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    • 20.01.13
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Russisches Korsett

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München - Warum Valery Gergiev nicht der richtige Chefdirigent für die Münchner Philharmoniker ist.

Der Mann für den Live-Ernstfall, nicht für den Orchesteralltag: Valery Gergiev (59) wird, wenn der Stadtrat diese Woche zustimmt, ab 2015 Nachfolger Lorin Maazels bei den Münchner Philharmonikern. foto: dpa

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Der Mann für den Live-Ernstfall, nicht für den Orchesteralltag: Valery Gergiev (59) wird, wenn der Stadtrat diese Woche zustimmt, ab 2015 Nachfolger Lorin Maazels bei den Münchner Philharmonikern.

Hübsch sind diese Anekdoten. Wie zum Beispiel Valery Gergiev im Jahr 1993, als er auf dem internationalen Markt gerade abhob, zu einer Probe mit Hamburgs Philharmonikern eilte. Unpünktlich, übermüdet, ohne Begrüßung. Und wie er dann, als das Orchester bei Prokofjews dritter Symphonie bockte, von der wunderbaren Interpretation mit seinem russischen Ensemble erzählte – was die Stimmung unter den Nullpunkt sinken ließ. Oder wie Gergiev an seinem Petersburger Mariinsky-Theater einmal kurzfristig den zweiten Teil eines Ballettabends absagte – nebenan, in der Konzerthalle, musste er schließlich auch noch dirigieren. Unzählig sind zudem die Geschichten, die vom Zu-spät-Kommer Gergiev künden. Ach ja: und Proben? Dafür gibt es schließlich Assistenten. Gergiev, der Mann für den Ernstfall, nicht für den – oft ernüchternden – Alltag.

Man kann das positiv sehen. Gergiev, der gebürtige Moskauer und wohl ab 2015 Nachfolger Lorin Maazels an der Spitze der Münchner Philharmoniker, ist eben ein Künstler des Augenblicks. Ein Bauchmensch. Ein Charismatiker, der die Live-Luft braucht und dem gerade in Terminkollisionen gute Aufführungen glücken.

Doch schon rückt die Kehrseite ins Blickfeld: Eine kontinuierliche, vor allem berechenbare Orchesterarbeit ist mit ihm kaum möglich. Mit einem, der das „Figaro hier, Figaro da“ in der Dirigentenszene hektisch vorlebt. Der zwar offenbar das London Symphony Orchestra abgibt, der aber weiterhin fürs Mariinsky-Theater, die Rotterdamer Philharmoniker und diverse Festivals verantwortlich sein wird und „nebenbei“ noch als erster Gastdirigent im Graben der New Yorker Met steht. Wo in diesem Posten-Korsett wohl die Münchner Philharmoniker ihren Platz finden?

Angesichts dieser Situation fällt es schwer, die Berufung Gergievs zu begrüßen (die sicherlich an diesem Mittwoch vom Stadtrat bestätigt werden wird). Das Hohngelächter aus der Musikszene war am vergangenen Wochenende, als die Personalie bekannt wurde, nicht zu überhören. Ein Aufbruch, eine Neuausrichtung der Philharmoniker sieht anders aus. Und das in einer Situation, in der sich das Ensemble darüber klar werden muss, wie es sich als „Orchester der Stadt“, so die Eigenwerbung, künftig definieren will. Dies nicht nur in der innerstädtischen Konkurrenz zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, sondern auch in einem zu renovierenden Kulturzentrum Gasteig und auf dem internationalen Markt.

Eine Markenbildung, eine fast automatische Identifizierung von Gergiev mit den Philharmonikern, ein „Image“, das auf dem immer schwerer zu beackernden Klassikfeld notwendig ist, so etwas wird mit dem umtriebigen Putin-Freund kaum möglich sein. Wie schon bei James Levine und Lorin Maazel greifen die Philharmoniker zum Rettungsring des „großen Namens“. Um dann festzustellen, dass die Stars zwar nominell Chefs sind, in Wahrheit aber nicht über die Situation eines ständigen Gastdirigenten hinauskommen. Gergiev ist überdies keine „sichere Bank“. Als Operndirigent seiner Mariinsky-Truppe macht er zwar Furore, im Symphonischen allerdings fast nur bei Schostakowitsch.

Kulturreferent Hans-Georg Küppers, der in der Vergangenheit vom zu findenden jungen Dirigenten geschwärmt hat, biegt sich mittlerweile seine Argumentation zurecht. Gergiev sei doch 59, genauso alt wie er selbst also. Und da könne man sich doch, so die bemühte Ironie, durchaus jung fühlen. Das Modell, das eigentlich allen vorgeschwebt hätte, ist damit passé: ein aufstrebender Pultmann, mit dem die Tür zu einer ganz anderen, ganz neuen philharmonischen Ära aufgestoßen worden wäre. Und da hätte es im deutschromantischen Kerngeschäft schon einige Varianten gegeben, man denke nur an den 37-jährigen Constantin Trinks. Doch für eine so geartete Lösung hätte es drei Sachen gebraucht. Ein offensives Marketing, das einen Neubeginn in die Welt hinausposaunt. Viel Fantasie. Vor allem aber Mut. Geld, das wissen Maazel & Co. nur zu gut, ist immerhin vorhanden. Statt Frischluft strömt nun also weiterhin Abgestandenes durchs philharmonische Fenster herein.

Und seine Interpretationen? Gergievs Plus ist: Sie reizen zu Diskussionen. Ob sie nun wegen ihrer Brachialgewalt abschrecken oder ob ihrer Intensität faszinieren. Pathos, Wucht, Dramatik, all das findet man im Übermaß. Wo andere sich zieren, langt er zu. Doch deutet manches darauf hin, dass die Abende nicht unbedingt das Ergebnis einer eingehenden Analyse und eines detaillierten Probenprozesses sind. Dramatik kann auch blenden, kann auch eine Flucht nach vorn sein.

Was den Münchner Philharmonikern zugutegehalten werden muss: Es ist eng geworden in letzter Zeit. Das Boston Symphony Orchestra sucht einen neuen Chef, das Philadelphia Symphony Orchestra hat sich gerade Yannick Nézet-Seguin geangelt (der aber durchaus offen wäre für eine zusätzliche europäische Position). Und hoch gehandelte Jungstars wie Andris Nelsons oder Daniel Harding sehen mit Interesse dem Jahre 2018 entgegen. Da ist, nach dem Weggang von Sir Simon Rattle, der Spitzenjob bei den Berliner Philharmonikern frei. Der Papstthron der Musikwelt gewissermaßen. Und gegen den hat selbst das geldige München keine Chance.

Markus Thiel

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