Ludwig II.: Interview zum Kinostart

    • aHR0cDovL3d3dy5tZXJrdXItb25saW5lLmRlL2FrdHVlbGxlcy9rdWx0dXIvbHVkd2lnLWlpLWludGVydmlldy1raW5vc3RhcnQtbW0tMjY3NjYwMi5odG1s2676602Ludwig II.: Interview zum Kinostart0true
    • 23.12.12
    • Kultur
    • Drucken
Hinter der Fassade des Märchenkönigs

Ludwig II.: Interview zum Kinostart

    • recommendbutton_count100
    • 1

München - Jetzt läuft ihr Film „Ludwig II.“ an: Marie Noëlle und Peter Sehr sehen im Wunsch des Monarchen nach Frieden große Aktualität. Ein Interview zum Kinostart.

Die Begeisterung für „Lohengrin“ eint Ludwig II. (Sabin Tambrea) und Sophie Herzogin in Bayern (Paula Beer).

Diese Nachricht elektrisiert nicht nur die Filmwelt: 40 Jahre nach Luchino Viscontis „Ludwig II.“ mit Helmut Berger haben sich die in München lebenden Filmemacher Marie Noëlle und Peter Sehr der Geschichte des „Märchenkönigs“ angenommen. Jahrelang hat das Ehepaar recherchiert, hat Quellen ausgewertet und mit Historikern gesprochen. Was sie erfahren haben, verdichteten sie auf 136 Minuten Film. Ihr „Ludwig II.“ läuft am zweiten Weihnachtsfeiertag in den Kinos an – mit dem Theaterschauspieler Sabin Tambrea haben Noëlle und Sehr ein unbekanntes Gesicht für die Hauptrolle gefunden. Warum sie keinen Star für den Stars unter den Monarchen wollten, erzählen die beiden in unserem Gespräch ebenso, wie sie von der Magie der Originalschauplätze schwärmen – und Ludwigs Botschaft im Heute entdecken.

Wie viel Größenwahn gehört dazu, einen Film über Ludwig II. zu drehen?

Noëlle: Diese Frage darf man sich nicht stellen, sonst kriegt man Angst vor sich selbst. (Lacht.) Natürlich gehört Unverfrorenheit dazu, sich dieses Themas anzunehmen – gerade wenn man an die Vorgängerfilme denkt. Aber als Künstler sucht man immer die Herausforderung: Nur weil Rembrandt bereits ein Bild gemalt hat, darf ich doch trotzdem mit dem Malen anfangen...

© Marcus SchlafIm festlichen Ambiente des Bayerischen Hofs in München empfingen die Regisseure Marie Noëlle und Peter Sehr zum Gespräch über ihren Film „Ludwig II.“.

Sehr: Für uns war dieser Film eine Herausforderung: Wir wollten dem Menschen Ludwig nahekommen – wir haben jahrelang recherchiert, uns mit Quellen beschäftigt, die nie veröffentlicht wurden. Verfilmt haben wir die zwölfte Fassung des Drehbuchs. Natürlich war es auch nicht einfach, das Budget für diesen Film zusammenzubekommen. Und seit Visconti beim Dreh seines Films in den Schlössern Schaden angerichtet hatte, durfte dort nicht mehr gedreht werden. Wir mussten also auch Überzeugungsarbeit bei der Schlösser- und Seenverwaltung leisten. Schließlich mussten wir aus 370 Schauspielern den finden, der Ludwig nicht nur äußerlich ähnlich war, sondern auch seelisch.

Lassen Sie uns nochmals zum Anfang zurück: Wer von Ihnen hatte denn die Idee, diesen Film zu drehen?

Noëlle: Das Projekt wurde an Peter herangetragen, der sich zunächst einen genaueren Überblick auf diesem König verschaffen musste...

Sehr: ...Tausende Bücher gibt es über Ludwig II.!

Noëlle: Wir mussten erst einen Zugang finden.

Wie sah der schließlich aus?

Noëlle: Als ich acht war, habe ich eine Obsession für Wagners „Lohengrin“ entwickelt – und wusste seit damals, dass es das Werk dieses Komponisten nicht ohne Ludwig II. geben würde. Als ich später nach Bayern gekommen bin und beinahe an jeder Ecke ein Bild von Ludwig II. hängen sah, dachte ich: „Hoppla, der ist ja wie eine Mozartkugel.“ Aber auf die Idee, dass wir uns einmal filmisch mit dieser Figur auseinandersetzen könnten, wäre ich nie gekommen.

Was löste diese erste Annäherung bei Ihnen aus?

Noëlle: Wir haben erstmals Empathie entwickelt, als wir feststellten, dass Ludwig II. politisch in Bayern etwas ändern wollte, nachdem er König geworden war. Und zwar mit Kunst und Kultur. Und nicht nur in Bayern: Mit seiner jugendlichen Naivität hat er gedacht, er könne die Welt verändern!

Sehr: Frieden, Frieden, Frieden wollte er schaffen!

Noëlle: Ein Thema, das noch heute wichtig ist. Das hat uns mobilisiert – und wir wollten wissen, was sich hinter der Fassade des Märchenkönigs verbirgt.

Sehr: Faszinierend ist doch, dass man mit einem Film über Ludwig II. einerseits 140 Jahren zurückblickt. Andererseits entspricht aber das, was er ins Leben rufen wollte, ganz der heutigen Welt: Friede zwischen den Ländern – auch durch kulturellen Austausch.

War für Sie immer klar, dass Ihr Film diesen politischen Zugang haben soll?

Noëlle: Jede Biografie ist Interpretation. Wir wollten aber Ludwig II. selbst kennenlernen, also mussten wir zurück zum Ursprungsmaterial, den Tagebüchern, Briefen, Augenzeugenberichten. Wir haben mehr als drei Jahre recherchiert – daher entspricht unser Film dem heutigen Forschungsstand. Nur durch diese intensive Recherche hat uns der Direktor des Geheimarchivs der Wittelsbacher vertraut und uns Zugang verschafft zu Unterlagen, die bislang der Öffentlichkeit nicht bekannt waren. Ohne dieses Vertrauen hätten wir auch keine Drehgenehmigungen für die Schlösser erhalten.

Welche unbekannten Quellen konnten Sie nutzen?

Noëlle: Wir konnten etwa die Tagebücher lesen, von denen nur ein geringer Teil öffentlich ist. Außerdem hatten wir Einsicht in alle politischen Dokumente aus jener Zeit. Mich hätten auch die Tagebücher von Ludwigs Mutter sehr interessiert, aber die sind im Zweiten Weltkrieg verbrannt. Darüber hinaus haben wir fast jeden Historiker in Bayern kennengelernt, der über Ludwig II. gearbeitet hat.

Kann man einen Film über Ludwig II. drehen, ohne die teilweise sehr berühmten Vorgängerfilme zu kennen?

Noëlle: Peter hat sich geweigert, Luchino Viscontis Film nochmals anzuschauen (Lacht.)

Sehr: Dieser Film hatte viel mit Visconti und Helmut Berger zu tun und wenig mit Ludwig II. (Lacht.)

Noëlle: Alle bisherigen Filme zeichnen das Bild eines versponnenen Königs, eines Exzentrikers. Das fanden wir zu einseitig.

War es Segen oder Fluch, an Originalschauplätzen drehen zu können?

Noëlle: Für uns war das notwendig. Es war ein langer Kampf, bis wir die Genehmigungen hatten: Schließlich durften wir drehen – wenn auch in einem sehr strengen Korsett. Ohne die Atmosphäre der Originalschauplätze zu spüren, hätten wir diesen Film nicht machen können.

Sehr: Für die Schlösser- und Seenverwaltung war wichtig, dass wir die Touristen nicht stören. Wir durften also nur nachts drehen. Das machte aber nichts, denn Ludwig schlief am Ende ja am Tag und war nachts wach. Das hat also unseren Vorgaben entsprochen. (Lacht.)

Gab es Momente beim Dreh, die Sie in besonderer Erinnerung haben?

Noëlle: (Lacht.) Mehrere! Als wir etwa im Münchner Cuvilliéstheater drehten, hatten wir als Statisten sehr viele Königstreue – und als Sabin Tambrea, unser Hauptdarsteller, im Kostüm in die Königsloge trat, gab es einen Moment, in dem alle die Luft anzuhalten schienen, weil sie glaubten, Ludwig sei auf die Erde zurückgekehrt. Das war schön!

Wie wichtig war es, die Titelrolle mit einem unbekannten Schauspieler zu besetzen? Sabin Tambrea ist seit 2009 Mitglied des Berliner Ensembles…

Darum geht es

Als sein Vater König Max II. (Axel Milberg) im Jahr 1864 stirbt, muss Kronprinz Ludwig (Sabin Tambrea) im Alter von nur 18 Jahren den bayerischen Thron besteigen. In einer Zeit, in der Krieg und Armut allgegenwärtig sind, glaubt er voller Idealismus an eine bessere Welt. Kunst und Kultur sollen in Bayern aufblühen, statt in Waffen möchte Ludwig II. Staatsgelder in Theater, Musik und Bildung investieren. Er holt den umstrittenen Komponisten Richard Wagner (Edgar Selge) an seinen Hof und stürzt sich mit großem Interesse in die Politik – doch die Umstände sind gegen ihn. Sein Bayern wird in Kriege mit Preußen (Niederlage) und Frankreich (Sieg) verwickelt. Die Abgründe seiner Seele quälen den König. Er flüchtet in ein Reich der Fantasie.

Sehr: Er hat tatsächlich noch nie in einem Film mitgespielt, sondern immer nur Theater gemacht. Wenn man ihn jetzt sieht, sagt keiner „Ach, das ist ja Sabin Tambrea“, sondern „Ach, das ist ja Ludwig“. Wir suchten Darsteller, die größer als 1,90 Meter waren, schlank und nicht älter als 25 Jahre. Denn als Ludwig König wurde, war er 18. Wir wollten zeigen, dass er überhaupt nicht vorbereitet war, als er dieses Amt übernehmen musste.

Noëlle: Es sollte auch ein unbekanntes Gesicht sein, weil wir eine freie Projektionsfläche haben wollten. Viscontis Film etwa ist eher ein Porträt Helmut Bergers als eines von Ludwig. Und O. W. Fischer bei Helmut Käutner ist eigentlich viel zu alt. Wir wollten, dass sich das Publikum auf die Figur einlassen kann – und diese nicht von einem Schauspieler verdeckt wird.

Sie legen sich eindeutig fest, wie Ludwig gestorben ist…

Sehr: Bitte nicht verraten! Aber wir haben Unterlagen bekommen, die uns dazu bewogen haben, dieses Ende zu wählen.

Noëlle: Auch das entspricht dem heutigen Stand der Forschung.

Wie haben Sie für sich die Frage geklärt, wie offen Sie mit der Homosexualität umgehen?

Noëlle: Die Homosexualität an sich ist kein Thema. Es geht hier um die Sehnsucht nach Liebe. Ludwig war ja auch zutiefst gläubig, und Gott hat ja die Onanie ebenso verboten wie die Vereinigung mit Männern: Es ist wirklich herzzerreißend, wenn man Ludwigs Tagebücher liest und feststellt, wie erschrocken er über sich selbst war, wenn er nur einen erotischen Gedanken hatte. Tagelang hat er sich dafür gegeißelt und gebüßt. Das ist sein eigentliches Drama. Denn dadurch hat er sich isoliert. Letztlich kann heute keiner sagen, ob er überhaupt Sexualität neben der Onanie gelebt hat. Ludwig kann jungfräulich gestorben sein. Ein Rätsel!

An Ihrem Film fällt auf, dass die Sprache manchmal sehr heutig ist: Otto schreit Bismarck einmal an: „Diesen Schrott unterschreibt mein Bruder nicht!“ Außerdem wird wenig Dialekt gesprochen…

Noëlle: Ludwig hatte verboten, dass in seiner Gegenwart Bairisch gesprochen wird. Das ist ein historischer Fakt. Einzig Herzog Max, den Urbayern, lassen wir Dialekt sprechen. Wörter wie „Schrott“ oder „toll“ sind ebenfalls authentisch – wir finden sie etwa in Texten von Bettina von Arnim. Wir sind bei der Sprache sehr präzise gewesen. Das war auch eine Herausforderung, denn Ludwig hat gerne in Zitaten gesprochen – und es ist schwierig, dieses literarische Sprechen einem heutigen Publikum zu vermitteln: Wir mussten die richtige Mischung zwischen einer etwas überhöhten und einer organischen Sprache finden.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

zurück zur Übersicht: Kultur

Kommentare

Kommentar verfassen

Aktuelle Fotostrecken

Die Chronologie der Affäre Haderthauer

weitere Fotostrecken:

Kino aktuell

Schiller-Film ist deutscher Oscar-Kandidat

Schiller-Film ist deutscher Oscar-Kandidat

München - Es geht um eine Affäre von Friedrich Schiller mit zwei Frauen: Die Dreiecksgeschichte „Die geliebten Schwestern“ von Dominik Graf (61) geht für Deutschland ins Rennen um die Oscars.Mehr...

Nightlife

Im Interview: Booka Shade

Im Interview: Booka Shade

Am Freitag werden Walter Merziger und Arno Kammermeier aka. Booka Shade das Pacha bespielen. Wir haben den Beiden vorab ein paar Fragen gestellt.Mehr...

Der Q-Club München kehrt zurück

Exklusiv: Die Rückkehr des Q Clubs!

München - Ein Post auf Facebook hat bei zahlreichen Nachtschwärmern für Ekstase gesorgt: "Der Q Club kehrt zurück". Stimmt! Wann und wo, erfahrt ihr hier.Mehr...

Adreian Payne: Basketballstar im Bob Beaman

Basketballstar im Bob Beaman

München - Hoher Besuch auf der Bob-Beaman-Terrasse. Nicht nur, weil Adreian Payne über eine lichte Höhe von 2,08 Meter verfügt, sondern weil er zu den Top-Stars des amerikanischen Basketballs zählt.Mehr...

Neues Passwort zusenden

Bitte geben Sie ihre E-Mail Adresse an, wir senden Ihnen ein neues Passwort zu.

Bitte warten

Es wird etwas gemacht.

  • recommendbutton_count100
Schließen

Druckvorschau

Artikel:

Schließen

Artikel Empfehlen

Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!

Fehleranzeige ausblenden

Es sind Fehler aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.

Fehleranzeige ausblenden

Schwere Fehler sind aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.

  • Fehlertext

Achtung!

  • Fehlertext

Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.