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War was? Martin Runge, Fraktionschef, lässt sich von der Ohrfeige nicht beeindrucken.

"Die Grünen" knallhart

Schallende Watschn für Martin Runge

München - Diese Partei ist ein Phänomen. Während die Medien über Steinbrück oder Brüderle berichten, bleibt es um die Grünen still. Dabei geht sie mit ihrem Spitzenpersonal ebenso skrupellos um.

Am Tag danach ist alles wie immer. Der grüne Fraktionschef Martin Runge leitet die parlamentarische Woche mit einem Pressefrühstück im Landtag ein. Landesentwicklungsprogramm, kommunale Daseinsvorsorge, öffentlicher Personennahverkehr: Runge bohrt einfach unbeirrt an seinen dicken Brettern weiter. Auf das zurückliegende Wochenende will er gar nicht eingehen. Eine schallende Ohrfeige hat ihm die Basis da verpasst. Platz acht auf der oberbayerischen Landtagsliste, seine Wange müsste glühend rot leuchten. Runge gibt sich schmerzfrei. War was?

Die Grünen sind ein Phänomen. Sie haben sich von allem abgenabelt, was derzeit Medien wie Stammtische bewegt: In welchen Fettnapf Peer Steinbrück tritt, wie oft Rainer Brüderle und Philipp Rösler bei Auftritten miteinander tuscheln, welche Parteifreunde Horst Seehofer als nächste abmeiert. Nur die Grünen fahren irgendwie unterhalb des medialen Radars, und das mit großem Erfolg.

Dabei geht die Partei mit ihrem Spitzenpersonal rüde um – gerade auch in Bayern. Zuerst ließ die Basis die Bundesvorsitzende Claudia Roth bei der Nominierung der Spitzenkandidaten mit 26,2 Prozent glatt durchfallen. Dann erteilte der schwäbische Bezirksverband der Landeschefin Theresa Schopper eine derbe Abfuhr: Im Kampf um den Spitzenplatz auf der regionalen Liste unterlag sie mit 9 zu 37 Stimmen. Und jetzt Fraktionschef Runge in Oberbayern.

Der Zurückgestufte will die Aufregung nicht verstehen. Runge hat sich zwar geärgert – allerdings nicht über die Parteifreunde, sondern jene Journalisten, die seine Schlappe eine Schlappe nannten. „Es gibt bei uns keine Erbhöfe“, sagt Runge. „Das ist bei Grüns einfach nicht so.“ Auch Spitzenkandidatin Margarete Bause findet solche Niederlagen völlig normal. „Bei uns wird die Liste nun mal vorher nicht ausgekartelt.“

Die Grätsche gegen die eigenen Mittelstürmer ist sogar irgendwie Partei-Grundsatz. „Seit der Gründung gehört es als wesentliches Unterscheidungsmerkmal zu den Grünen, nicht diesen Personenkult zu betreiben“, sagt Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing. Sie erinnert an die einst grünen Urprinzipien der Rotation aus dem Parlament und der Trennung von Parteiamt und Mandat. Kein Spitzen-Grüner sei vor Denkzetteln sicher. „Die Folgeprobleme sind sehr viele Verletzungen“, warnt Münch. „Es ist ein Spagat: Wie lange gelingt es, die ganz Guten für die Politik zu gewinnen, wenn man den Leuten so unheimlich viel zumutet?“

Bislang flüchtete keiner. Anders als etwa die FDP werden die Grünen nicht als zerstrittener Haufen wahrgenommen. Roth, Runge, Schopper machen einfach weiter. So entsteht das Bild einer Partei, die trotz der traditionellen Unberechenbarkeit der Basis als äußerst solide wahrgenommen wird. Zur Landtagswahl in Niedersachsen erklärten bei Infratest 45 Prozent der Befragten, die Grünen würden „vor der Wahl ehrlich sagen, was sie nach der Wahl ehrlich umsetzen wollen“. Das war klar Platz 1. Der jüngste Bayern-Trend belegte zudem steigende Kompetenzwerte in den zentralen Politikfeldern Familie, Bildung, Soziales. Vor allem trauen die Bürger der Ökopartei zu, das Riesenthema Energiewende am besten zu meistern. Umgekehrt ist das Personal nicht sonderlich bekannt. Es geht um Themen, nicht um Köpfe.

Bei den letzten Wahlen schlug sich das nieder: Niedersachsen 13,7 Prozent, Nordrhein-Westfalen 11,2, Schleswig-Holstein 13,2. In Bayern liegen die Grünen in Umfragen bei 12 bis 14 Prozent. In Hessen, wo ebenfalls im September gewählt wird, sogar bei bis zu 20 Prozent.

Dieter Janecek findet das nicht überraschend. „Wir zeigen im Augenblick einfach mehr Verlässlichkeit als jede andere Partei“, sagt der bayerische Co-Landesvorsitzende. Inzwischen schätzt er die Stammwählerschaft auf neun Prozentpunkte, also grob geschätzt zwei von drei Grünen-Stimmen. Zum Vergleich: Union und SPD haben, vermuten Experten, nur noch ein Zehntel bis ein Fünftel an treuen, milieuverhafteten Wählern.

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Ob innerparteiliche Reibung dem nicht schadet? Janecek kennt sich aus. Eben erst hat er Bekanntschaft mit dem rauen Wind gemacht, der in der Partei wehen kann. Sein forsches Plädoyer für eine Öffnung in Richtung der CSU wurde von einigen Parteifreunden, auch von der Parteispitze aus Berlin, niedergebügelt. Tragisch findet er das nicht: „Prinzipiell gelten bei uns die Hierarchien nun einmal nicht so viel wie in anderen Parteien.“

Von Mike Schier und Christian Deutschländer

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