Die Monster trauern um ihren Vater

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    • 15.08.13
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Christian Moser tot

Die Monster trauern um ihren Vater

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München - Herztod mit 47: Der Münchner Illustrator und Kabarettist Christian Moser ist am Dienstag in seiner Wohnung einem Infarkt erlegen

Ein Künstlerleben für die „Monster des Alltags“ und die „Kleinen Köpfe“: Christian Moser (1966-2013). Foto: Judith Häusler

Ein Künstlerleben für die „Monster des Alltags“ und die „Kleinen Köpfe“: Christian Moser (1966-2013). Foto: Judith Häusler

Wäre dieser Text nichts weiter als ein Kapitel in einem seiner lexikalisch aufbereiteten, so komischen wie wahrhaftigen „Monster des Alltags“-Büchern, dann hätte er ihn wohl überschrieben mit: „Un-fass-bare, das“. Doch es ist traurige Wahrheit: Christian Moser, Münchner Autor, Illustrator, Comiczeichner und Kabarettist, ist am Dienstag in seiner Wohnung einem Herzinfarkt erlegen. Der 47-Jährige klagte seit geraumer Zeit über eine Sommergrippe, litt zudem wohl an einem angeborenen Herzfehler.

Auf seiner Internetseite www.monster-des-alltags.de hat Moser immer montags und freitags ein „Monster“ präsentiert. Jene liebevoll gezeichneten Wesen, die so herrlich sämtliche Charakterschattierungen eines Menschen erfassen, waren sein größtes (und erfolgreichstes) Projekt: In mehreren Büchern hat er analysiert und illustriert, was uns im Innersten antreibt. Gemeinsam mit dem Wiener Kabarettisten Severin Groebner hat Moser seine „Monster des Alltags“ zudem in einer vogelwilden, urkomischen Bühnenshow lebendig werden lassen. Da ging es etwa um den „Tatendrang“, den „Liebeswahn“ oder auch den „Suff“.

Die letzte Charaktereigenschaft, die Christian Moser den Liebhabern seiner Zeichnungen und Figuren kurz vor seinem Tod vorstellte, ist „Re-spekt, der“. Dieser werde heute „von allen Seiten lauthals gefordert und allzu oft versucht man, ihn mit Gewalt zu erzwingen“, schreibt Moser zu seinem grünen, etwas untersetzten und empört schauenden Wesen. Und weiter: „Der Respekt verabscheut diesen inflationären Gebrauch seines Namens. Und erpressen lässt er sich schon gar nicht.“

Anderen Menschen mit Respekt zu begegnen – das hat Christian Moser getan, privat und als Künstler. Er war einer, der zuhören konnte, der zuschaute und zeichnete (etwa wenn er im Münchner Baader-Café saß, seinem öffentlichen Arbeitszimmer); einer, der sich nie in den Vordergrund gespielt hat. Eine wohltuende Ausnahme – gerade in der oft lauten Comicszene, in der manches Mal Mega-Ego auf Schaumschläger kracht.

Nichts davon hatte Moser nötig. Er wusste, dass er seinen Talenten vertrauen konnte: seiner Beobachtungsgabe, der Fähigkeit, Charaktere mit wenigen Strichen bannen zu können, und seinem Gespür für Humor, für die richtige (und dabei nie verletzende) Pointe im entscheidenden Augenblick.

„Ich habe immer gezeichnet. Das war für uns völlig normal“, erzählte Moser einmal. „Als Kind habe ich mit einem Freund Comics gemacht, ohne dass wir wussten, was wir tun.“ Die beiden haben Szenen aus Hörspielen aufgemalt und dann nachgestellt. Nach der Schule bewarb Moser sich in seiner Heimatstadt und in Berlin fürs Grafikstudium. Daraus wurde aber nichts: „Gleichzeitig mit den Absagen kamen die ersten großen Illustrationsaufträge.“ Mit 23 Jahren machte sich Moser als Illustrator und Comiczeichner selbstständig. Er arbeitete an kommerziellen Serien wie „Medi & Zini“ und „Soundjack“; für die ARD und das Bayerische Fernsehen schuf er Bühnenbilder und Animationen. Im Jahr 1992 gründete Moser mit anderen Münchner Zeichnern den „Comicstrich“-Verein, der das erste kostenlose Comic-Magazin in Deutschland herausgab. Vier Jahre war er Vorsitzender und Chefredakteur. Von den jungen Künstlern als „Persiflage“ auf den renommierten Erlanger Comicsalon mit seinen internationalen Zeichenstars gedacht, wurde der „Comicstrich“ rasch Kult: Die Ausstellungen des Kollektivs erinnerten an wilde Happenings, der kreative Haufen wurde Liebling der Medien. Heute sind „Comicstrich“-Hefte gesuchte Raritäten.

Mit „Rotröckchen und der wilde Wolf“, einer Märchen-Persiflage, erschien 1998 Mosers erstes Buch. Bereits hier findet sich, was der Künstler später, bei „Monster des Alltags“ oder seinen Comic-Biografien (von Goethe, Freud und Karl May), zur Perfektion brachte: Emotionen und Charaktereigenschaften seiner Figuren in wenigen, klaren Strichen und prägnanter Kolorierung einzufangen.

Eben dieses Können schulte Christian Moser auch bei seiner Serie „Kleine Köpfe“. Diese Porträts nannte er „fiktive Phantombilder oder präventive Fahndungsfotos“ – und seinen „Ausgleichssport“. Denn: „Bücher und Agenturaufträge sind sehr geplant. Die Köpfe entstehen, wenn ich Lust zu zeichnen habe.“

Es ist mehr als die Lust am Zeichnen, die in diesen Bildern steckt. Es ist auch die Lust aufs Leben, die Neugier auf andere Menschen. Dazu passt, dass Christian Moser einst den „Über-mut“ nannte, als er nach seinem Liebling in der „Monster“-Show gefragt wurde. Und vielleicht ist es ein winziger Trost zu wissen, dass er als Künstler und Mensch stets „über-mutig“ im besten Wortsinn durch sein viel zu kurzes Leben gegangen ist.

Michael Schleicher

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