Noch zehn Jahre in Afghanistan? "Das ist Wahnsinn!"

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    • 05.07.07
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Noch zehn Jahre in Afghanistan? "Das ist Wahnsinn!"

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München - Orient-Experte Peter Scholl-Latour entsetzt über Strucks Äußerungen - Warnung vor "brodelnden Kräften" in Pakistan

Die Lage im Orient eskaliert. Wir sprachen darüber mit Peter Scholl-Latour.

Pakistan steht offenbar eine Machtprobe zwischen Regierung und Islamisten bevor. Wie gefährlich ist die Lage?

Die Lage in Pakistan ist potentiell viel gefährlicher als in Afghanistan. Es ist ein Irrtum, dass das Attentat vom 11. September 2001 aus den Höhlen des Hindukusch heraus geplant wurde. Nein, Pakistan ist die Drehscheibe. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Anhänger der El-Kaida-Ideologie sich im wesentlichen im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan versammelt und dort Unterschlupf gefunden haben.

Die Taliban und die El-Kaida-Leute könnten ohne Hilfe aus Pakistan wohl kaum überleben?

Das ist ziemlich eindeutig, obwohl die Entwicklung nicht von Pakistan ausgegangen ist. Vergessen wir nie: Nicht die ,Organisation' El Kaida, wohl aber die Truppe um Osama bin Laden und die internationalen islamischen Brigaden wurden mit von den USA zusammengeführt, um gegen die Sowjets in Afghanistan zu kämpfen. Auch die Taliban wurden mit Hilfe Amerikas und Pakistans aufgestellt, um in dem chaotischen Durcheinander von Afghanistan eine Ordnung herzustellen. Und das haben sie ja auch zustandegebracht. Es war eine abscheuliche Ordnung, aber es herrschte jene Ruhe, die auch den USA gute Geschäfte ermöglichte. Was die Verflechtung zwischen Pakistan und Afghanistan anbelangt: Die war immer da.

Wie lange kann sich in Pakistan die Regierung Musharraf gegen die Fundamentalisten behaupten?

Das ist völlig offen. Der entscheidende Faktor in Pakistan ist seit der Gründung der Republik die Armee. Sie ist stark islamisch geprägt, hat sich bisher aber als Ordnungsmacht bewährt. Ob Musharraf, nachdem er sich mehr und mehr auf Seiten des Westens und Amerikas engagiert, noch die Masse hinter sich haben wird, ist eine andere Frage. Die wirklich brodelnden Kräfte in Pakistan, die gefährlicher sind als jene in Afghanistan, sind noch nicht zum Zuge gekommen.

Das klingt wenig ermutigend - auch mit Blick auf das deutsche Engagement in Afghanistan!

Es ist absurd, dass die Amerikaner intensiv einen Rückzug aus dem Irak diskutieren, die Vorstellung eines Nato-Rückzugs aus Afghanistan aber ein politisches Tabu ist.

Es geht noch weiter: SPD-Fraktionschef Struck meinte, dass die Bundeswehr noch mindestens zehn Jahre am Hindukusch bleiben werde!

Das ist doch der Wahnsinn. Und von der Schärfe dieser Aussage nehme ich kein Wort zurück. Das ist unverantwortlich gegenüber der dort eingesetzten Truppe - die ja noch nicht einmal auf die Probe gestellt worden ist. Man muss sich auch vor Augen halten, dass die Präsenz der deutschen und der anderen Truppen auf der Duldung der dortigen Stammesfürsten beruht. Wenn die ihr Wohlwollen entziehen, sind die deutschen Positionen unhaltbar. Man weiß das in Berlin. Was ich nicht verstehe, ist, warum es nicht ausgesprochen wird.

El-Kaida-Vize Al Sawahiri hat die Muslime zum "Heiligen Krieg" in Afghanistan und im Irak aufgerufen. Was steckt dahinter?

Al Sawahiri und Osama bin Laden kann man allmählich vergessen. Das sind Figuren der Vergangenheit. Die wirklichen Profis, wie sie zum Beispiel bei der Hisbollah im Libanon existieren, sind ja noch gar nicht in Erscheinung getreten. Dass eine Vielzahl von fanatischen Gruppen bereit ist, Terror und Gewalt nach Amerika und Europa zu tragen und auch im Irak und in Afghanistan möglichst viel Unheil anzurichten, ist eindeutig. Aber deren Einflussmöglichkeiten sind offenbar begrenzt - bisher jedenfalls.

Al Sawahiri sagt dem Westen eine baldige Niederlage im Irak und in Afghanistan vorher. Unsinn?

Nein. US-Senator Reid, der Sprecher der Demokraten im Senat, hat ja bereits gesagt, dass der Krieg im Irak verloren ist. Al Sawahiri sagt also nichts Neues. Und dass der Krieg in Afghanistan nicht zu gewinnen ist, das weiß jeder vernünftige Mensch.

Wie lange bleibt Deutschland noch vor Anschlägen verschont? Sind die Terrorwarnungen übertrieben?

Es tobt ein Nervenkrieg, aber wir sind von der Gefahr natürlich nicht ausgenommen. Es kann vom einem zum anderen Tag passieren. Und ich fürchte, dass die Deutschen darauf nicht so professionell reagieren werden wie etwa die Briten oder die Spanier, die lange mit dem IRA- oder ETA-Terror leben mussten.

Was bereitet Ihnen in Nahost große Sorgen?

Die wichtigste Neuerung im gesamten Orient ist das Überhandnehmen der Schiiten. Das schafft einen tiefen Graben. Außerdem: Die wirkliche Unterstützung von Hamas kommt entgegen allen Behauptungen nicht von der Hisbollah, sondern von saudischer Seite. Im Libanon ist die Sympathie der schiitischen Bevölkerung für die Palästinenser sehr gering.

Interview: Werner Menner

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