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    • 19.06.13
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Türken sollen selbst entscheiden

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Werner Menner: „,Wer so handelt, will die Eskalation‘“, Interview mit Barbara Lochbihler; Politik 19. Juni

Ich habe in den vergangenen Tagen erlebt, dass die Stadt am Bosporus tagsüber ihr ganz normales Alltagsbild zeigt. Erst am Abend, fast immer im Schutz der Dunkelheit, zogen Tausende von meist jugendlichen Demonstranten durch die Flaniermeile Istiklal zum Taksimplatz im Stadtteil Beyoglu (in Istanbul das, was Schwabing früher mal bei uns war). Plötzlich in Harmonie vereinte Fußball-Fans der drei konkurrierenden großen Clubs, junge Kommunisten und Sozialisten, Gewerkschafter und leider viel zu viele zu Randale und Vandalismus bereite Radaubrüder. Schon auf den Fähren vom asiatischen zum europäischen Ufer wurden spätabends kostenlos Atemschutzmasken verteilt. In Taschen wurde ein ordentlicher Vorrat an Pflastersteinen mitgeführt. Später standen plötzlich auch Eisenstangen bereit. Wer so gegen die Polizeikräfte demonstriert, muss sich nicht über blutige Nasen und tränende Augen wundern. Das alles spielte sich fast ausschließlich in der Gegend um den Gezi-Park und den Taksim-Platz ab. Was unsere Medien, vor allem die TV-Sender, daraus machten, war so, als brenne ganz Istanbul. Die ORF-Chef-Moderatorin (mit SPÖ-Parteibuch) verstieg sich sogar zu der Meldung, dass bereits die Galata-Brücke (der Nabel Istanbuls) brenne. Welch Geistes Kind die meisten unserer Fernsehanstalten und Kommentatoren sind, ließ sich in diesen Tagen mehr als klar erkennen. Hauptsache Aufruhr (à la Stuttgart 21, mit etwas mehr Gewalt). Die Politik Recep Erdogans ist gewiss zweischneidig. Seine großen Pluspunkte sind der wirtschaftliche Aufstieg der Türkei und die Verbannung der Generäle in die Kasernen und Gefängnisse. Auf der anderen Seite steht die Furcht der Jugend vor der schleichenden Islamisierung und den Verhältnissen im Nachbarland Iran. Istanbul ist eine weltoffene und meist westlich orientierte Metropole, in der trotz islamischer Dominanz noch jeder so leben kann, wie er es im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten möchte. In der Verschärfung des Alkoholverbots (ab 22 Uhr Schluss) sieht die Jugend ein solches Zeichen der Strangulierung durch Erdogans AKP. Für ein Bier muss man schon heute abends weit gehen. Hingegen ist der Aufruf der deutschen Grünen zu möglichst viel Randale in der Türkei kein Beitrag zur dortigen Demokratie, sondern zur Destabilisierung des Landes. Ein deutschsprechender Türke im Basar sagte mir zum Thema EU, die Griechen, Bulgaren und Rumänen, die machen euch Deutsche doch kaputt, die wollen doch nur euer Geld. Sollen wir Türken als EU-Mitglied für die Griechen zahlen? Niemals. Dazu die Zeitungsmeldung: Griechische Wirtschaft schrumpft erneut. Viele Türken pfeifen bereits auf die von unseren Roten und Grünen herbeigesehnte Aufnahme in die EU. Lassen wir die Türken doch selbst in Referenden entscheiden, was und wohin sie wollen. Demagogisch beeinflusste Ratschläge, Warnungen und direkte Einmischungen von unserer Seite sollten tunlichst unterbleiben.

Hubert Müller München

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