Abstoßende Seligkeit

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    • 26.03.13
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„Geschichten aus dem Wiener Wald“

Abstoßende Seligkeit im Volkstheater

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Hausherr Christian Stückl inszenierte am Volkstheater „Geschichten aus dem Wiener Wald“ von Ödön von Horváth.

Große Gesten – große Liebe? Während Marianne (Lenja Schultze) ihren Verlobten verlässt, als sie Alfred (Max Wagner) kennenlernt, ziehen bald schon wieder Pferdewetten und andere Frauen diesen Tunichtgut an. Foto: arno Declair

© Arno Declair 

Große Gesten – große Liebe? Während Marianne (Lenja Schultze) ihren Verlobten verlässt, als sie Alfred (Max Wagner) kennenlernt, ziehen bald schon wieder Pferdewetten und andere Frauen diesen Tunichtgut an.

Ja, allzu naheliegend und auch wohlfeil ist es, hier mit der Formulierung „Ende gut, alles gut“ zu beginnen. „Das sind doch nur Kalendersprüch!“, würde Oskar aus den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ dazwischenrufen. Und abgesehen davon, dass es sich um den Titel eines Shakespeare-Stücks handelt, hätte er Recht. Doch diese Feststellung trifft zu. Denn die Inszenierung von Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ am Münchner Volkstheater hatte einen mehr als schwierigen Vorlauf. Zunächst brach sich Intendant und Regisseur Christian Stückl in seinem Heimatort Oberammergau das rechte Wadenbein und musste operiert werden (wir berichteten). Der Premierentermin wurde um beinahe zwei Wochen auf Montag verlegt. Am vergangenen Samstag musste dann Thomas Kylau plötzlich ins Krankenhaus – Michael Tschernow schaffte sich in den letzten 48 Stunden vor der Premiere dessen Rolle als Rittmeister drauf.

Stückls Inszenierung sind die Widrigkeiten der Probenzeit indes nicht anzumerken: Der etwas mehr als zwei Stunden lange Abend (eine Pause) ist temporeich und packend, krachertes Volkstheater und erbarmungslose Gesellschaftsanalyse, höchst unterhaltsam und bitter in ihrer Erkenntnis. Ein kleinbürgerliches Typenkabinett entfaltet der Regisseur. Es ist verlogen und böse.

Stückl arbeitet mit einer geschickt gekürzten und behutsam modernisierten Fassung des 1931 in Berlin uraufgeführten Stücks. So gibt es etwa beim Heurigen zu Beginn des dritten Akts weder Schrammelmusik noch Blütenregen, sondern derbe Zoten von geifernden Männern. Und Alfreds Credo „Wer heutzutage vorwärtskommen will, muss mit der Arbeit der anderen arbeiten“ lässt sich sowieso ohne Reibungsverlust aus der Krisenzeit Anfang der Dreißigerjahre ins Heute übernehmen.

Stückl sowie sein Kostüm- und Bühnenbildner Stefan Hageneier haben die von Horváth als Kitsch entlarvte Spießer-Welt in einem schreiend gelben Guckkasten angesiedelt, der sich in eine düstere, nebelverhangene Sumpf- und Waldlandschaft öffnen kann. Die Wachau hat hier jeden Charme verloren. Diese Überzeichnung setzt sich bei den Figuren fort: Schrill, expressiv, wie einem quietschbunten Comic entsprungen – so lässt Stückl seine gut aufgelegten, treffend besetzten Schauspieler agieren. Nur selten zeigen sie das menschliche Antlitz ihrer Figuren. Mariannes Ausschluss und Sturz aus dieser Ballermann-Operetten-Seligkeit wirkt dann umso härter.

Um zunächst diese richtig zu zelebrieren, hat Michael Gumpinger eine kluge Liedauswahl getroffen. Natürlich interpretiert er am Klavier Johann Strauß’ „An der schönen blauen Donau“. Daneben gibt es Vergleichbares aus der Gegenwart. Meat Loafs „I Would Do Anything For Love“ singt Lenja Schultze, als sich ihre Marianne dem Hallodri Alfred an den Hals wirft: erst ganz behutsam, dann mit der Leidenschaft einer jungen Frau. Ja, für die Liebe ist sie tatsächlich bereit, alles zu tun. Doch Marianne wird es grausam büßen müssen – in ihrer Kleinbürgerwelt wird bestraft und geächtet, wer nicht den Normen folgt.

Schultze ist hier in ihrer bislang besten Rolle am Volkstheater zu sehen. Marianne ist bei ihr ein naives Mädchen, das dennoch überzeugt ist, Leben und Liebe müssten mehr für sie bereithalten als eine Vernunftehe mit dem fetten Fleischhauer Oskar aus dem Nachbarhaus. In wenigen, kostbaren Momenten gönnt Schultze ihrer Figur so etwas wie Emanzipation. Mögen ihre großen Augen noch so staunend blicken: Diese Frau scheint die Einzige zu sein, die das Spiel durchschaut. Kein Wunder, dass Stückl Marianne zumindest einen Augenblick zärtliches Liebesglück und leise Hoffnung auf ein gutes Ende gönnt, als sie zum ersten Mal mit Alfred allein ist.

Max Wagner entfaltet in dieser Rolle so umwerfenden wie abstoßenden Charme: Zurechtgemacht im weißen Anzug und mit blonder Mähne wie Kinski einst in „Fitzcarraldo“ gurrt sich dieser Möchtegern-Dandy durchs Leben, Verpflichtungen elegant vermeidend. Ein Aufschneider und Schaumschläger ist er, der auch eine liebenswürdige Seite hat. Oder? Es ist eine Freude, Wagner zu sehen (und singen zu hören).

Pascal Fligg zeigt als Oskar großes komisches Talent – überspielt damit jedoch etwas das Boshafte seiner Figur. Vielleicht spiegelt sich in ihr am stärksten das Stück und dessen Inszenierung: Alle drei können jederzeit ins Bedrohliche kippen. „Du entgehst meiner Liebe nicht“, wirft Oskar seiner Marianne an den Kopf, als sie die Verlobung löst. Eine Drohung, die bittere Realität werden wird. Denn am Ende geht Stückl sogar noch über Horváths pessimistischen Blick aufs angebliche Spießerglück hinaus. Denn der Autor deutet einen glücklichen Ausgang für sein neues, altes Hochzeitspaar zumindest an: „Ich kann nicht mehr. Jetzt kann ich nicht mehr“, ist Mariannes letzter, stockender Satz. „Dann komm“, fordert Oskar sie auf. Bei Horváth stützt er die Frau, die körperlich und nervlich längst am Ende ist. Stückl dagegen lässt Lenja Schultze an Pascal Fligg vorbeigehen – ganz so, als wolle diese Marianne es doch noch einmal allein versuchen: Fliggs ausgestreckten Arm ignoriert sie. Doch der packt im letzten Moment zu und reißt das Mädchen brutal in seine Arme, während Gumpinger am Klavier „Kein schöner Land“ anstimmt. Als die Musik abrupt und dissonant endet, beißt Oskar im verlöschenden Licht Marianne in den Hals. Ende gut, alles gut?

Sehr herzlicher Applaus für Schauspieler und Regisseur.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 7., 8., 14. und 15. April; Telefon 089/ 523 46 55.

Die Besetzung

Regie: Christian Stückl.

Ausstattung: Stefan Hageneier. Musik: Michael Gumpinger. Darsteller: Max Wagner

(Alfred), Ilona Grandke (Die

Mutter), Sohel Altan G. (Havlitschek), Ursula Burkhart (Valerie), Pascal Fligg (Oskar), Michael Tschernow (Rittmeister), Lenja Schultze (Marianne), Jean-Luc Bubert (Zauberkönig), Johannes Meier (Erich), Constanze

Wächter (Emma).

Die Handlung

Am Tag ihrer Verlobung verlässt die brave Marianne den Fleischhauer Oskar, weil sie glaubt, in Alfred die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben. Sie wird schwanger von ihm. Ihr Vater, der Zauberkönig, verstößt sie. Alfred ist ein arbeitsscheuer Hallodri, überfordert vom kleinbürgerlichen Familienleben. Er verlässt Marianne, die sich als Nackttänzerin verdingen muss. Oskar wäre dennoch bereit, Marianne zu heiraten – wenn nur ihr Kind nicht wäre. Als der Kleine, der bei Alfreds Mutter untergebracht ist, durch deren Unachtsamkeit stirbt, steht der Hochzeit nichts im Weg.

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