„Das Tüfteln ist wie eine Droge“

    • aHR0cDovL3d3dy5tZXJrdXItb25saW5lLmRlL2FrdHVlbGxlcy9rdWx0dXIvZGFzLXR1ZWZ0ZWxuLWVpbmUtZHJvZ2UtMzA4NzM4NS5odG1s3087385"Das Tüfteln ist wie eine Droge"0true
    • 01.09.13
    • Kultur
    • Drucken
Interview mit Georg Zeppenfeld

"Das Tüfteln ist wie eine Droge"

    • recommendbutton_count100
    • 0

München - Georg Zeppenfeld spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über Väterrollen, Ärger bei den Salzburger Festspielen und seinen Wunsch, Musiklehrer zu werden.

Georg Zeppenfeld

© Karl Forster

In der Salzburger Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ war Georg Zeppenfeld als Veit Pogner zu erleben.

Selbstbewusst, abgeklärt, uneitel, ehrlich über sich und diese merkwürdige Opernszene nachdenkend, so begegnet einem Georg Zeppenfeld. Und so reflektiert, vor allem so schön singt er auch, zuletzt bei den Salzburger „Meistersingern“ als Pogner. Ein Ausnahmebassist in jeglicher Hinsicht. Der gebürtige Sauerländer lebt mit seiner Familie in Dresden, wo er an der Semperoper häufig auftritt. Ende Oktober und Anfang November ist Zeppenfeld an der Bayerischen Staatsoper in Dvořáks „Rusalka“ zu erleben.

Viele Bassisten haben ein Problem, weil sie Väterrollen singen müssen. Fühlten Sie sich auch zu jung?

Wir sind angeblich für alles zu jung. Und dann sollte man am besten groß und stämmig sein und so aussehen, wie man klingt. Andererseits: Leute mit 140 Kilo Lebendgewicht haben manchmal Schwierigkeiten, ihre Erscheinung mit der Stimme einzulösen. Wenn man also mit einer schmalen Silhouette daherkommt und einigermaßen hörbar singt, kann man angenehm überraschen. Mein erster Wagner war im „Parsifal“ der alte Titurel. (Lacht.) Ich habe damals Tattern gelernt.

Wie war Ihre Stimme anfangs? Ein unbehauener Granitbrocken...?

Granit sicher nicht. Ich habe zunächst Schulmusik mit Hauptfach Klavier studiert und die Stimme während dieser Ausbildung erst gefunden. Mit der Zeit habe ich das ernster genommen, dadurch wuchs die Stimme, blieb aber eher lyrisch. An meinem ersten Studienort in Detmold wurde mir gesagt: „Sie sind ein Bariton mit der falschen Technik.“ Später wechselte ich den Lehrer und traf auf Hans Sotin in Köln. Ich erzählte ihm das, und er hat sich kaputtgelacht.

Als Lehrer hätten Sie ja auch eine Bühne gehabt.

Genau das war der Gedanke: Wenn das mit dem Singen nicht geklappt hätte, dann hätte ich gern und mit großem Sendungsbewusstsein Musikunterricht gegeben. Aber Lehrer mit Sendungsbewusstsein sind doch die ersten, die vor die Hunde gehen, weil sie die härtesten Enttäuschungen einstecken müssen. Weil ich merkte, dass ich die Leute mit dem Singen vielleicht mehr begeistern kann, ist es eben der andere Beruf geworden.

Sie sind ein Verfechter der Ochsentour...

...weil ich immer streng war mit mir. Ich habe einfach die Jahre gebraucht. Bei anderen ist die Stimme mit Mitte zwanzig da, die können ganz anders einsteigen, leichter an die großen Adressen kommen – einlösen müssen sie es trotzdem. Im Kleinen sich Handwerk aneignen, das war für mich wichtig. Wie man zu einer Probe beiträgt. Wie man sich im Studierzimmer ein Rollenkonzept zurechtlegt und etwas beisteuern kann zur gemeinsamen Arbeit. Sonst ist man doch wie ein Treibanker, der mitgezogen werden muss. Die Motoren auf der Probe sind meistens Leute, die etwas mitbringen und flexibel reagieren können.

Ein Regisseur muss also das, was Sie mitbringen, nur noch kanalisieren.

Ich freue mich, wenn einer schlüssige Vorstellungen hat. Aber ich habe auch immer etwas anzubieten. Im „Notfall“ muss ich mir selbst meinen Weg suchen. Im guten Normalfall inszeniert man als vorbereiteter Sänger ja quasi mit.

Müssen sich Sänger stärker wehren gegen Regisseure und zu konditionsraubende Probenzeiten? In diesem Salzburger Sommer ist einiges hochgekocht.

Wir machen schon den Mund auf, aber nicht gern in der Öffentlichkeit. Die Standpunkte wurden in Salzburg klargemacht, nun wissen alle um die Problematik. Es nützt der Sache nicht unbedingt, wenn die Zeitungen mit der Debatte voll sind und man seine Produktion um das Sahnehäubchen des Erfolges bringt...

Wie oft gönnen Sie sich Auszeiten?

Nicht so häufig. Jetzt ist doch die Zeit, während der ich auf den Berg kriechen muss. Irgendwann beginnt wie bei jedem Sänger der Rückweg. Ich habe die nächsten zehn, fünfzehn Jahre meine leistungsfähigste Zeit. Das ist einfach so.

Aber es heißt doch, dass Bässe erst im vorgerückten Alter reifen.

Was man eben so als Reife etikettiert. Manchmal ist eine solche Formulierung auch Notnagel. Ich könnte mir vorstellen, dass Singen nicht mehr so erfüllend ist, wenn man nicht mehr aus dem Vollen schöpfen kann. Das Älterwerden als Sänger stelle ich mir brutal vor. Ich werd’s ja erleben, vielleicht sehe ich das in zwanzig Jahren anders.

Sie sind ein deutscher, groß gewachsener, blonder Bassist. Da sind die Intendanten doch ziemlich einfallslos und bieten ständig Wagner an, oder?

Der Markt möchte einen liebend gern in einer Schublade haben. Nicht weil einem anderes nicht zugetraut würde, sondern weil der Markt es damit einfach hat. Ich hatte das große Glück, dass mich Gerd Uecker während seiner Dresdner Intendanz in fast jeder Verdi-Premiere eingesetzt hat. Man kann nicht von einem Bass erwarten, dass er mit 50 ein toller Philipp ist, wenn man ihn nicht mit 30 dafür üben lässt.

Gibt es Partien, die abgesehen von den vokalen Voraussetzungen nicht zu Ihnen passen?

Sicher. Ich werde, auch weil ich nicht das Instrument dafür habe, nie ein Hagen sein. Präsent sein, quasi nichts zu tun und trotzdem szenischen Druck ausüben, das passt nicht zu mir. Wenn ich auf der Bühne bin, muss ich spielen, sonst bin ich weg.

Warum unterrichten Sie nicht, wenn Sie sich so viele Gedanken um Partien und Karriere machen?

Es passiert ab und zu, dass Kollegen um Rat fragen. Das finde ich sehr schmeichelhaft. Es macht mir Freude, in andere Stimmen zu schlüpfen. Allerdings bin ich zu viel unterwegs, also kann ich da nicht Kontinuierliches unternehmen. Prinzipiell ist dieses Tüfteln an der Stimme wie eine Droge für mich.

Nicht der abendliche Einsatz auf der Bühne?

Gut, Applaus tut ziemlich gut. Es kann auf der Bühne schon dazu kommen, dass man lebt, was man spielt. Ich bin aber kein Freund davon. Ich bin ja nicht allein dort. Manchmal lohnt es sich auch, den Dirigenten anzuschauen... Bei mir ist es in der Vorbereitung so, dass die Stimme langsamer ist als der Kopf. Ich habe eine Rolle immer schnell im Gedächtnis. Also muss ich kneten, bis meine Stimme ihre Wege weiß.

Gibt es einen Karriereplan? In fünf, sechs Jahren der Sachs zum Beispiel?

Ein jüdisches Sprichwort sagt: „Wenn du jemanden zum Lachen bringen willst, dann mach’ einen Plan.“ Klar ist der Sachs eine Option. Ich will mir aber möglichst viel offenhalten. Am liebsten möchte ich Bach bis zur Rente singen. Einen Plan gibt es also: Eine Matthäus-Passion mit 65 noch so singen zu können, wie ich sie gerne hören möchte. Natürlich könnte ich jetzt meine Stimme in ein anderes Format treiben. Aber was würde ich alles dafür verlieren! Den Preis will ich nicht zahlen. Mein Berufsleben soll interessant bleiben.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

zurück zur Übersicht: Kultur

Kommentare

Kommentar verfassen

Aktuelle Fotostrecken

Wacken 2014: Die ersten Bilder aus dem Rocker-Dorf

weitere Fotostrecken:

Nightlife

Verlosung Chiemsee Summer 5 x 2 Supertickets inkl. Camping

Verlosung: 5 x 2 Supertickets inkl. Camping

Offiziell ausverkauft, aber wir haben noch welche am Start: Partygaenger verlost 5 x 2 Supertickets inkl. Camping für das Chiemsee Summer Festival.Mehr...

SMILE 2014 im BobBeaman Club München im August

SMILE, what's the use of crying?

Bereits zum vierten Mal, gibt sich das SMILE Kollektiv wieder die Ehre und initiiert am 8., 9. und 10. August einen Drei-Tage-Wach-Rave im BobBeaman.Mehr...

Der Vorverkauf der dritten World League Nachtwanderung startet

Nachtwanderung die Dritte - VVK gestartet!

Mit Booka Shade, Davide Squillace, Stimming oder Ilario Alicante hat auch die dritte Ausgabe der Nachtwanderung ein dickes Line-up. Am Montag startet der Vorverkauf.Mehr...

Neues Passwort zusenden

Bitte geben Sie ihre E-Mail Adresse an, wir senden Ihnen ein neues Passwort zu.

Bitte warten

Es wird etwas gemacht.

  • recommendbutton_count100
Schließen

Druckvorschau

Artikel:

Schließen

Artikel Empfehlen

Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!

Fehleranzeige ausblenden

Es sind Fehler aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.

Fehleranzeige ausblenden

Schwere Fehler sind aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.

  • Fehlertext

Achtung!

  • Fehlertext

Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.