Skandale erschüttern Vertrauen

Eier und Pferdefleisch: Der große Kunden-Betrug

München - Können Kunden den Aufdrucken auf der Lebensmittelpackung glauben? Nach den Skandalen um Pferdefleisch und Bio-Eier wird die Kritik lauter. Dabei sorgen teils auch völlig legale Angaben für Unmut.

Eigentlich klingt es ganz einfach, was Lebensmittel- Packungen in den Regalen der Supermärkte angeht: Drin sein sollte, was draufsteht. Und nur was draufsteht, sollte auch drin sein. Der Skandal um heimlich untergemischtes Pferdefleisch in Rindfleisch-Lasagne hat allerdings viele Kunden ins Zweifeln gebracht. Nun sind auch noch Bio-Eier unter Verdacht geraten, dass der Inhalt nicht hält, was der Aufdruck garantiert. Dabei sind Qualitätsversprechen und Siegel auch ein Argument, mehr zu bezahlen. Verbraucherschützer fordern seit langem mehr Klarheit auf Etiketten und mehr Kontrollen.

Welche Kennzeichnung ist bei Fleisch gesetzlich vorgeschrieben?

Vieles ist gesetzlich geregelt – angesichts des europäischen Binnenmarkts müssen verpflichtende Angaben EU-weit festgelegt werden. Auf die Packungen gehört unter anderem ein Verzeichnis der Zutaten in der Reihenfolge der enthaltenen Menge. Ist Fleisch im Produkt, muss die Tierart genannt werden. Wenn es sogar besonders hervorgehoben ist wie in „Rindfleisch-Lasagne“ oder durch eine Abbildung auf dem Karton, muss auch die Menge in Prozent in die Liste. Allerdings ist Lebensmittel nicht gleich Lebensmittel. So muss als Spätfolge aus dem BSE-Skandal das Herkunftsland bei rohem Rindfleisch gleich in drei Dimensionen auf das Etikett: Geburtsort, Mast-ort und Schlachtort des Tieres. Geplant ist, dies auch auf Schweine-, Schaf-, Ziegen- und Geflügelfleisch auszuweiten. Für Fertigprodukte mit Fleisch gilt diese Pflicht aber nicht.

Was gilt bei Eiern?

Roh im Karton ist am aufgedruckten Code unter anderem die Haltungsform zu erkennen, zum Beispiel 0 für ökologische Erzeugung oder 2 für Bodenhaltung (siehe Grafik unten). Werden Eier mitverarbeitet wie in Nudeln oder Gebäck, müsse diese Angabe aber weiter nicht auf die Packung, moniert die Organisation Foodwatch und fordert: „Der Kunde wird nur dann zum König, wenn er die notwendigen Informationen über ein Produkt erhält, um die Qualität beurteilen zu können.“

Auch bei korrekter Kennzeichnung gibt es immer wieder Verwirrung.

Ja. So darf zum Beispiel die Bezeichnung „Kalbfleisch-Leberwurst“ schon aufs Etikett, wenn mindestens 15 Prozent Kalbfleisch im Fleischanteil enthalten ist. Die Verbraucherzentralen fordern deshalb, direkt auf der Vorderseite der Packung anzugeben, dass die Wurst mehr Schweine- als Kalbfleisch enthält. „Wir brauchen ein Klarheitsgebot bei der Kennzeichnung von Fleisch und Wurst“, argumentiert vzbv-Chef Billen. Kritisch gesehen wird inzwischen selbst in der Branche, wenn Bilder auf der Packung eine Idylle nahelegen, die mit den Produktionsweisen der modernen Landwirtschaft nicht mehr viel zu tun hat.

Wie kam der Bio-Eier-Skandal ins Rollen?

In einem Zivilprozess habe ein Bauer ausgesagt, dass er zu viele Hühner für seinen Stall gekauft habe und dass das allgemein üblich sei, sagte der Leiter der Oldenburger Staatsanwaltschaft, Roland Herrmann. Der Richter habe das Landesamt für Verbraucherschutz informiert, das wiederum die Staatsanwaltschaft eingeschaltet habe. Diese ermittelt seit Herbst 2011 wegen Betrugsverdachts gegen einige Betriebe. Mit der Zeit sei die Zahl der Verdächtigen gewachsen, da die Auswertung von Lieferunterlagen neue Anhaltspunkte ergeben hätte. „Gerade jetzt in dieser Größenordnung ist natürlich unser Interesse gewesen, erst mal in Ruhe durchsuchen zu können, bevor die Täter gewarnt sind und alle Unterlagen vernichten, die uns jetzt weiterhelfen.“ Die Oldenburger Staatsanwaltschaft ermittelt gegen 100 Betriebe in Niedersachsen, die zu viele Tiere in einem Stall gehalten haben sollen. Die Eier sollen zum Teil als Bio-Eier in den Handel gelangt sein. Betrügereien bei der Hühnerhaltung und der Eierkennzeichnung sind nach Angaben der Ermittler weit verbreitet. „Es scheint eine relativ flächendeckende Praxis gewesen zu sein“, erklärt der Leiter der Oldenburger Staatsanwaltschaft Herrmann.

Sind auch Betriebe aus Bayern in die Betrügereien verwickelt?

Bisher ist davon nichts bekannt. Neben den 100 niedersächsischen Betrieben gibt es Hinweise auf solche in Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen. Auch über einen Fall aus Brandenburg wird berichtet. Nordrhein-Westfalen hat nach Angaben seines Verbraucherministeriums keine Erkenntnisse über kriminelle Machenschaften.

Was macht ein Ei zum Bio-Ei?

Bio-Legehennen müssen nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung grundsätzlich mit Biofutter ernährt werden. Was erlaubt ist, regeln die EG-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau. Gentechnisch veränderte Futtermittel sind zum Beispiel untersagt. Auch Käfighaltung ist tabu. Dafür gehören Sitzstangen, Sandbäder sowie Ein- und Ausflugklappen zum Standard. Auf einem Quadratmeter Fläche (ohne Wege) leben höchstens sechs Bio-Hennen, maximal 3000 pro Stall. Zum Vergleich: Im konventionellen Bereich dürfen bis zu zwölf Tiere pro Quadratmeter gehalten werden. Rund ein Drittel ihrer Lebenszeit können die Bio-Hennen im Freien verbringen, wo Bäume oder Sträucher Schutz zum Beispiel vor der Sonne bieten. Wie bei der konventionellen Freilandhaltung ist pro Tier eine Auslauffläche von mindestens vier Quadratmetern vorgesehen. Geregelt ist auch die Nachtruhe der Öko-Legehennen: Sie haben ein Recht auf mindestens acht Stunden Dunkelheit – ohne Tageslicht oder künstliche Beleuchtung im Stall.

Ist die Erzeugung von Bio-Eiern wirklich so viel teurer?

Die Direktkosten für ein Ei aus Biohaltung schlagen nach Auskunft der niedersächsischen Landwirtschaftskammer mit 13,6 Cent zu Buche. Werden auch die Abschreibung auf den Stall und andere Festkosten angesetzt, liegt der Vollpreis bei 16,5 Cent. Deutlich darunter liegen die Zahlen in der Freilandhaltung – hier nennt die Kammer 9,02 Cent an Direkt- und 11,4 Cent an Vollkosten. Bei der dritten Haltungsart, der Bodenhaltung, sitzen ebenfalls maximal 18 Tiere in einer Volière, haben aber keinen angeschlossenen Auslauf. Durch den geringeren Energieverbrauch der Legehennen – die ja auf engem Raum zusammenhocken – ist auch der Futterverbrauch geringer. Das schlägt sich wiederum in den Kosten nieder: Ein so produziertes Ei kommt auf Direktkosten von 7,8 Cent und Vollkosten von 9,4 Cent. Für die Freilandhaltung sind pro Huhn mindestens vier Quadratmeter Auslauffläche nötig. Freilandeier dürfen als „Bio“ nur vermarktet werden, wenn auch bestimmte Futtermittel-Auflagen erfüllt werden. Die Direktkosten für die mittlerweile verbotene Käfighaltung wurden auf 6,7 Cent, die Vollkosten auf 7,8 Cent geschätzt. Seit 2009 müssen die Tiere in sogenannten Kleingruppenkäfigen gehalten werden.

Und was muss der Verbraucher bezahlen?

Öko-Eier sind in Deutschland im Durchschnitt mehr als doppelt so teuer wie Eier aus Bodenhaltung. Für einen 10er-Karton mit Eiern aus Bodenhaltung mussten die Verbraucher nach Angaben von Margit Beck, Analystin beim Marktinfo Eier & Geflügel (MEG), im vergangenen Jahr durchschnittlich 1,20 Euro bezahlen, 10 Freilandeier kosteten 1,62 Euro. Für zehn Bio-Eier habe der Durchschnittspreis 2,86 Euro betragen. Fast zwei Drittel der Legehennen in Deutschland leben in Bodenhaltung.

Erkennt man als Verbraucher Unterschiede zwischen den Eiern?

Bio-Eier und konventionell erzeugte Eier unterscheiden sich kaum in Aussehen, Geschmack und Nährstoffgehalt. „Es hängt ganz stark vom Futter und auch vom Auslauf ab, wie die Nährstoffzusammensetzung ist“, sagte Harald Seitz vom Verbraucherinformationsdienst aid. „Wenn die Hühner im Sommer Grünfutter bekommen, dann ist die Nährstoffzusammensetzung in ganz kleinem Rahmen eine etwas andere, als wenn sie nur Trockenfutter bekommen.“ Auch in der Futterzusammensetzung seien die Unterschiede gering. Auch ein konventioneller Eiererzeuger verfüttere Grünfutter, wenn er es günstig erwerben könne. Beim Futter gebe es für Biohennen allerdings strengere Vorschriften. Sie dürfen laut Seitz keine gentechnisch veränderten Futtermittel bekommen, und auch Sojaimporte seien sehr selten zugelassen im Biobereich.

Was will die Politik für Konsequenzen aus den jüngsten Skandalen ziehen?

Politiker und Verbände fordern vor allem Sanktionen gegen betrügerische Betriebe und wirksamere staatliche Kontrollen. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) sieht besonders die Länder in der Verantwortung. „Die Kontrollen, für die die Länder ja zuständig sind, können nicht nur vom Schreibtisch aus durchgeführt werden, sondern man muss sich natürlich die Betriebe auch mal vor Ort anschauen“, sagte Aigner. Auch FDP und Grüne forderten schärfere Kontrollen und ein Zählen der Tiere. Der Beamtenbund kritisierte den Mangel an Kontrolleuren. Aigners österreichischer Amtskollege Niki Berlakovich schlug einen „europäischen Reisepass für Lebensmittel“ vor, um Lebensmittel auszuweisen. Bisher muss die Herkunft einzelner Zutaten bei verarbeiteten Lebensmitteln in Europa nicht auf der Packung stehen. Die EU-Kommission prüft derzeit eine umfassendere Kennzeichnung von Inhaltsstoffen in verarbeiteten Lebensmitteln. Vor Ende des Jahres will sie ihre Analyse vorlegen.

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