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Der plakativen Regie zum Trotz gelingen Katja Bürkle in den Rollen als Warwara („Sommergäste“) und Wassilissa („Nachtasyl“) einige starke Augenblicke.

Plakative Rutschpartie

München - Karin Henkel inszenierte an den Münchner Kammerspielen Maxim Gorkis „Sommergäste/ Nachtasyl“. Die Premierenkritik.

Die Handlung

„Sommergäste“: Auf der Datsche von Bassow und seiner Frau Warwara treffen sich am Vorabend der russischen Revolution von 1905 Gäste aus Intelligenz und Bürgertum, denen ihr kompliziertes Liebesgetändel die einzige Abwechslung in der Langeweile bietet. Jammern auf hohem Niveau ist angesagt. Einzig die Ärztin Marja Lwowna macht sich dafür stark, soziale Verantwortung für Schwächere zu übernehmen, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben und die Gesellschaft zu ändern. „Nachtasyl“: Das Wirtspaar Kostyljew hat einen Verschlag an Arbeits- und Obdachlose vermietet. In diese Atmosphäre der Frustration und Aggressivität kommt der Pilger Luka, der mit Lügen den Bewohnern eine bessere Zukunft verspricht. Doch das Asyl bleibt die Endstation der Gescheiterten.

Nun ist es ja keinesfalls so, dass diese Idee nicht reizvoll wäre: Maxim Gorkis „Sommergäste“ (1904) und „Nachtasyl“ (1902 uraufgeführt) an einem Abend gemeinsam auf die Bühne zu bringen. Keine Frage, beide Stücke passen zusammen. Während sich Bürgertum und Intelligenz bei „Sommergäste“ gar grässlich langweilen beim süßen Nichtstun, sich die Zeit mit Liebesgetändel, Lamentieren und Eifersüchteleien vertreiben und nur wenige – allen voran die Ärztin Marja Lwowna – so etwas wie soziale Verantwortung einfordern, zeigt „Nachtasyl“ das untere Ende der Gesellschaft: Arbeits- und mittellos vegetieren die Figuren dahin.

Und da unsere Zeit nun einmal so ist, dass Banken zocken und wie alle Zocker am Roulette-Tisch der internationalen Finanzmärkte auch das ihnen anvertraute Geld verlieren können; weil wir also in Zeiten leben, in denen nichts sicher ist, weder Job noch Eigentum noch Kapitalanlage, kann der Sturz vom Sommergast ins Nachtasyl ein rascher sein. Konsequent also, dass in Karin Henkels Inszenierung, die am Freitag an den Münchner Kammerspielen Premiere hatte, die Schauspieler ohne Unterbrechung und in denselben Kostümen von „Sommergäste“ zu „Nachtasyl“ wechseln. Endstation einer Rutschpartie.

Diese Idee aber macht noch keinen gelungenen Theaterabend. Dass das Projekt „Sommergäste/ Nachtasyl“ so laut und dennoch nichtssagend geworden ist, kann dabei kaum den Schauspielern angelastet werden.

Gut, Gorki ist kein Tschechow und die politische Agitation lag ihm oft näher als die Dramaturgie seiner Stücke. Doch Henkel hat ihren Abend noch platter und plakativer gestaltet, die Charaktere zu Karikaturen degradiert, wo sie dringend ernst genommen hätten werden müssen. Gorkis flirrende Darstellung des bürgerlichen Leerlaufs in „Sommergäste“ wird so zur Nummernrevue, die vom Publikum dankbar belacht wird. Sein anklagender Zorn über die Zustände im Russland um 1900 gibt die Regisseurin in ihrem „Nachtasyl“ dagegen einer lächerlichen Wurstigkeit preis. All das jedoch lässt diese gut dreieinhalb Stunden allzu erwartbar werden.

Die Besetzung

Regie: Karin Henkel.

Bühne: Stefan Mayer.

Kostüm: Klaus Bruns.

Darsteller: Jochen Noch (Bassow/ Kostyljew), Katja Bürkle (Warwara/ Wassilissa), Caroline Ebner (Kalerija/ Natascha), Nico Holonics (Wlas/ Pepel), Wolfgang Pregler (Suslow/ Bubnow), Lena Schwarz (Julija/ Nastja), Stephan Bissmeier (Dudakow/ Kleschtsch), Angelika Richter (Olga/ Anna), René Dumont (Schalimow/ Aljoschka), Paul Herwig (Rjumin/ Schauspieler), Annette Paulmann (Marja Lwowna/ Satin), Walter Hess (Doppelpunkt/ Luka), Oliver Mallison (Samyslow/ Baron).

Auch Stefan Mayers Bühne, ein schwarzer Kasten, mit Neonlicht beleuchtet, dessen Seiten und die Rückwand sich verschieben lassen, erzählt nichts über die Stücke und ihre Figuren. Die Auftritte finden durch Vorhänge aus Gummibändern statt, in die sich die Schauspieler hängen können, sodass sie in die Bühne hereinbaumeln – ein Gag, ohne jeglichen Bezug zur Inszenierung und daher: nichts. Dennoch verfolgt die Regie diesen Einfall mit schier unglaublichem Eifer. Und wenn sich Jochen Noch auf den verschiebbaren Bühnenboden stellt und in Richtung Technik brüllt: „Kann mich mal jemand rausfahren?“, ist das nicht mal mehr komisch, sondern nur noch Gekasper. Doch was bleibt den Schauspielern anderes übrig bei dieser Regie? Sie tragen ihre Rollen vor sich her, stellen sie aus – und dennoch gelingt es einigen, nicht nur Karikaturen vorzuführen: Wolfgang Pregler in seiner arroganten Schnoddrigkeit als Ingenieur Suslow etwa, Jochen Noch als Platzhirsch Bassow („Sommergäste“) und Kostyljew („Nachtasyl“) oder Stephan Bissmeier. Er trotzt vor allem im zweiten Teil der Regie – und so gelingt es ihm, etwas über seine Figur zu erzählen. Etwa als er seinen Kleschtsch auftrumpfen lässt, er sei besser als die anderen Penner im Nachtasyl, da er im Gegensatz zu jenen ein Mensch sei, weil er arbeite – der ehemalige Schlosser schleift sinnlos an einem blank geschliffenen Werkstück herum. Bissmeier kann in dieser Szene mit wenigen trotzigen Gesten und dem Nachdruck, den er in seine Stimme legt, zeigen, wie wichtig der Selbstbetrug gerade für diese gescheiterte Existenz ist. Solche Augenblicke der Wahrhaftigkeit gelingen auch Katja Bürkle und Annette Paulmann. Doch sie sind selten an diesem Abend.

Mit allzu viel überzogenen Ausbrüchen, Gezittere und Gewinde stellte sich dagegen Nico Holonics, einer der Leistungsträger am Münchner Volkstheater und von kommender Spielzeit an im Ensemble der Kammerspiele, überambitioniert an seinem neuen Arbeitsplatz vor. Seinen nervigen Wlas in „Sommergäste“ herrscht Preglers Suslow einmal an: „Langsam, junger Mann, schön langsam!“ Das kann auch als Hinweis des erfahrenen Ensemblemitglieds für den überdrehten Neuzugang verstanden werden. Und ach, hätte Pregler doch ähnliches während der Proben auch ab und an der Regisseurin zugebrüllt.

Am Ende dennoch: Herzlicher Applaus und vereinzelt Bravo-Rufe.

Von Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen am 5., 14., 20. und 26. Mai;

Telefon 089/ 233 966 00.

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