Bayerns Mutter Courage

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    • 08.07.05
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Bayerns Mutter Courage

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- Die Zeiten haben sich rasant geändert. Als 1983 in München das Volkstheater gegründet wurde, wäre Ruth Drexel eigentlich schon damals die einzig richtige Intendantin gewesen. Doch das ließ sich vor über zwei Jahrzehnten nicht durchsetzen. Und das nicht nur unter politischen Aspekten. Nein, bis dahin gab es an keinem Staats- oder Stadttheater der Bundesrepublik eine Frau auf dem Chefsessel.

Bis dahin kannte nicht einmal der Duden das Wort "Intendantin". Fünf Jahre später war es dann so weit. Nach Jörg-Dieter Haas übernahm sie die Leitung des Münchner Volkstheaters - für zehn und dann als Retterin in der Not noch einmal für weitere drei Jahre. Sie schaffte in kürzester Zeit, dass man bei dem Begriff Volkstheater sofort und immer den Namen Ruth Drexel mitdachte. Das Haus am Stiglmaierplatz hatte ein Gesicht bekommen: jenes der damals bereits berühmten Schauspielerin. Aus Ruth Drexel wurde die Drexel.Ruth Drexel also hat an der Theatergeschichte kräftig mitgeschrieben. Wenn sie am Dienstag, 12. Juli, ihren 75. Geburtstag feiert, könnte sie sich getrost zurücklehnen, auf ihren Lorbeeren ausruhen, das Leben anders als im dunklen Zuschauerraum oder vor grellen Scheinwerfern genießen. Doch welchem Künstler würde diese Art Leben schon gefallen? Wo doch Spielen das Leben ist.Die Giehse war das Vorbild

Mit der Pensionswirtin Resi Berghammer, der Mutter des "Bullen von Tölz", hat Ruth Drexel sozusagen eine dritte Karriere gestartet. Avancierte zu einem Fernsehstar der anderen Sorte. Nicht allein die Tatsache, dass die Drexel eine so ausgezeichnete Schauspielerin ist, macht den Erfolg dieser Serie aus. Eine Rolle spielt hier auch, dass sie jedem 08/15-Schönfrauen-Klischee widerspricht, nämlich so gar nichts hat von einem heruntergehungerten Teenager von hinten.Ruth Drexel, die am 12. Juli 1930 im bayerischen Vilshofen geboren wurde und ihre Kindheit und Jugend in Trostberg an der Alz verbracht hat, startete direkt nach dem Abitur in eine Schauspielerkarriere. Kaum an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule angenommen, debütierte sie auch schon 1949 an den Kammerspielen als Ilse in Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen". Über viele Jahre war - mit einigen Unterbrechungen - dies ihr Stammhaus. Hier prägten sie die großen Alten - Hans Schweikart, Fritz Kortner und vor allem Therese Giehse, die in ihrer Kompromisslosigkeit immer Drexels Vorbild blieb. Hier aber beeindruckte sie auch in seiner künstlerischen wie politischen Rigorosität der damals junge Regisseur Peter Stein. Ebenso die sehr gesellschaftskritischen Jung-Dramatiker Franz Xaver Kroetz und Martin Sperr.Auch Ruth Drexel war als Schauspielerin nie eine angepasste. Ihr Herz schlug links. Da war es kein Wunder, dass es sie als 27-jährige Schauspielerin nach Ost-Berlin zog, ans Berliner Ensemble, das von der Brecht-Witwe Helene Weigel geleitet wurde. Auch nach dem Mauerbau 1961 fand Ruth Drexel Berlin spannend genug, um dort Theater zu spielen - nun aber in West-Berlin, an der Freien Volksbühne, an der Schaubühne.Sie war die erste Frau, die am Resi inszenieren durfte

Sie musste wohl erst einige Jahre aus München weg sein - zusammen mit ihrem Mann, dem unvergesslichen Hans Brenner, bildete sie ein absolutes Erfolgsgespann an den Bühnen in Darmstadt und Düsseldorf -, um als diejenige nach Bayern zurückzukommen, als die sie die heutigen Zuschauergenerationen kennen: als gestandenes Weibsbild, als deftige Komödiantin, als eine Frau voller Härte."Wenn eine in München die Mutter Courage spielt, dann nur die Ruth Drexel", hat Brecht-Tochter Hanne Hiob Anfang der 80er-Jahre dem Residenztheater, wo die Drexel nun engagiert war, verordnet. Und natürlich verkörperte sie auch diese Rolle. Und noch so viele andere. Sie sang in der Offenbach-Operette, spielte "Bernarda Albas Haus", war die Balbina in "Der starke Stamm" und immer wieder die wunderbaren Typen Karl Valentins. Und sie war die erste Frau, die am Bayerischen Staatsschauspiel inszenieren durfte: Nestroys "Talisman".Über ihren Erfolgen als Regisseurin, ihren Meriten als Intendantin aber hat sie nie die Schauspielerei vernachlässigt. Während ihrer Ära am Münchner Volkstheater war sie so etwas wie eine Mischung aus Neuberin und Striese: eine Kämpferin um Kunst und das nötige Geld dazu, eine, die sehr persönlich, mit ihrer Anwesenheit auf der Bühne oder hinterm Regiepult Abend für Abend einstand für ihr Theater. Dass sie dabei Hans Brenner an ihrer Seite hatte, mit dem sie Valentin, Brecht, Goethe und Büchner spielte, war ein persönlicher Glücksumstand. Kein anderer Münchner Intendant hätte mit diesem schmalen Budget ein solches Repertoire hingekriegt.Und kein anderer hätte es geschafft, Künstler an dieses Haus zu holen, die anderswo höhere Gagen gewohnt waren: neben dem großartigen Brenner zum Beispiel Katharina Thalbach, Christine Ostermeier, Nikolaus Paryla, Franz Xaver Kroetz, Josef Bierbichler, Rita Russek, Hans-Michael Rehberg . . .Vor drei Jahren übergab die Drexel endgültig "ihr" Volkstheater in andere, in Christian Stückls Hände. Den Striese und die Neuberin in ihr aber bedient sie nach wie vor als künstlerische Leiterin der Tiroler Volksschauspiele in Telfs. Das eigentliche Volkstheater aber, das ihre große Domäne auch als Darstellerin ist, hat die Drexel ins Fernsehen verlegt. Und zeigt so Serie um Serie den Preußen, Westfalen, Hamburgern und Sachsen etwas von dem schönen Selbstverständnis einer großen bayerischen Volksschauspielerin.

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