Ein Haus wächst über sich hinaus

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    • 30.09.13
    • Kultur
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Ein Haus wächst über sich hinaus

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Augsburg - Luigi Nonos „Intolleranza 1960“ am Theater Augsburg, inszeniert von Ludger Engels und dirigiert von Dirk Kaftan: Lesen Sie hier die Premierenkritik!

„Intolleranza“ ist überall: Blick von der Bühne, auf der Publikum und Orchester sitzen, über die Rampe hinweg in den Zuschauerraum des Augsburger Theaters. A.T. Schaefer

© A.T. Schaefer

„Intolleranza“ ist überall: Blick von der Bühne, auf der Publikum und Orchester sitzen, über die Rampe hinweg in den Zuschauerraum des Augsburger Theaters.

Keine Zeit für Luigi Nono ist das gerade. Wo sich Bayern und Deutschland in die Behaglichkeit verkriechen und der Politik ein sattes „Weiter so!“ zurufen. Wo sich Protestparteien um Internet und nicht um Arbeit für alle sorgen. Und wo überhaupt Probleme außerhalb der Landesgrenzen vermutet werden – die man am besten schön dicht hält. Wenn dann Jugendliche vor dem Theater Augsburg krakeelen, dann stutzt man kurz: Nein, es sind keine FC-Fans, keine Wiesn-Heimkehrer. „Glaube! Liebe! Hoffnung!“ schallt es aus dieser inszenierten Demo – und schon ist man, ohne auf dem Theatersessel Platz genommen zu haben, mitten drin in „Intolleranza 1960“.

Nonos 1961 uraufgeführter Achtzigminüter um einen Emigranten, der ein Bergarbeiterdorf und seine Frau verlässt, der in Krieg, Folter und Konzentrationslager gerät, der eine neue „Gefährtin“ findet und Zeuge einer Flutkatastrophe wird, ist eine einzige Zumutung. Für die Ausführenden, für die Zuschauer. Theater darf nicht schweigen, sondern muss schreien, sagt „Intolleranza 1960“. Und es ist wichtig, das sagt diese Aufführung, dass alle diese Schrecklichkeiten um Verfolgung und Entrechtung, um Ausbeutung und Mord nicht in gelehrten Schriften erörtert, sondern als körperliche Belästigung erfahren werden.

Auch deshalb geht einem diese Augsburger Aufführung nahe – weil sie eben so nah ist: Choristen und Solisten agieren manchmal auf Armweite zur ersten Reihe. Und die Musik ist ohnehin überall. Schon am Anfang, wenn man vom Garderobenfoyer durch die Katakomben und Gänge des Hauses gelotst wird, schallen die Nono-Chöre vom Band. Man geht vorbei am lebenden Bild, das Delacroix’ Revolutionsgemälde „Die Freiheit für das Volk“ nachstellt – und ist plötzlich auf der Bühne.

Die offene Stück-Situation Nonos, der ja keine lineare Erzählung bietet, sondern mit Schlaglichtern blendet, nehmen Regisseur Ludger Engels und Ausstatter Ric Schachtebeck auf. Vor der Pause sitzt das Publikum in Block A und B auf der Bühne, blickt dort aufs tiefer gelegte Orchester und die Sänger. Wenn der Emigrant dem Gefängnis, einem Plexiglaskäfig, entflohen ist, öffnet sich der Vorhang zum Zuschauerraum. Eine Fassaden-Silhouette ist dort, karges Symbol der Verheißung. Nach der Pause müssen die „A-Gäste“ ins Parkett und auf den Rang. Totales Theater also, das vom ganzen Bau Besitz nimmt. Das aber nie Spektakel oder Happening ist, auch wenn manches kurz davor scheint: Intendantin Juliane Votteler schielt mit diesem Streich, mit dem ihr Haus weit über sich hinauswächst, nicht nur aufs überregionale Feuilleton, sondern zielt vor allem auf die Stadt. Es gibt Aktionen in der Pause, bei denen Besucher unter Trockenhauben mit Klängen konfrontiert werden. Es gibt, außerhalb der Aufführungen, Filme, Aktionskunst, man kann fingierte Taxifahrten mit Schauspielern durch die Stadt buchen – „Intolleranza“ ist überall. Ein Theater wächst über sich hinaus und thematisiert sich selbst, zeigt offene Wunden in muffigen Gängen, auch dies ist diese Produktion.

Die Aufführung selbst meidet Revolutionsfolklore. Alle sind in Zivil. Vieles wird angetippt statt ausgeführt. Keine Psychologisierungen, dafür der Blick in Gesichter, auf erschrockene, emphatische, zynische Menschen. Ahnungen statt bebilderter (und damit verdoppelter) Schocker – auch das wird Nono gerecht, gegen dessen Musik sich ja nicht aninszenieren lässt.

Das Orchester auf der Bühne ist keine neue Idee. Aber gerade diesen Klängen beim Entstehen zuzuschauen, das fesselt einfach. Vor allem weil Dirk Kaftan mit den Augsburger Philharmonikern und einem fulminanten Chor Großes vollbringt. Natürlich kann nicht alles eingerastet sein, das dürfte sich in den Folgeaufführungen regeln. Doch das Engagement, die Verve, die Unerschrockenheit, mit der alle Beteiligten „Intolleranza 1960“ zu ihrer ureigenen Sache machen, dies nötigt höchsten Respekt ab.

Mathias Schulz kommt als Emigrant mit der ekelhaft hoch notierten Tenorpartie exzellent zurecht, schafft sich dabei noch Raum für Textarbeit und Nuancierungen. Sally du Randt (Gefährtin) singt bestechend genau, auch sinnlich und mühelos auf Nonos Vokalseilen balancierend, Kerstin Descher (Frau) ist so präsent, als habe sie eine Riesenpartie. Mag die Aufführung auch nach der Pause – die es eigentlich nicht gebraucht hätte – an Kraft und Fahrt verlieren: „Intolleranza 1960“, diesen Beweis führt der Abend, ist noch längst nicht aus der Zeit gefallen. Und könnte sich, so viel Augsburger Theaterstolz darf sein, hier ruhig „Intolleranza 2013“ nennen.

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen:

1., 4., 5., 6., 10. und 12. Oktober; Telefon 0821/ 324 49 00.

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