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Placido Domingo

Placido Domingo: Supermann der Oper

Salzburg - Im achten Lebensjahrzehnt hat er sich neu erfunden: Tenorissimo Plácido Domingo ist nun als Bariton aktiv. Charme und Strahlkraft seiner Stimme sind ungebrochen. Ein Phänomen der Musikwelt.

Dabei ist alles ja nur eine Rückkehr zu den Wurzeln. Und andere wie der Chilene Ramon Vinay (1911-1996), der als Bariton begann, als Heldentenor zum besten Otello aller Zeiten wurde und dann, unter anderem in Bayreuth, wieder zum Ursprungsfach zurückkehrte, konnten mit einer solchen Wellenkarriere ebenfalls Erfolge feiern.

In einer Zarzuela hatte Plácido Domingo in Mexico City einst sein Bühnendebüt – als Bariton. Und schon immer unterschied sich der Mann mit der Edelbronze in der Kehle von anderen Tenören: Dunkler, schwerer, breiter ist sein Stimmmaterial. Ein „C-Tenor“ mit locker-leichter Höhe war Domingo ohnehin nie. Das Virile, Gebrochene, Erotische seiner Helden kauft man ihm dafür mühelos und allzu gerne ab – weil Domingo mit dem ganzen Körper singt, Unterleib inklusive.

In den Neunzigerjahren übernahm Domingo für eine CD schon einmal die Bariton-Titelrolle in Rossinis „Barbier von Sevilla“. Seinerzeit ein Gag. Doch dann kam 2007 der Simon Boccanegra, es folgten kürzlich der Germont in „La traviata“, auch Rigoletto und Nabucco. Und mit diesen Verdi-Partien hat sich der Spanier nun endgültig neu erfunden. Im Wissen darum, dass die Höhe im Alter eben nicht mehr so gut funktioniert und dass er dem ihm ergebenen Publikum noch immer viel mitzuteilen hat.

Dabei hatte man kürzlich noch gefürchtet um Plácido Domingo. Lungenembolie, Krankenhaus, Zwangspause – das Ende einer einzigartigen Karriere? Doch in diesen Tagen betrat der Supermann der Oper die Bühne von Salzburgs Großem Festspielhaus und verblüffte alle. Blendend aussehend, prächtig bei Stimme. Ein später Jüngling, ein Charmeur, ein Instinktsänger, der als Giacomo in den konzertanten Aufführungen von Verdis „Giovanna d’Arco“ alle anderen ausstach, Anna Netrebko eingeschlossen.

Ob Domingo nun 72 Lenze zählt oder etwas mehr (wie manche behaupten), das nimmt man ihm ohnehin nicht ab. Erst recht nicht nach Anhören seiner aktuellen CD. Verdi natürlich, aber alles Bariton-Partien. Eine verblüffende Arien-Parade, das Verdi-Album des Jahres. Auch weil mit Dirigent Pablo Heras-Casado und dem Städtischen Orchester Valencia keine braven Sekundanten, sondern Musiker auf Augenhöhe agieren – diese Heißblüter schenken Domingo nichts. Nur wenige Dinge verraten, dass hier ein Veteran am Mikrophon stand: Einige Haltetöne verlieren etwas an Spannkraft, geraten leicht ins „Eiern“. Manchmal muss Domingo öfters nachatmen als in diesen Nummern üblich. Und ein paar hörbare Aufnahmeschnitte geben Kunde davon, dass im Tonstudio nicht alles sofort gelang. Egal, alles vernachlässigbar, wenn man diesen Gesang hört.

Vor allem können sich die Baritonkollegen von Domingo einiges abschneiden. Die Verzierungen in der Luna-Arie zum Beispiel werden exakt wie notiert (und locker!) gesungen – andere geraten da ins Nuscheln und Verhuschen. Macbeth, Boccanegra und Germont haben Energie und Verve – auch wenn Domingos Einheitsdramatik die Rollen zuweilen ununterscheidbar macht. Posa mag vokal leicht ergraut sein, die Reife steht der Partie trotzdem gut. Und die Carlo-Arie aus „Macht des Schicksals“ ist ein Rausschmeißer, der live Ovationen provoziert hätte.

Natürlich hört man mit, dass hier ein Tenor in tieferen Etagen unterwegs ist. Eine Spur zu mühelos klingt das, was sich Verdi in oberen Lagen als Dramatik dachte: Das Erkämpfen solcher Töne ist eigentlich einkomponiert. Und manchmal wünscht man sich beim Anhören, Domingo möge doch eine Abzweigung nach oben nehmen, wenigstens zwei, drei seiner herrlichen Spitzentöne anbringen. Beim Rigoletto erlaubt er sich das auch, an einer Stelle, an der auch Baritone effektvoll improvisieren. Doch die interpolierte Spitze bei „E follia“ – bei Domingo klingt das nicht nach Arbeit, sondern nach Triumph.

Wie es wohl weitergeht mit dieser singulären Karriere? Nach über 130 Tenor- und rund ein Dutzend Baritonpartien ist Plácido Domingo längst nicht opernmüde (siehe Interview). Und gerade die jüngsten Verdi-Aktivitäten zeigen: Hier ist keiner unterwegs, der als Verwalter seiner Stimmbandreste nur vom Ruhm vergangener Tage zehrt. Der Mann braucht einfach die Bühne. Und die Opernwelt ihn.

Plácido Domingo:

„Verdi“. Orquestra de la Comunitat Valenciana, Pablo Heras-Casado (Sony).

Von Markus Thiel

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