Erste Saisonpremiere der bayerischen Staatsoper - Ein gespieltes Märchenbuch

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    • 01.11.11
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Erste Saisonpremiere der bayerischen Staatsoper - Ein gespieltes Märchenbuch

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München - Keine üble Bilanz. Drei, vier Buhrufer, und die hätte man gern früher an die Garderobe geschickt. Ansonsten: Entzücken pur im Nationaltheater, gerade weil das Stück endlich wiederkehrt. Warum bloß darf man „Les Contes d’Hoffmann“, dieses einzigartige Opernwunderwerk, nicht öfter erleben?

© Hösl

Starkstrom-Stars: Diana Damrau (Antonia) und Rolando Villazón (Hoffmann).

Diese Hitmaschine mit all ihren märchenhaften Lustbringern? Übersehen werden ja bei solch Pausengesprächsvorwürfen die Hürden. Die leidige Fassungsfrage: Jacques Offenbach starb bekanntlich über der Vollendung. Der Regieansatz: Psycho-Couch oder, wie jetzt in München, Augenfutter ohne analytische Tiefenbohrung? Nicht zuletzt das Besetzungsthema: Wer soll diese Extrempartien eigentlich singen?

Die Besetzung

Dirigent: Constantinos Carydis.

Regie: Richard Jones.

Bühne: Giles Cadle.

Kostüme: Buki Shiff

Choreographie: Lucy Burge.

Chöre: Sören Eckhoff.

Darsteller: Diana Damrau (Olympia, Giulietta, Antonia, Stella), Kevin Conners (Cochenille, Pitichinaccio, Franz), John Relyea (Lindorf, Coppelius,

Dapertutto, Mirakel), Angela Brower (Nikolaus), Okka von der Damerau (Stimme der Mutter), Rolando Villazón (Hoffmann), Ulrich Reß (Spalanzani),

Christoph Stephinger (Crespel, Luther), u.a.

An der Bayerischen Staatsoper vertraute man in der ersten Saisonpremiere auf den Superstar. Ohne Not, es gäbe schließlich ein halbes Dutzend Hoffmanns. Immerhin: Rolando Villazón, der den Unglücksdichter bis in jede Nervenfaserspitze lebt und fühlt, der mit hemdaufreißender Emphase spielt, der Kopfsprünge in sämtliche Partieuntiefen riskiert, dieser größte Sympathieträger der Klassikszene, er kam durch.

Keiner mag zurzeit Offenbachs Anti-Helden so glaubhaft verkörpern. Hier, in der Regie von Richard Jones, als Mixtur aus Säufer-Wrack und Latino-Struwwelpeter. Verraten von dunklen Mächten, ausgeliefert an Alkohol und Hormone und buchstäblich am Boden zerstört, wenn die Musik am Ende noch einmal über diese Schnapsleiche weht.

Und stimmlich? Da gab es Zitterpassagen zuhauf. Gewiss gelingen Villazón in manchen Momenten, meist in der resonanzstärkeren Mittellage, jene bronzenen Töne, für die man ihn so liebt. Mit einem stabilen Stimmkern, der ihn zu Heldischem befähigt, wucherte er noch nie, wohl aber mit exquisitem klanglichen Charme. Der ist fast weg. Stumpf ist die Stimme geworden und wird daher künstlich auf Großformat überreizt. Meist tritt Villazón die (effektvolle) Flucht nach vorn an. Aufgerissene Töne sind die Folge, ein entspanntes, flexibles Gestalten, was im französischen Fach so wichtig wäre, ist bei solchem Staudruck nicht möglich. Villazón singt förmlich auf der Felge. Und es ist ein Wunder, dass ihm dabei nicht mehr passiert.

Fürs eigentliche Vokalereignis dieser „Hoffmann“-Premiere waren die Kolleginnen zuständig. Ensemblemitglied Angela Brower wurde für ihren so stilsicheren wie natürlichen Nikolaus, bei Jones ein Hoffmann-Doppelgänger, gefeiert. Fast genauso stark wie Diana Damrau. Die wagte sich erstmals ans Damenquartett der Dichter-Geliebten – und stieß damit das Tor zur neuen Karrierephase auf.

Die Handlung

Hoffmann leidet an einer unglücklichen Affäre mit der Sängerin Stella. Im Weinkeller beginnt er von seinen Verflossenen zu erzählen. Von der Puppe Olympia, die von Spalanzani konstruiert wurde. Der hatte bei Coppelius dafür Augen gekauft und eine Brille, mittels derer Hoffmann ein lebendiges Wesen vorgegaukelt wird. Doch Coppelius zerstört den Automaten. Antonia, eine andere große Liebe, ist todkrank. Wenn sie singt, stirbt sie. Ihr Doktor

Miracle verführt sie dazu. Die Prostituierte Giulietta ist Dapertutto verfallen, der von ihr verlangt, die Spiegelbilder und Seelen junger Männer für ihn zu gewinnen. Auch bei Hoffmann klappt dies. Giulietta stirbt, als sie Gift trinkt, das für Hoffmanns Gefährten Nikolaus bestimmt war. Nach seinen Erzählungen bricht Hoffmann zusammen, Stella wendet sich ab.

Alles ist noch da. Die luftige Baiser-Süße im Lyrischen, die Koloraturenlust, das absurd komische Jonglieren mit dem Olympia-Zierrat, dies verbunden mit einer Puppenstudie wider alle gesangspädagogische Vernunft. Kopf und Körper ruckeln da zu den kniffligsten Tönen, ein tränentreibendes Kabinettsstück.

Die andere Damrau-Dimension dann bei der Antonia. Solch dramatische Momente, ganz unforciert entwickelt, mit groß blühendem Ton, kannte man von ihr noch nicht. Auch in der tiefer gelagerte Giulietta ließ sie sich nicht zum Nachdrücken verführen, nutzte dafür die Arie zur Stimmkür. Und dass alle vier Frauen, die mit Pelzstola bewehrte Stella inklusive, charakterlich scharf geschieden sind, verrät viel von der Spiellust dieser Ausnahmesolistin: Antonia, von Pathos und Tragik umflort, Giulietta als derbe Edel-Hure und Olympia als steifes, himmelblaues Disney-Püppchen.

Dieser Münchner „Hoffmann“ taugt also weniger für die Regie-, eher für die Musik-Annalen. Von den herrlichen Miniaturstudien der kleineren Rollen – Ulrich Reß (Spalanzani) als Harlekin-Zirkusdirektor, Kevin Conners als französisch blasierter Frantz – bis zu John Relyea. Sein schwarzes Bass-Erz bietet das perfekte Material für die vier Bösewichter, Dapertuttos (nicht originale) „Spiegelarie“ war wohl ein Zugeständnis an ihn. Ohnehin ist diese Aufführung eine Promenadenmischung. Die Fassung basiert zwar in weiten Teilen auf der neuesten von Kaye und Keck, bleibt aber in manchen Nummern inkonsequent.

Egal, wenn aus dem Graben so Überwältigendes dringt. Constantinos Carydis hat mit dem Staatsorchester und dem präzisen Chor eine Starkstromleitung angezapft. Unerbittlich, auch rücksichtslos setzt er sein Konzept durch. Kein Laissez-faire-Offenbach ist das, vielmehr eine mit Knalleffekten munitionierte, hochdramatische, verblüffend detailbewusste und messerscharfe Deutung. In seiner Auslotung des Werks, in seinem Verständnis für die Tiefenschichten ist Carydis der Regie dabei um Meilen voraus.

Die setzt dafür auf Surreales mit hohen Schauwerten. Richard Jones und Bühnenbildner stecken das Stück in ein Einheitszimmer, dessen Elemente sich mit den Akten verändern: Hoffmanns Rasierspiegel wird etwa im Giuletta-Bild zum gefährlichen Riesenrund. Richard Jones greift mit Wonne tief in die Illusionstrickkiste, hat auch mit Choreographin Lucy Burge ein imponierendes Beschäftigungsprogramm von der Mini-Studie bis zur gezirkelten Chor-Bewegung entworfen.

Ein gespieltes Märchenbuch ist das Ergebnis. Sehr kurzweilig, sehr unterhaltend. Doch warum der Dichter scheitert und sich durch den Abend säuft, warum die Frauenerfahrungen auf eine Katastrophe zulaufen, welche Rolle dabei Nikolaus spielt: Nie sollst du Jones befragen. Womöglich war der Abend ja als anderes gedacht: als Riesenbonbon nach seiner Münchner „Lohengrin“-Verirrung.

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen: am 4., 9., 12., 17., 21., 25.11.; Telefon 089/ 21 85 19 20.

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