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Beim Abstecken: Gewandmeisterin Gabriele Behne (l.) ist für die praktische Umsetzung der Ideen von Kostümbildnerin Victoria Behr zuständig. Das gelbe Tüll-Kleid ist eines von nur zwei farbigen Frauen-Kostümen auf der Bühne. Im Stück hübscht sich eine Dame so für den Revisor auf und sticht aus der beigen Masse heraus.

Zur Premiere im Residenztheater

Preisgekrönte Kostümbildnerin: Überspitzung als Stil

München - Ihre Collagen sagen alles. Die Hände der Figuren absurd groß, Augen und Ohren wie gierige Fremdkörper aufgeklebt. Aufgeplusterte Tüllkleider und biedere, uniformartige Anzüge zeugen von der schmierigen Opulenz einer grauen Menschen-Masse.

Bei Victoria Behr ist sie allerdings beige, nur eine Figur hat lilafarbene Hosen an. Behr, Kostümbildnerin, sagt, Überspitzung sei ihr Stil. Es ist auch der Stil jener Inszenierung von Nikolai Gogols Komödie „Der Revisor“, die am Samstag im Münchner Residenztheater Premiere feiert.

Es gäbe andere Wege, über diese Produktion zu sprechen. Der Berliner Herbert Fritsch führt Regie. Er ist so etwas wie der Nachwuchsregisseur der Stunde – mit 60 Jahren. Aber auch Victoria Behr ist eine, über die man reden muss. Sie ist eine der Begehrtesten ihres Fachs. Von Theaterkritikern zwei Mal in Folge zur Kostümbildnerin des Jahres gewählt. Noch außergewöhnlicher klingt das, wenn man weiß, dass dieser Titel in den vergangenen zehn Jahren überhaupt nur fünf Mal vergeben wurde.

Jetzt ist die 33-Jährige, heller Teint unter braunem Kurzhaarschnitt, also in München, zumindest für diese Inszenierung. Fritsch hat sie mitgebracht. Schon seit drei Jahren arbeiten die beiden zusammen, der „Revisor“ ist ihre 14. gemeinsame Produktion. Er lässt ihr die Freiheit, sich mit bauschigen Stoffen und grellen Farben auszutoben. Sie entwirft Kostüme, die seinem extravaganten Regiestil entgegenkommen. „Wir sprechen irgendwie eine Sprache.“

Auch für Gogols Komödie waren sich beide schnell einig: Eine „schmierige, eklige, heruntergekommene Gesellschaft“ sollte sich in den Kostümen spiegeln. Anbiedernd und devot. Typen also, die sich angesichts des vermeintlichen Revisors Chlestakow leicht verbiegen, weil sie alle Dreck am Stecken haben. Verbiegen ist im Übrigen wörtlich zu nehmen: „Bei Fritsch sollen alle Bewegungen möglich sein“, sagt Behr und meint so etwas wie „Handstand-Überschlag im Rokoko-Kleid“.

Darauf darf man sich also gefasst machen. Behr liebt diesen Anarcho-Zirkus. Aber noch mehr liebt sie ihre Kostüme. Manchmal, erzählt sie, müsse sie Fritsch davon abhalten, die Schauspieler allzu heftig am Bühnenboden entlangrutschen zu lassen – zum Beispiel. Sie ist bei jeder Probe dabei, auch, um zu sehen, was ihre Kostüme können müssen. Und, weil hier die meisten Ideen entstehen.

Beiger Brei hier, die „Lichtgestalt“ Chlestakow, lila und hauteng behost, dort. Das ist plakativ, ja, aber wirkungsvoll. Lachen befreit. „Bei Fritsch ist viel Komik“, sagt Behr kurz. Aber sie will auch anders arbeiten. Wie kürzlich in London, mit Regisseur Benedict Andrews. Dort hat sie „den ganzen Sommer über eingekauft“ und unzählige Second-Hand-Läden später die Roben für Tschechows „Drei Schwestern“ entworfen. Andrews, sagt Behr, sehe seine Figuren psychologischer, über den Charakter. Die Kostüme hatten Subtiles zu leisten.

Dass das nur selten Beachtung findet, weiß sie. Beispiel: Die grotesken Fatsuits aus Andreas Kriegenburgs Kammerspiele-Inszenierung von Wedekinds „Franziska“. „Hinterher steht überall nur: Die Kostüme sind fett“, sagt Behr. Darüber, dass sie das Spiel des Schauspielers beeinflussen, seine Bewegungen steuern, kaum ein Wort. Bei Sebastian Blombergs Revisor war das so. Je enger der Fummel, desto staksender der Gang.

Nicht, dass die gebürtige Koblenzerin, die unterdessen in Berlin zu Hause ist, nach Beachtung lechzen würde. Sie macht den gegenteiligen Eindruck. Das Wort Begabung geht ihr nur schwer und nicht ohne ein zaghaftes Lachen über die Lippen. Aber es muss sein. Spricht sie über ihre bisherigen Stationen – Kostümbild-Studium in Hamburg, Assistenzen an den Schauspielhäusern Bochum und Zürich, Engagements am Burgtheater Wien , in London, Kopenhagen –, dann eher kurz. Auch ihre Auszeichnungen sieht sie eher pragmatisch. Sie verschaffen ihr Aufträge. Im Moment läuft es gut, sehr gut. „Aber es kann sein, dass ich in zwei Jahren wieder in der Bar arbeiten muss.“

Die Fallhöhe ist hoch, aber der Schwindel noch in weiter Ferne. Wenn „Der Revisor“ angelaufen ist, geht es weiter nach Zürich, mit Fritsch. Der probiert sich dort an seiner ersten Oper. Dann muss Behr nicht zwölf Schauspieler, sondern einen ganzen Chor in Kostüme stecken. Die Kiste, in der sie ihre Collagen aufbewahrt, daheim in Berlin, wird wohl bald überlaufen.

Marcus Mäckler

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