Helmut Kohl: "Bei der Euro-Einführung war ich ein Diktator"

    • aHR0cDovL3d3dy5tZXJrdXItb25saW5lLmRlL2FrdHVlbGxlcy9wb2xpdGlrL2hlbG11dC1rb2hsLWJlaS1ldXJvLWVpbmZ1ZWhydW5nLWRpa3RhdG9yLXpyLTI4NDYwNjguaHRtbA==2846068"Bei der Euro-Einführung war ich ein Diktator"0true
    • 11.04.13
    • Politik
    • 74
    • Drucken
Altkanzler Helmut Kohl bekennt:

"Bei der Euro-Einführung war ich ein Diktator"

    • recommendbutton_count100
    • 7
Von Franz Rohleder

München - In einem jetzt veröffentlichten Interview aus dem Jahr 2002 bekannte Altkanzler Helmut Kohl: Bei der Euro-Einführung war ich wie ein Diktator! Kohl verrät, warum er gegen den Willen der Deutschen handelte.

© dpa

Altkanzler Helmut Kohl ( CDU) Anfang April in Bad Wiessee am Ufer des Tegernsees.

Doktorarbeiten bergen im politischen Berlin zuweilen explosives Potential. Manchen Politiker kostet massives Abschreiben bei seiner Dissertation die Karriere. Siehe Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) oder Ex-Wissenschaftsministerin Annette Schaven (CDU). Die jetzt veröffentliche Doktorarbeit des Journalisten Jens Peter Paul mit dem sperrigen Titel "Bilanz einer gescheiterten Kommunikation. Fallstudien zur deutschen Entstehungsgeschichte des Euro und ihrer demokratietheoretischen Qualität" bringt nun eine spektakuläre Aussage von Altkanzler Helmut Kohl (CDU) zutage. In einem Interview für diese Dissertation am 14. März 2002 mit Autor Paul bekannte der Altkanzler: "In einem Fall war ich wie ein Diktator, siehe Euro."

Zur Erinnerung: Als Kohl dieses Interview gab, war der Euro erst seit ein paar Wochen neues Zahlungsmittel in Deutschland. Am 2. Mai 1998 hatte Kohl mit anderen Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union in Brüssel die Einführung des Euro beschlossen. Das deutsche Volk hatte bei dieser Entscheidung nichts mitzureden.

Das war die Ära Helmut Kohl

Im Interview räumte Kohl rundheraus ein, bei der Abschaffung der D-Mark gegen den Willen der Deutschen gehandelt zu haben. Der Grund: "Eine Volksabstimmung über die Einführung des Euro hätten wir verloren. Das ist ganz klar. Ich hätte sie verloren." Wenig später behauptet Kohl auch, dass mehr als eine Zweidrittelmehrheit der Deutschen gegen die Einführung des Euro gestimmt hätte: "Eine Volksabstimmung hätte ich natürlich verloren, und zwar im Verhältnis 7 zu 3."

Vor allem im Osten, wo erst wenige Jahre zuvor die D-Mark eingeführt wurde, sei die Bevölkerung mehrheitlich gegen den Euro gewesen: "Wir hätten die geballte Macht der PDS dagegen gehabt; im Osten ist das ja ganz unpopulär. Jetzt haben wir gerade die D-Mark – jetzt sollen wir sie schon wieder hergeben! Früher haben Sie geschrieen: Wenn die D-Mark nicht nach Leipzig kommt, gehen die Leipziger zur D-Mark!"

Erstmals nach zehn Jahren: Altkanzler Kohl besucht Unionsfraktion

Aber manchmal, so betonte Kohl, müsse auch in einer Demokratie jemand die Zügel in die Hand nehmen - und notfalls unpopuläre Entscheidungen umsetzen. "Das politische Leben läuft so: Demokratie hin, Demokratie her, Wahlen hin und her, repräsentative Demokratie kann nur erfolgreich sein, wenn irgendeiner sich hinstellt und sagt: So ist das. Ich verbinde – wie ich – meine Existenz mit diesem politischen Projekt."

Kohl bekannte, dass er bei der Euro-Einführung überzeugt gewesen sei, dass diese eine einzigartige Chance für das friedliche Zusammenwachsen Europas gewesen sei: "Der Euro ist ja nur ein Synonym für Europa. Verstehen Sie: Für mich ist die Idee der Einigung Europas nicht irgend eine Sache wie dem Riester seine Rentenversicherung. Das ist eine wichtige Sache, aber von der Qualifikation ist das ein Nichts gegenüber dem Euro! Die Rentenversicherung wird jetzt geändert, wird wieder geändert, wird noch einmal geändert. Aber Europa hat zum ersten Mal keinen Krieg mehr. Das muß man doch einmal sehen! Das ist doch ein historischer Bezug.“

Helmut Kohl wird 80: Ständchen und Sekt für den Altkanzler

Kohl geht auch davon aus, dass ihm die Euro-Einführung wichtige Stimmen bei der Bundestagswahl 1998 gekostet habe, die er gegen Gerhard Schröder (SPD) verlor. Auf eine entsprechende Frage antwortet der Altkanzler: "Natürlich! Das ist außer Frage. Ich kann Ihnen den Prozentsatz nicht sagen, aber daß wir Stimmen verloren haben, daß ich Stimmen nicht gekriegt habe, das ist ganz sicher."

Warum Kohl in dem Interview derart vollmundig auspackte? Wie er dem Interviewer erklärte, genoss er damals, knapp vier Jahre nach seiner Abwahl als Kanzler, seine Unabhängigkeit. "Ich bin ein freier Mann, ich kann zum ersten Mal in meinem Leben so frei reden, wie ich nur mag! Und das genieße ich."

Die Doktorarbeit samt Kohl-Interview findet sich unter dieser Adresse: goo.gl/QKVrq

fro

zurück zur Übersicht: Politik

Kommentare

  • Neueste Kommentare
  • Beliebteste Kommentare
Guest23.09.2013, 21:41
(0)(0)

Der Euro ist Versailles ohne Krieg und Kohl hat den Verzichtspolitiker gemacht.

Vollstreckungsanwaerter08.05.2013, 15:41
(3)(0)

Ich frage mich, warum man dieses Subjekt nicht juristisch belagen könnte.
Wenn man 90-jährige ohne konkreten Beweise vor Gericht zerrt (Demanjuk), trotz hohen Alters für seine Meinung inhaftiert (Honsik, Mahler) und sogar die Gebeine ausgräbt, um sie eingeäschert in den Wind zu werfen (Hess), fühlt sich dieser Kerl sicher und wohl dabei, nun endlich als "Normalbürger" der Gerechtigkeit zu entfliehen?
Ich hoffe, daß er noch lange (genug) lebt...

FB07.05.2013, 12:21
(1)(0)

Verbrecher einer Scheindemokratie!

Alle Kommentare anzeigen

Ort des Geschehens

48.1366069,11.5770851

Karte wird geladen... Karte wird geladen - Downloadanzeige

Aktuelle Fotostrecken

"Russland exportiert Terror": Reaktionen zur Ukraine-Krise

weitere Fotostrecken:
Newsletter

Meist kommentierte Artikel

  • Letzte Woche
  • Monat
  • Themen

Wahlrecht für Ausländer gefordert

Berlin - Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), fordert das Kommunalwahlrecht für alle Ausländer in Deutschland. Bei Unionspolitikern stieß sie damit auf Ablehnung.Mehr...

Donezk

Protestler rufen "souveräne Volksrepublik" aus

Donezk - Der Westen blickt besorgt auf die Entwicklung in der Ostukraine. Dort proben prorussische Separatisten knapp sieben Wochen vor der Präsidentenwahl den Aufstand.Mehr...

Wirtschaft

Staat gewinnt ersten "Cum-Ex"-Prozess

Staat gewinnt ersten "Cum-Ex"-Prozess

München - Im Streit um sogenannte „Cum-Ex“-Aktiendeals hat die Finanzverwaltung einen Etappensieg vor dem Bundesfinanzhof errungen.Mehr...

Google Unternehmenszahlen erstes Quartal 2014: Gewinn schrumpft

Google enttäuscht trotz Gewinn die Börse

Mountain View - Google ist eine Geldmaschine dank der boomenden Online-Werbung. Die Welt könnte perfekt sein, wenn der Konzern nicht ein Problem hätte.Mehr...

Tarifvertrag gefordert: Amazon-Mitarbeiter streiken

Amazon-Mitarbeiter streiken

Leipzig/Bad Hersfeld - Beschäftigte des Online-Versandhändlers Amazon streiken: Sie sind am Donnerstagmorgen in Leipzig und im hessischen Bad Hersfeld in den Ausstand getreten.Mehr...

Neues Passwort zusenden

Bitte geben Sie ihre E-Mail Adresse an, wir senden Ihnen ein neues Passwort zu.

Bitte warten

Es wird etwas gemacht.

  • recommendbutton_count100
Schließen

Druckvorschau

Artikel:

Schließen

Artikel Empfehlen

Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!

Fehleranzeige ausblenden

Es sind Fehler aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.

Fehleranzeige ausblenden

Schwere Fehler sind aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.

  • Fehlertext

Achtung!

  • Fehlertext

Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.