecken kurzweilig ist dieser Abend. Und ein, zwei Umbesetzungen könnte er schon noch vertragen. Denn Höchstklassiges bescherte die Bayerische Staatsoper eigentlich nur beim hervorragenden Kinderchor – und in den Titelrollen. Tara Erraught (Hänsel) und Hanna-Elisabeth Müller (Gretel), Eigengewächse des Hauses, singen und spielen mit einer Zweieinigkeit, als ob sie das seit Jahrzehnten tun. Die frischen, locker ansprechenden Stimmen harmonieren wunderbar, ob im Lyrischen oder im kecken Auftrumpfen, allein der „Abendsegen“ ist ein Besuch der Aufführung wert.

Vor allem aber: Der Text ist bei ihnen fast immer zu verstehen, bei anderen weniger. Merkwürdigerweise nämlich verzichtet man auf Übertitel. Alejandro Marco-Buhrmester (Vater) und Janina Baechle (Mutter) mögen imponierendes Vokalmaterial ins Feld führen. Was sie da singen, dürfte dem Neu-Zuhörer allerdings ein Rätsel bleiben. Rainer Trost als Hexe ist ein umwerfendes Kabinettstückchen, sängerisch bleibt er freilich blass, da fehlen ihm die grellen Tenorfarben, wie sie ein Ulrich Reß oder Kevin Conners mitgebracht hätten. Dass das Staatsorchester die Partitur aus dem Effeff kann, hört man. Dirigent Tomáš Hanu muss nur hie und da Humperdincks Bombast dämpfen. Ansonsten dringt Geschmeidiges, Luxuriöses (vor allem von den Streichern) aus dem Graben.

Die Ovationen des sehr jugendlichen Publikums stellten jeden Wagner-Abend in den Schatten. Regisseur Richard Jones ließ sich von Assistent Benjamin Davis vertreten: Der Vielgebuchte war zeitgleich in Hamburg, wo er mit Brittens „Gloriana“ Premiere hatte. Exklusives, Einzigartiges wolle man an der Bayerischen Staatsoper bieten, hat ja Intendant Nikolaus Bachler einst gesagt. Gemessen am eigenen Anspruch ist dieser ältliche Humperdinck-Import dann wohl ein kleiner Fehltritt.

Markus Thiel

Weitere Vorstellungen:

27.3. sowie 1., 4. und 7.4., dann erst wieder im Dezember; eine Dreiviertelstunde vor Beginn gibt es jeweils eine Kindereinführung; Telefon 089/ 2185-1920.

„Es lohnt sich reinzugehen“

Der Oldtimer unter Münchens Staatsopern-Produktionen ist endgültig Schrott. 47 Jahre lang lief Humperdincks „Hänsel und Gretel“ in der Regie Herbert Lists. Am Sonntag kam die Inszenierung von Richard Jones heraus. Hier schreibt eine Vertreterin der Zielgruppe, wie die Premiere war – die elfjährige Klara.

Von Klara Deser*

* Klara ist elf Jahre alt, wohnt in München und geht in die sechste Klasse. Sie hat schon im Unterstufenchor gesungen und will jetzt mit ihrer Freundin eine Band gründen.

Ich fand’s eigentlich schön. Was auf der Bühne war, hat gut zur Musik gepasst. Alle haben toll gesungen. Manchmal hat man aber die Sänger nicht so gut verstanden. Vielleicht weil sie zu dramatisch waren oder das Orchester zu laut war. Da war das mit dem Text ein bisschen schwierig. Zum Beispiel die Gretel war sehr gut zu verstehen, die Mutter dagegen nicht.

Ein Problem ist: Wenn man nicht so viel versteht, dann schweifen die Gedanken ab, und man denkt an die nächste Szene. Am Schluss vom ersten Akt habe ich mir deshalb schon die spannenderen Szenen mit der Hexe vorgestellt. Trotzdem: Langweilig war’s mir nie.

Was am Schluss vom ersten Akt passiert ist, war wahrscheinlich nicht mehr Wirklichkeit. Wenn Hänsel und Gretel sich zum Schlafen hinlegen, dann träumen die beiden, was dann passiert. Sonst wäre das ja auch ziemlich unlogisch, wenn auf einmal Köche mit so seltsamen Masken kommen und Essen bringen. Außerdem haben Hänsel und Gretel für diese Szene andere Kleider bekommen. Später haben sie die nicht mehr an, also müssen sie die Köche-Szene geträumt haben. Und die Szenen mit der Hexe sind dann wieder wirklich passiert.

Die Hexe fand ich ziemlich lustig. Gesungen hat sie nicht so... Man hat sie nicht gut verstanden, aber sie hat klasse geschauspielert. Ich fand’s auch nicht seltsam, dass das ein Mann war. Mir ist so etwas eigentlich egal, die Hexe sah ja auch nicht aus wie ein Mann.

Es war ein bisschen ungewöhnlich, dass alle Szenen immer in Zimmern spielten. Wenn zum Beispiel im Wald ein Tisch, eine Kommode und ein Waschbecken sind – das habe ich nicht ganz verstanden. Wenn bei der Hexe die ganzen Kinder aus dem Schrank gefallen sind und Gretel plötzlich eine abgeschlagene Hand hielt und im Kühschrank der Hexe Beine hingen, das fand ich ein bisschen gruselig.

Meine Mutter hat mir vorher aus dem Internet ausgedruckt, worum es in den drei Akten geht. Und sie hat mir schon erzählt, dass am Ende die Hexe aufgegessen wird. Sonst haben wir nicht darüber geredet, ich wollte mich halt überraschen lassen. Im Musikunterricht haben wir noch nicht über Opern gesprochen, in der Grundschule aber über Märchen.

Ich habe gehört, dass es in der alten Inszenierung ein Lebkuchenhaus gab. Wenn das jetzt alles anders aussieht, ist das aber nicht so schlimm. Ich fand’s nicht zu modern. Was mich ein bisschen gewundert hat, weil ich das vom Märchen nicht so kannte, das war dieser Kühlschrank. Ich hätte gedacht, die spielen das alles in älteren Zeiten.

Müde bin ich in der Aufführung nicht geworden, auch wenn sie abends war. Es passt einfach besser, wenn man das abends spielt, gerade weil Hänsel und Gretel im Wald schlafen. In einer Nachmittagsvorstellung fände ich das alles gar nicht so gruselig, zum Beispiel wenn die Hexe die Kinder bedroht.

Ich würde die Aufführung weiterempfehlen. Es lohnt sich, da reinzugehen. Man könnte in diese Oper auch kleinere Kinder mitnehmen. Aber die müsste man vorher darauf vorbereiten, weil da diese Körperteile im Kühlschrank hängen. Davor könnte man Angst bekommen. Und dann trauen sich zum Beispiel kleine Kinder nicht mehr in den Wald. Andererseits: Nach der Oper gibt es die Hexe nicht mehr – also ist es auch kein Problem, in den Wald zu gehen. Dass die Hexe aufgegessen wird, ist schon etwas hart. Aber sie hat ja auch Kinder gegessen. Also ist das nur gerecht so.

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