Salzburger Festspiele: "Ödipus auf Kolones" mit Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle

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    • 27.07.10
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Salzburger Festspiele: Brandauer ein verschmitzter Ödipus

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Salzburg - Peter Stein inszenierte bei den Salzburger Festspielen Sophokles’ „Ödipus auf Kolonos“ mit Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle.

© Foto: Monika Rittershaus/ Festspiele

Umjubelt: Klaus Maria Brandauer in der Rolle des heimatlosen Ödipus. An seiner Seite die beiden Töchter Antigone (li., Katharina Susewind) und Ismene (Anna Graenzer).

Es war – und man kommt nicht umhin, dies gleich zu erwähnen – der Abend der Rückkehrer: Regisseur Peter Stein fungierte zwischen 1992 und 1997 als Schauspielchef der Salzburger Festspiele. Er machte damals aus der alten Fabrikhalle auf der Perner-Insel in Hallein einen Theaterort und inszenierte nun ebendort Sophokles’ Tragödie „Ödipus auf Kolonos“ (postum 401 v. Chr. in Athen uraufgeführt). Die Titelrolle spielt Klaus Maria Brandauer, auch er ein Festspiel-Rückkehrer, der in Salzburg in den Jahren von 1983 bis 1989 als Jedermann zu erleben war. Wer nun jedoch annimmt, die Premiere am Montag war geprägt von seliger Salzburg-Wiedersehensfreude, der irrt. Peter Stein, wahrhaft ein Bildungsbürger und Kenner der antiken Theaterstoffe, hat einen wuchtigen, ganz der Sprache verpflichteten Abend auf die Bühne gebracht. Es ist ein Abend wie aus der (Theater-)Zeit gefallen. Das jedoch im besten Sinne.

Und es ist ein Abend, der fordert. Denn „Ödipus auf Kolonos“ – Sophokles schrieb das Stück kurz vor seinem Tod 406/405 v. Chr. – ist eine Tragödie, die wenig Aktion, dagegen reichlich Reflexion, Bericht und Erinnerung bietet. Eine statische Vorlage also, in der nicht gemordet und nicht gerächt, sondern lediglich hie und da geflucht wird. Ein Text, der von den Zuschauern hohe Konzentration verlangt – und die Bereitschaft, sich hineinziehen zu lassen in die antike Gedankenwelt, in die Erzählung vom tragischen Schicksal des Ödipus, der nach 30 Jahren der Buße und des Umherirrens nach Kolonos gekommen ist, um zu sterben.

Ferdinand Wögerbauer hat die Bühne auf der Perner-Insel leer geräumt, lediglich im Hintergrund gedeiht – mit einem ziegelroten Mäuerchen begrenzt – der heilige Olivenhain von Kolonos. Später werden die Bürger von Athen dem alten, gebrechlichen Ödipus einen gusseisernen Stuhl auf die Bühne stellen. Mehr Requisiten braucht Peter Stein nicht, um diese Geschichte, bei deren Neuübersetzung er die Wortfolge des Originals respektierte, zu erzählen.

Gerne und gebannt folgt man den Schauspielern durch diesen knapp dreistündigen, pausenlosen Abend, der vom Berliner Ensemble koproduziert wurde. Dabei ist natürlich Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle Fixpunkt der Inszenierung: Sein Ödipus sitzt selbst dann im Licht, wenn er nicht direkt an der Szene beteiligt ist. Brandauer, der von Katharina Susewinds sich schier aufopfernder Antigone auf die Bühne geführt wird, die Stimme matt, der Körper am Ende, entwickelt eine Präsenz, die erstaunlich ist. Dies vor allem, wenn man bedenkt, dass Ödipus die meiste Zeit dazu verdammt ist, auf seinem Stuhl auszuharren.

Doch wir erleben keinen geschlagenen, von Schuldgefühlen niedergestreckten alten Mann, sondern einen – manchmal sogar verschmitzten (Brandauer spielt’s mit Schmäh) – Greis, der sich ein letztes Mal aufbäumt. Harsch fleht dieser Ödipus um Erlösung, bis zum Jähzorn beharrt er auf seiner Unschuld. „Ungewollt“ ist eines der häufigsten Worte, die er benutzt. Ungewollt war der Vatermord, ungewollt die Hochzeit und Elternschaft mit der Mutter: „Den Göttern hat es so gefallen, die wohl zürnten meinem Stamm von alters her“, schleudert der Geblendete seinem Schwager Kreon entgegen.

Dieser will Ödipus mit Gewalt – und durch die Entführung seiner Töchter – nach Theben bringen. Doch auch er ist ein Versehrter, sitzt im Rollstuhl. Es ist also über weite Strecken ein Wortgefecht, das Jürgen Holtz und Brandauer hier austragen. Aber was für eines! Jeder an seinem Platz sitzend, schleudern sie Gegenrede auf Rede. So wird diese Szene zu der dichtesten und konzentriertesten des Abends. Beide Schauspieler lassen das Publikum in den Abgrund blicken, der hinter ihren Worten liegt. Er ist jäh und schauderhaft – und entsteht einzig im Kopf der Zuschauer. Das ist große Schauspielkunst.

Wie Ödipus seine Antigone braucht als Auge und Dolmetscherin, so ist Katharina Susewind Reibefläche und Spiegel für Brandauer. Fast immer ist sie an seiner Seite und wird am Ende für ihr klares, herzhaftes Spiel zu Recht bejubelt.

Doch Peter Stein hat nicht nur die Beziehungen des Bühnenpersonals schlüssig herausgearbeitet (einzig Dejan Bu(´c)in verschenkt seine Rolle des machtgeilen Ödipus-Sohns Polyneikes), der Regisseur hat auch den Chor der Athener äußerst klug eingerichtet: Manches lässt er von Einzelnen sagen, so entstehen fast Dialoge.

Moidele Bickel, die das Ensemble zurückhaltend kostümiert hat, kleidete zudem jedes Chormitglied leicht variiert: Hier steht also keine tumbe Masse, sondern eine Gruppe Individuen – schließlich wird Athen sich bald schon zur Demokratie entwickeln. So nimmt die Inszenierung vorweg, was das Orakel vorhergesagt hat: Jener Ort, an dem Ödipus sterben wird, wird von den Göttern gesegnet sein.

Herzlicher Jubel für die Salzburg-Rückkehrer und vereinzelte Buhs. Nächste Vorstellungen heute, 30., 31. Juli sowie 2., 3., 5., 13. August; Telefon 0043/ 662/ 8045 500.

Michael Schleicher

Die Handlung

Ödipus kommt nach Jahren der Heimatlosigkeit nach Kolonos bei Athen, um hier seine letzte Ruhe zu finden. Seit er vor Jahren erfahren hat, dass er, König von Theben, den Vater erschlug und mit der eigenen Mutter vier Kinder zeugte, und sich deshalb blendete, ist er auf Wanderschaft – büßend. Seine Tochter Antigone begleitet ihn. Einem Orakel zufolge wird es in Theben aber erst Frieden geben, wenn der Leichnam des Ödipus dort bestattet ist. Kreon, der aktuelle Herrscher der Stadt, versucht, seinen Schwager Ödipus mit Gewalt nach Theben zu bringen; Ödipus’ Sohn Polyneikes setzt auf Überredung. Ödipus weist beide voller Zorn zurück und stirbt in Kolonos.

Die Besetzung

Regie: Peter Stein. Bühne: Ferdinand Wögerbauer. Kostüme: Moidele Bickel. Musik:Arturo Annecchino. Darsteller: Klaus Maria Brandauer (Ödipus), Katharina Susewind (Antigone), Anna Graenzer (Ismene), Christian Nickel (Theseus), Jürgen Holtz (Kreon), Dejan Bu(´c)in (Polyneikes), Roman Kaminski (Wächter), Martin Seifert (Ein Bote), Chor und Gefolge.

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