Beate Wedekind zum 90. Geburtstag von Josef von Ferenczy

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    • 02.04.09
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Der erste Medienmanager Josef von Ferenczy wird 90

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Josef von Ferenczy, der erste Medienmanager Deutschlands, blickt zurück auf die besten Zeiten seines Lebens - und schaut nach vorn. Ein Beitrag von Beate Wedekind.

Josef von Ferenczy, der erste Medienmanager Deutschlands.

© dpa

Josef von Ferenczy, der erste Medienmanager Deutschlands.

Aufrecht sitzt Josef von Ferenczy am Kopf seines ovalen Tischs aus hellem Marmor. Jenem Tisch, an dem sich die besten Journalisten, die bedeutendsten Politiker, die einflussreichsten Verleger mit ihm berieten. Hier entstand seine geniale Idee des „Dialog der Gegensätze“, bei dem er kommunistische und demokratische Politiker aus Ost und West miteinander ins Gespräch brachte, lange bevor die ideologischen Grenzen fielen. Hier hat er die Strippen gezogen, als er gleichzeitig Franz-Josef Strauß und Willy Brandt beriet, mit dem Palistinänserführer Yassir Arafat ebenso befreundet war wie mit dem jüdischen Feingeist Ephraim Kishon, mit Helmut Kohl über Macht und Möglichkeiten diskutierte und mit Hans-Dietrich Genscher hinter den Kulissen der Politik die Fäden der Wiedervereinigung zog. Hier verpflichtet er Michail Gorbatschow als Gastredner, was 1992 eine Sensation war, und gab Gerhard Schröder, der wollte, dass er seine Partei in Image-Fragen beriet, einen Korb. Das Telefon liegt griffbereit, Schokoladensplitter auch. Dutzende Erinnerungsfotos hängen an den Wänden. Darüber wacht Jesus Christus, ein Holzkreuz, das ihn seit seiner Kindheit in Ungarn begleitet.

Ein Grandseigneur: Das schwarze Menjoubärtchen ist akkurat getrimmt, das volle Haar brilliert in dezentem Champagnerton. Der Siegelring blinkt in der Sonne, gegen die er seine Augen mit einer verwegenen, getönten Rayban-Brille schützt. Unverhohlen freut er sich über den Besuch, küsst die Hand, strahlt und spricht offen, wie er es immer gehalten hat.

Schonungslos deckt er die Einschränkungen seiner späten Jahre auf. Dass er einen Pullover trägt, weil sein Leib von einer Entzündung geschwollen ist, keiner seiner 50 geliebten Anzüge mehr passt. Dass er sich zur Begrüßung nicht erhebt, weil er es ohne Hilfe nicht mehr kann. Nach einem Schlaganfall braucht er zum Gehen einen Stock, seiner ist aus Ebenholz. Seine Stimme bricht, als er über die Liebe zu seiner Frau Katharina spricht, mit der seit fast 60 Jahren das Leben teilt und die im Nachbarzimmer ihr eigenes Reich hat, körperlich geschwächt, aber wie eh und je von scharfem Verstand; und über die unendliche Trauer über den Tod der beiden Söhne – Csaba erlag 1993 einer Magenblutung, Andreas 1996 einem Herzinfarkt.

Dass es ihm nicht gelang, sein Lebenswerk in fähige, fremde Hände zu übergeben, beschäftigt ihn nach wie vor. Dass er 2001 Insolvenz anmelden und seinen Privatbesitz veräußern musste, auch sein geliebtes Haus, in dem er nur bis September 2010 ein Bleiberecht hat, verkraftet er pflichtbewusst. Resignation war seine Sache nie. In Momenten von Schmerz und Freude verfasst er Gedichte, mehr als 800 sind es bisher, auch Aphorismen wie „Nur wer sich aufgibt, ist ein Verlierer“ stammen aus seiner Feder. Seine Autobiografie heißt „Dialog – Mein Weg zu Menschen“.

Unbequem, ungeduldig, einfordernd

Der Intellektuelle unter den Sozialdemokraten, Peter Glotz, ein treuer Freund der Familie, auch er viel zu früh gestorben, hat für ihn den Begriff Medienmanager erfand, schrieb: „Es ist das Anliegen Josef von Ferenczys, den Dialog, das offene kritische Gespräch, in der Gesellschaft in Bewegung zu bringen (...) Wo nicht geredet wird, entstehen die Probleme – zwischen den einzelnen Menschen ebenso wie zwischen den Nationen.“ Ergebnislos grübelt er, warum frühere Weggefährten den Dialog mit ihm nicht fortsetzten. Man könnte vermuten, dass die Entwicklung ihn überrollt hat. Die Wahrheit ist schmerzhafter. Josef von Ferenczy war unbequem, ungeduldig, einfordernd. Das mag dem einen oder anderen lästig geworden sein. Solch unsinnige Sprachlosigkeit hat ihn angestachelt zu einem innovativen Projekt, das er „Pro Dialog“ nennt und das die Dialogfähigkeit an der Wurzel, in Schulen, in Betrieben, in Vereinen trainieren soll. Es könnte morgen losgehen. Es fehlt nur noch der Partner, der mit ihm an einem Strang zieht.

Das ist es, was an Josef von Ferenczy am meisten beeindruckt: Dass sich ein Mann in seinem neunten Lebensjahrzehnt nicht im Gestern leben, sondern sich den Themen der Zukunft widmet. „Wenn etwas nicht geht, dann mache ich es“, ist sein Credo, „machen, nicht probieren“ betont er. So haben sie es immer gehalten, hart gearbeitet und dabei nicht vergessen, das Leben zu genießen. Die Feste von Katharina und Josef von Ferenczy sind legendär. Unvergessen 1982 das 25-jährige Jubiläum seiner Medienagentur, Thomas Gottschalk machte da seine erste große Unterhaltungs-Moderation.

Auf seine Herkunft ist er stolz

Mehr als seine eigene liebt Josef von Ferenczy die Erfolgsgeschichten der anderen, er veröffentlichte die Memoiren von Max Schmeling, Salvador Dali, Siegfried und Roy. Auf seine Herkunft ist er ebenso so stolz wie auf den Weg, den er gefunden hat: Er bezeichnet sich als „leidenschaftlichen Ungar, treuen Deutschen und begeisterten Europäer“. 1919 in der ungarischen Kleinstadt Kecskemet geboren, verarmten er, seine Schwester Lenke, die im letzten Jahr 94-jährig starb, und seine schöne Mutter Jolan, nachdem der Vater sie verlassen hatte. Als Junge trug er zum Lebensunterhalt der Familie bei, indem er Obstkisten packte und in dem einzigen Kino des Ortes Leitungswasser verkaufte.

Als junger Mann wurde er 1944 wegen seines Widerstandes gegen die Nazis interniert, später ernannten ihn seine Ungarn zum Brigadegeneral ehrenhalber. Auch in Deutschland ist er später vielfach ausgezeichnet worden. Nach der Machtübernahme Ungarns durch die Kommunisten kam er über Österreich 1951 mittellos nach Deutschland und lebt seitdem in München.

Früh erkannte er, dass Information eine Ware ist wie Brot und Butter, fortan handelte er mit Themen, die die Bedürfnisse und den Geschmack eines breiten Publikums trafen. 1957 gründete er seine erste Medienagentur. Einen Scoop landete er 1954 mit einem Film über die Fußballweltmeisterschaft, als seine Wahlheimat Deutschland sein Mutterland Ungarn besiegte. 1956 erfand er die Illustriertenserie: In der „Münchner Illustrierten“ (später „Bunte“) erschienen 40 Folgen von „Wieder aufgerollt: Der Nürnberger Prozess“. Er entdeckte Heinz Konsalik, den er mit der Serie und dem Buch „Der Arzt von Stalingrad“ beauftragte, später einer der erfolgreichsten Nachkriegsfilme; dann kamen Oskar Kolle und die Aufklärungswelle.

Ferenczy war immer am Puls der Zeit. Ferenczy-Autoren der 1960er bis 1980er-Jahre waren die erfolgreichsten Deutschlands. Axel Springer’s langjähriger Oberjournalist Günter Prinz verdankt ihm Millionenauflage, Verleger Hubert Burda ebenso. Auch Wortakrobat Franz Josef Wagner, Helmut Markwort („Focus“) und Patricia Riekel („Bunte“) verdienten ihre ersten Sporen als Ferenczy-Autoren. „Stern“, „Quick“, „Neue Revue“, „Bunte“, „Bild“ setzten auf Ferenczys Gespür für die Massen.

Um acht Uhr kommt die Friseuse

Wie lebt er mit 90? Um halb sieben Uhr wacht er auf, um acht Uhr kommt eine Friseuse – ein Luxus, den er sich leistet, wie den Fahrer, die Sekretärin, die Haushaltshilfe, die abwechselnd drei Stunden am Tag zur Verfügung stehen, einige sind Verwandte aus Ungarn. Die Mahlzeiten nimmt er mit seiner Frau in deren Zimmer ein. Es gibt keine Minute, in der sie sich nichts zu sagen haben.

Er studiert die Presse, telefoniert und diktiert mehr als acht Stunden am Tag. Um Mitternacht geht er zu Bett, nicht ohne die letzten TV-Nachrichten gesehen zu haben. Gespannt beobachtet er gerade den G20-Gipfel. Barack Obama hält er für „genial und zündend“, und wünscht sich, „dass Gott ihm gibt, dass er den Anforderungen, die er an sich selbst stellt, gerecht werden kann.“ Angela Merkel findet er am richtigen Platz und dass sie „nicht über das männliche Tralala stolpern darf.“

Wie geht es weiter, Herr von Ferenczy? Er würde gern in seinem Haus bleiben. Um notfalls eine neue Bleibe finanzieren zu können, lässt er von einem Münchner Auktionshaus schätzen, was sich im Laufe ihrer guten Jahre angesammelt hat. Die Haute-Couture-Kleider der Ehefrau, die Sammlung ungarischer Fayencen des Hausherrn, die Kunstwerke von Chagall, Dali, sogar die Urkunden seiner Großtante Ida, die Vorleserin und Vertraute von Kaiserin Sisi war. Und was wünscht sich Josef von Ferenczy zum Geburtstag? „Dass einige der Gefährten, denen ich und die mir etwas zu verdanken haben, zum Cocktail kommen.“ Der Champagner steht kalt. Josef von Ferenczy wird sich auch jetzt nicht lumpen lassen.

Beate Wedekind war in den 1980er- und 1990er-Jahren Chefredakteurin u.a. von „Elle“ und „Bunte“, sie schreibt einen täglichen Blog www.beatewedekind50plus.blog.de.

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