„Gesäubert / Gier / 4.48 Psychose“: Premierenkritik

München - „Gesäubert“, „Gier“, „4.48 Psychose“: Kammerspiele-Intendant Johan Simons spannt diese drei Stücke von Sarah Kane (1971-1999) zu einem Triptychon von Liebe und Leid, Gewalt und Hoffnungslosigkeit, Sehnsucht und Kampf zusammen.

Die Premiere im Münchner Schauspielhaus am Samstagabend (dreieinhalb Stunden) zeigte, dass ihm das geglückt ist. Man hat nach der Vorstellung das Gefühl, viel verstanden zu haben von der Erlebenswelt dieser durch Freitod jung verstorbenen britischen Kult-Dramatikerin der 90er-Jahre – und von den Verzweifelten dieser Welt; aber auch von uns, die wir oft nur hilflos zuschauen oder bloß nur zuschauen wollen.

Die drei Werke mussten gekürzt werden, und etwas kräftiger wäre noch besser gewesen. Sie mussten aber vor allem aus ihrer Verortung gelöst werden. Eva Veronica Born hat dafür eine so zweckmäßige wie schöne Einheitsbühne gebaut: eine Spiel-Arena, umrahmt von Scheinwerfern, bestückt mit einem Potpourri von Stühlen. Darüber, in einer dicken Traube arrangiert, große zylindrische Lampen, ein paar davon sogar im Zuschauerraum. Auf diesem weiten Feld wird von „Gesäubert“ zu „Gier“ offen umgebaut und sich umgezogen. Und wenn am Ende des zweiten Teils der Regen auf das Vierergrüppchen C, M, B und A prasselt, dann weicht das Lampenmaterial auf, fällt schlapp zu Boden und lässt die nackte Aufhängung zurück: elegisches Verfallsbild für „4.48 Psychose“, das dennoch optisch von einem Kammerorchester dominiert wird.

Die Handlung

„Gesäubert“: In einer Art Foltersystem, geleitet von Tinker, werden Seelen, Liebesbeziehungen und Menschen zerstört und zum Teil neu montiert.

„Gier“: Verhaltensmuster und Redefloskeln bei menschlichen Beziehungen werden durchgespielt.

„4.48 Psychosis“: In der Psychiatrie kämpfen die Ärzte um das Leben der Patienten, und einer davon um den Freitod um 4.48 Uhr.

Wie die Bühne machen die biederen Kostüme (Teresa Vergho) klar, dass Simons weder in Kanes Folter-Hölle springen will noch in ihren pechschwarzen Depressions-Abgrund. „Gesäubert“, eine erschütternde, abstoßende Mischung aus Horrorfilm, Märchen-Schrecken und Frankenstein-Experimenten, verpflanzt der Regisseur deswegen in eine Schulklasse – man spielt ja lediglich. Tinker, die böse Figur, Verneiner, Vernichter, Manipulator, gibt Annette Paulmann in Schuluniform und Rothaar-Wuschelperücke als eigentlich sympathische Struwwelpeterine, der nicht die Finger abgeschnitten werden, sondern die andere verstümmelt. Und doch hat sie die gleiche Sehnsucht nach Liebe wie ihre Opfer. Deren Darsteller Marc Benjamin, Stefan Merki, Stefan Hunstein, Sylvana Krappatsch, Sandra Hüller und Thomas Schmauser haben in dieser ersten „Tafel“ des Triptychons alle die Gelegenheit zu einem Solo, das sie wacker nützen. Wobei Krappatsch und Schmauser zu dick auftragen.

Der Lebensfaden Liebe(ssehnsucht) zieht sich weiter: durch die Pingpong-Dialoge von „Gier“, einem rasanten Quartett. Für die Schauspieler eine Herausforderung, für die Zuschauer ein Genuss mit Tiefgang, weil sich in diesen prasselnden Sätzen („Wenn ich hier sterbe, dann hat mich das Tagesprogramm des Fernsehens getötet.“) und Floskeln („Es ist nicht, wie du denkst.“) jeder wiedererkennen kann. Hüller, Krappatsch, Benjamin und Hunstein servieren das mit feiner Komödiantik und Musikalität, blitzgescheit und wach reagierend.

Die Besetzung

Regie: Johan Simons.

Bühne: Eva Veronica Born.

Kostüme: Teresa Vergho.

Musik: Carl Oesterhelt.

Darsteller: Marc Benjamin (Graham, B), Stefan Hunstein (Rod, A), Sandra Hüller (Frau, C, auch in Teil drei/„Psychose“), Sylvana Krappatsch (Grace, M), Stefan Merki (Carl, in „Psychose“), Annette Paulmann (Tinker, in „Psychose“), Thomas Schmauser (Robin, in „Psychose“).

Musiker: Gertrud Schilde, Joerg Widmoser, Nancy Sullivan, Jost-H. Hecker, Juan Sebastian Ruiz, Sachiko Hara.

Beschwingt geht man dann in die Pause – und wird bei „4.48 Psychose“ überraschenderweise ebenso empfangen. Kein beklemmendes Psychiatrie-Weiß, sondern warmes Braun von Streichinstrumenten und das edle Schwarz des Flügels. Das kleine Orchester verströmt die Sicherheit, die die Kunst in einer fiesen Welt gibt. Carl Oesterhelt hat dafür eine ruhige, weiche Musik geschrieben. Pling-pleng-hektisch wird sie nur, wenn Hüller die Medikamentierung für Psychose und deren Nebenwirkungen bei totaler Heil-Wirkungslosigkeit konstatiert. Ansonsten tragen sie und Schmauser quasi als Sängersolisten die Texte des Therapeuten und des Patienten vor, der durch seine unerfüllte Liebe (der rote Faden des Abends) hindurch unbeirrt den Selbstmord um 4.48 Uhr ansteuert. Beide „singen“ ihr „Lied“ mit Profi-Haltung, die nach und nach erschlafft, den Körper aufweicht. Insbesondere Sandra Hüller gestaltet das brillant, ohne brillant sein zu wollen. Wie sie von Zärtlichkeit zu (Therapeuten-)Druck hinterlistig hinübergleitet, verbindet „4.48 Psychose“ mehr mit „Gesäubert“ als ihr – tatsächlich gesungenes – „Schneidet mir die Zungen ab“.

Herzlicher Applaus.

Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen am 28. und 31. Januar sowie 4., 19. und 22. Februar; Telefon 089/ 233 966 00.

Rubriklistenbild: © Julian Röder

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