Premierenkritik vom Staatstheater am Gärtnerplatz: Frech und heutig: „Der Nussknacker“

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    • 14.11.10
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Frech und heutig - Premierenkritik zum "Nussknacker"

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München - „Der Nussknacker" - die Geschichte spielt ja am Heiligabend - ist das Weihnachtswunschballett schlechthin. Die Uraufführung war am 18. Dezember 1882 in St. Petersburg.

© Lioba Schöneck

Hans Henning Paar tippelt als tanzwütige Oma über die Bühne

Seitdem haben Tschaikowskys so atmosphärisch abwechslungsreiche, so farbkräftige Partitur und Petipas Libretto - nach E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Der Nussknacker und der Mäusekönig“ - ungezählten Choreografen die Chance zu neuen Interpretationen geboten. Einen frech-verschmitzt heutigen Blick wagte 1999 Hans Henning Paar, damals noch Tanzchef in Nordhausen. In die Neuauflage warf sich jetzt sein Tanztheater am Münchner Gärtnerplatztheater mit gewohntem Herz- und Spieleinsatz.

So fein und gesittet wie in den Vorgänger-Balletten mit Präsident und Familie geht es hier nicht zu. Paar holt die Generation Handy auf die Tanzbühne. Schon bevor’s losgeht, stürmen seine Tänzer mit Einkaufstüten den Zuschauerraum und rufen sich quer übers Parkett und von den Rängen ihre Shopping-Ausbeute zu. Das macht Stimmung. Gleich darauf trippelt und stampft Tanzchef Hans Henning Paar höchstselbst als tanzwütige Großmutter dermaßen eckig-komisch durchs Zimmer, dass das Heiterkeitsthermometer noch um ein paar Grad weiter steigt. Mit besinnlichen Weihnachten hat Familie Schmidt nichts am Hut, am wenigsten die nervös und gummigelenkig herumfetzenden Kinder Clara und Fritz. Hauptsache: Geschenk-Pakete, mit denen man Ball spielt und die, hochgestapelt, die Zimmerwände bilden. All das ist, mit quietschgrünem Kegel statt Weihnachtsbaum, schön bunt-dekorativ und zugleich auch hintersinniger Kommentar von Paar und seiner fantasiereichen Ausstatterin Annette Riedel auf unsere Konsumgesellschaft.

Nur das modernste, ausgefallenste Geschenk kann die beiden Teenager-Racker begeistern - zwei menschengroße elektronisch steuerbare Puppen: ein Sciencefiction-Superman, der mit Breakdance-Bewegung programmiert wurde (gut: David Valencia), und eine blonde Barbie-Coppelia auf staksiger Spitze.

Wer will bei solchen Über-Geschenken noch den von Onkel Drosselmeier mitgebrachten altmodischen Nussknacker? Im geschwisterlichen Gerangel geht der Arme zu Bruch, und Fritz benutzt ihn despektierlich als Fußball. Aber in Claras Traum entwickelt sich die Geschichte doch noch - fast - wie im Original: Im hölzernen Mann steckt ein fescher Prinz, der Clara durchs Wunderland der Märchen führt. Dort regiert die Zuckerfee auf klassischer Spitze, droht der böse Wolf, walzern Blumen, hüpfen Grashüpfer und wirbeln dickbäuchige Schneeflocken springlustig durch weißes Gestöber. Da stolziert der ohnehin hochgewachsene Krzysztof Zawadzki auf hohem Absatz revueglitzernd als Schneewittchens böse Stiefmutter mit Gift-Apfel auf Clara zu. Die sieben Zwerge schreien um Hilfe. Und eine schöne Bauchtänzerin entführt den Prinzen für ein kurzes erotisches Abenteuer in die Kulissen. Am Ende dennoch Happyend für Prinz und Clara. Marc Cloot und die zierliche, phänomenal weich tanzende Chinesin Hsin-I Huang sind eine ideale Protagonisten-Besetzung.

Es ist also mächtig was los in diesem „Nussknacker“. Hans Henning Paar fährt geschickt alle Geschütze der Unterhaltung auf: von der Ästhetik traditioneller Märchen-Klassik bis zu Showbusiness-Kitsch und Travestie. In diesem Tanz-Reigen gibt es Perlen, wie die orientalische Nummer mit der exquisiten Tempeltänzerin Caroline Fabre, aber auch die ein oder andere eher grobgeschnitzte Szene. Auch bei der Musik blieben (noch) Wünsche offen. Man ahnt, dass Dirigent Oleg Ptashnikov, entsprechend dem schrägen Bühnengeschehen, Tschaikowsky bewusst schriller haben, dass er das kleine Gärtnerplatz-Staatsorchester zu einem Großorchesterklang anpeitschen wollte. Aber statt Lautstärke - die hätte für die Münchner Olympiahalle gereicht - ein subtileres Musizieren, und der insgesamt amüsant bewegungsintensive Abend wäre noch erfreulicher geworden. Ein „Ballett für die ganze Familie“ ist dieser „Nussknacker“ allemal.

Malve Gradinger

Nächste Vorstellungen

am 16., 26., 28. November; Telefon 089/ 21 85 19 60.

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