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8100 Aktionäre kamen gestern zur Hauptversammlung von Siemens in die Münchner Olympiahalle und kritisierten die Führungsspitze.

„Krempeln Sie die Ärmel hoch“

Aktionäre nehmen Siemens-Chefs in die Kritik

München - Siemens hat einen durchwachsenen Start ins Geschäftsjahr hingelegt. Bei der Hauptversammlung übten Aktionäre teils scharfe Kritik an der Führungsspitze. Vorstand und Aufsichtsrat beschworen ihre Geschlossenheit.

Gerhard Cromme kann dieser Tage nur noch wenig schrecken. Noch vor wenigen Tagen musste er als Aufsichtsratschef unter Pfiffen die Hauptversammlung von Thyssen-Krupp im Bochumer Ruhrkongress leiten. Da sollte die Siemens-Aktionärsversammlung gestern in der Münchner Olympiahalle ein Spaziergang werden – obwohl auch beim Münchner Industriekonzern längst nicht alles glatt läuft. Es habe „einige Herausforderungen“ gegeben im vergangenen Jahr, sagt Cromme, der auch bei Siemens den Posten des Chefaufsehers hat.

„Aufsichtsrat und Vorstand sind nicht zufrieden, dass die eigenen Ansprüche nicht erfüllt wurden.“ Keine Pfiffe, dafür Stille. Es sei aber ein „Zeichen der Stärke“, dass Siemens trotzdem den Umsatz gesteigert und das zweitbeste operative Ergebnis der Geschichte eingefahren habe, sagt Cromme. Pause. Er blickt ins Publikum. „Sie dürfen klatschen.“ Tatsächlich gibt es zaghaften Applaus. Bei Siemens, das ist spätestens jetzt klar, wird es heute keinen Aufstand der 8100 anwesenden Aktionäre geben.

Dabei hatte Vorstandschef Peter Löscher kurz vor der Versammlung wieder ziemlich durchwachsene Zahlen für das erste Quartal des Geschäftsjahres, das bei Siemens bereits im Oktober beginnt, vorgelegt. Zwar stieg der Umsatz leicht um zwei Prozent auf 18,1 Milliarden Euro, Auftragseingang und Gewinn schrumpften aber. Unter dem Strich blieb Siemens ein Gewinn von 1,21 Milliarden Euro – zwölf Prozent weniger als im ersten Quartal des Vorjahres. Löscher sprach von einem „soliden“ ersten Quartal. 2013 sei ein „Jahr des Übergangs“. Im November hatte Löscher ein sechs Milliarden Euro schweres Sparprogramm angekündigt, das bis 2014 die Gewinnmargen von 9,5 auf zwölf Prozent steigen lassen soll. Auch in Deutschland werden deshalb wohl tausende Arbeitsplätze wegfallen. „Dass wir gegenüber dem Wettbewerb an Boden verloren haben und den Anspruch haben aufzuholen, ist unzweifelhaft“, sagte Löscher. Dieses Jahr sei aber konjunkturell weiterhin schwierig. „Wir erwarten von der Weltwirtschaft keinen Rückenwind“, sagte Löscher.

Doch die Siemens-Probleme sind auch hausgemacht. Wieder mussten hohe Abschreibungen verbucht werden, allein die verspätete Lieferung von 16 ICEs an die Deutsche Bahn schlug mit 116 Millionen Euro zu Buche. „Wir können nicht ausschließen, dass es im Jahresverlauf zu weiteren Belastungen kommt“, sagte Finanzvorstand Joe Kaeser. Die Solarsparte kostete den Konzern weitere 150 Millionen Euro. Trotzdem bleibt Siemens bei seinem Ziel, insgesamt einen Gewinn von 4,5 bis fünf Milliarden Euro in diesem Geschäftsjahr erwirtschaften zu wollen.

Die Aktionäre sparten dann auch nicht mit Kritik. Die Entwicklung des Aktienkurses sei „einfach nur noch enttäuschend“, sagte Henning Gebhardt von der Fondsgesellschaft DWS. Hans-Martin Buhlmann von der Vereinigung institutioneller Privatanleger forderte: „Wer mit dem Börsenkurs zufrieden ist, der stehe auf.“ Als alle sitzen bleiben, stellte er fest: „Ich sehe keinen einzigen Vorstand stehen.“ Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz rief Löscher zu: „Wir erwarten, dass Sie die Ärmel hochkrempeln und den feinen Zwirn ablegen.“ Es handle sich um einen Widerspruch, dass die Ziele des Managements laut Vergütungsbericht sogar übererfüllt worden seien und die Boni ausgezahlt würden, obwohl der Vorstand selbst sage, dass das Unternehmen hinter den Erwartungen zurückbleibe. Wie viele Aktionäre kritisierte Bergdolt Aufsichtsratschef Cromme. Der sei bei ThyssenKrupp so eingespannt, dass sich die Frage stelle: „Kommt Siemens da ein bissl zu kurz?“ Das fand bei den übrigen Aktionären viel Zustimmung. Cromme stand gestern zur Wiederwahl.

Überwiegend begrüßt wurde der Plan, die Lichtsparte Osram abzuspalten, über den die Aktionäre entscheiden mussten. Pro zehn Siemens-Aktien sollen die Anteilseigner eine Osram-Aktie in ihr Depot gebucht bekommen. Zusätzlich zur regulären Dividende, die wieder bei drei Euro liegen soll. Siemens will nur noch mit 19,5 Prozent an Osram beteiligt bleiben.

Die Konzernspitze reagierte auch auf Berichte, dass es interne Differenzen gebe. Da war unter anderem vom „Schattenmann“ Joe Kaeser zu lesen, der angeblich Ambitionen habe, selbst Vorstandschef zu werden. „Siemens ist erfolgreich unterwegs und ich bin ruhig und gelassen. Das Führungsteam ist geschlossen und das wird auch über die nächsten Jahre so bleiben“, betonte Löscher.

Auch Cromme widersprach bei der Hauptversammlung ausdrücklich den Gerüchten: „Wir lassen uns nicht vom Kurs abbringen, auch wenn manche Medien diesen hinterfragen und teilweise versuchen, Uneinigkeiten in Vorstand und Aufsichtsrat zu konstruieren, wo keine sind.“ Und der angebliche Schattenmann? Es gebe nur in der Frage Differenzen, ob Borussia Dortmund oder der FC Barcelona in der Champions League gewinnen solle, sagte Kaeser. „Wenn es um Siemens geht, halten wir zusammen, da werden wir auch keinen dazwischen lassen.“ Und dann schiebt er nach: „Im Übrigen ergänzen sich Licht und Schatten auf ganz natürliche Weise.“ Wer Licht und wer Schatten ist im Vorstand, ließ er allerdings offen.

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