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Karstadt kommt nicht aus der Krise. Nach zwei Jahren mit Gehaltsverzicht wird nun massiv Personal abgebaut.

Karstadt: Jeder achte Mitarbeiter muss gehen

München/Essen – Mit einem harten Sparkurs will Karstadt steigende Personalkosten und die getrübte Kauflust verkraften. Die südbayerischen Filialen kommen dabei glimpflicher davon als andere.

Viele Karstadt-Verkäuferinnen haben die Hiobsbotschaft erst in den Nachrichten gehört: Das Management des Kaufhauskonzerns plant überraschend tiefe Einschnitte. Von 25 000 Arbeitsplätzen werden mindestens 2000 bis Ende 2014 gestrichen. Wegen der vielen Teilzeitstellen gilt sogar die Zahl 3000 als realistisch. Fast jeder Achte muss wohl gehen.

„Wir müssen das erstmal verarbeiten und abwarten, wen es trifft,“ sagt eine Mitarbeiterin. „Es ist traurig“, meint auch eine Aushilfskraft. Ihren Vorgesetzten wollen sie nichts vorwerfen, denn gegen die „Bestimmung von oben“ seien auch Filialleiter machtlos.

Hinter den Kulissen stellt Karstadt seit Wochen die Weichen: Sämtliche befristeten Arbeitsverträge sollen auslaufen. Vozugsweise Älteren werden Abfindungen fürs freiwillige Ausscheiden angeboten. Auch die Führungsebene soll schlanker werden. Das trifft vor allem Abteilungsleiter und deren Stellvertreter.

Zudem will der Konzern in den kommenden Jahren sämtliche Multimedia-Abteilungen stilllegen und umwandeln. Laut dem Münchner Verdi-Sprecher Georg Wäsler könnten die frei werdenden Flächen vermietet werden. Gastro-Bereiche sollen ebenfalls ausgegliedert werden.

Nach der Rettung des traditionsreichen Warenhausunternehmens 2010 durch den amerikanischen Investor Nicolas Berggruen hatte dieser angekündigt, nicht am Personal zu sparen, das das eigentliche Kapital des Unternehmens sei, wie er sagte. Sein Vertrauter, der Warenhausexperte Jennings, brachte viele Ideen ein: Das Sortiment mit neuen Marken aufwerten. Die Modeabteilungen verstärken und die Unterhaltungselektronik verkleinern. Für die Modernisierung der Häuser sind bis 2015 rund 400 Millionen Euro vorgesehen, davon wurden bisher rund 160 Millionen investiert. Warenhausexperten und die Gewerkschaft Verdi sagen: zu wenig. Statt Stellen zu streichen, müssten die Unternehmensführung und Investor Berggruen mehr Geld in die Modernisierung stecken, forderte Verdi umgehend. So rechnete Gewerkschafter Arno Peukes dem Unternehmen vor, dass die Karstadt-Beschäftigen unter anderem durch Abstriche beim Weihnachts- und Urlaubsgeld in den vergangenen drei Jahren insgesamt 150 Millionen Euro ins Unternehmen investiert haben. Diese Regelung läuft Ende August aus. Karstadt kehrt zum Flächentarifvertrag zurück. Erstmals seit sechs Jahren würden wieder die vollen Sonderzuwendungen gezahlt. „Unsere Mitarbeiter können sich jetzt aber auf wieder höhere Gehälter freuen“, sagte Jennings. Nach seinen Angaben entspricht das für jeden eine Entgeltsteigerung um acht Prozent. Doch allen, die bald ihren Job verlieren, bringt das wenig Freude. 900 sollen es heuer sein, 1000 im nächsten Jahr und 2015 noch einmal 100. Am härtesten wird es Leiharbeiter treffen, die Karstadt seit einiger Zeit in einigen Häusern verstärkt einsetzt. Sie sind leicht loszuwerden und werden bei der Zahl 2000 nicht mitgezählt.

Dabei trifft es die Filialen in Südbayern (siehe Kasten) weniger hart als andere. Keine von ihnen ist auf der Liste von 15 Karstadt-Häusern zu finden, die nach Informationen unserer Zeitung allein 70 Prozent der Einsparungen bei den Personalkosten tragen müssen. In Bayern trifft es nur eine Filiale: Nürnberg-Lorenzkirche.

Die befristeten Verträge sollen zwar auch in den südbayrischen Filialen nicht verlängert werden, doch bei den weiteren Kürzungen kommt es auf die wirtschaftliche Lage der einzelnen Häuser an. Je schlechter das Geschäft läuft, desto härter der Kahlschlag.

Der Münchner Verdi-Sprecher Wäsler spricht von Erpressung. „Wenn man es nach acht Jahren Lohnreduzierung nicht schafft, dann helfen auch zwei weitere Jahre Verzicht nicht.“ Weder die Premiumhäuser, noch die Sportgeschäfte oder die normalen Filialen hätten „die Wende geschafft“. Wenn man jetzt weiter kürze, anstatt Geld zu investieren, „setzt sich der Strudel nach unten nur weiter fort“. Michael Gerling, Chef des arbeitgebernahen Handelsinstitutes EHI , sieht Karstadt dagegen mit den Veränderungen im Warensortiment und in der Warenpräsentation auf einem guten Weg.

Von Thomas Schmidt, Simone Hett und Volker Danisch

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