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Unterirdische Parks mit echtem Sonnenlicht: Die Macher von „Lowline“ wollen in alten, stillgelegten U-Bahnstationen in New York Parks anlegen. Das Licht soll an der Oberfläche von Schirmen eingesammelt und unter die Erde geleitet werden, so dass Pflanzen dort leben können.

Visionen der Zukunftskonferenz DLD

Spazierengehen im unterirdischen Park

München - Parks unter der Erde, Häuser aus Fleisch, Kriege im Internet: Bei der DLD-Konferenz haben in München Wissenschaftler, Künstler und Unternehmer über ihre Visionen diskutiert. Manches scheint utopisch, vieles ist schon heute möglich.

Einer wie er muss es wissen: Wie erkennt man die Zukunft? Ben Horowitz hat in den vergangenen Jahren in so ziemlich jedes Internetunternehmen investiert, das danach groß rauskam: Facebook, Twitter, Skype. Bei der Konferenz „Digital-Life-Design“ (DLD) in München soll Horowitz genau das erklären: Wie erkennt man eine lukrative Idee? „Wir investieren in Uni-Abbrecher mit irren Ideen für kleine Märkte, die sich niemals zu Geld machen lassen“, sagt er und meint es nur halb im Scherz. Als Mark Zuckerberg Facebook gründete, brach er Harvard ab, sein Netzwerk sollte sich zunächst nur an die Kommilitonen der eigenen Uni richten und wie man damit Geld verdienen soll, ist noch heute eine der großen Fragen. Zuckerberg war 2009 bei der DLD, damals hatte sein Netzwerk zwei Millionen Mitglieder – heute eine Milliarde.

Seit acht Jahren diskutiert bei der DLD immer im Januar auf Einladung von Hubert Burda Media die weltweite Elite aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kunst über die Zukunft. In den vergangenen drei Tagen kamen wieder 800 Teilnehmer nach München, um der Frage nachzugehen: Was sind die Trends? Was ist vorstellbar, was schon heute Realität?

Häuser aus Fleisch

Die ausgeflippteste Idee hat Mitchell Joachim. Mit seinen langen Rastazöpfen sieht er nicht aus, wie man sich einen Professor der renommierten New York University vorstellt. Joachim ist Mitgründer der Nicht-Regierungsorganisation Terreform One, die neue Ideen für das Wohnen, die Stadtplanung und Mobilität entwickelt. Er hat Konzepte dabei, wie sich Schweinefleisch-Zellen künstlich vermehren und dann zu Häusern formen ließen. Oder wie man Bäume zu natürlichen Behausungen biegen könnte, die auch noch den Sauerstoff für ihre Bewohner produzieren würden. Müsste man dann nicht lange auf das neue Zuhause warten? „Wer zwölf Jahre auf einen Whiskey warten kann, kann auch zwölf Jahre auf sein Haus warten“, kontert Joachim.

Untergrund-Parks

Die Stadt der Zukunft könnte aber auch weiterhin grau aussehen. Dann käme die Idee von „Lowline“ zum Tragen. Das New Yorker Projekt will neue Grünflächen in der Metropole schaffen – unterirdisch. Stillgelegte U-Bahnstationen sollen in Untergrund-Parks verwandelt werden. Die Idee: Sonnenkollektoren, die wie Schirme aussehen, sammeln an der Oberfläche Licht und leiten es nach unten. Dort könnten Pflanzen und Bäume wachsen und sogar Sauerstoff produzieren. Die Idee von „Lowline“ ist keine bloße Utopie. Über das Internet haben sie schon mehr als 155 000 Dollar gesammelt, um den ersten Untergrundpark schon bald zu bauen.

Gedruckte Mahlzeit

Auch im Fleischhaus würde man sich seine Mahlzeiten wohl nicht aus der Wand schneiden, sondern vielleicht einfach ausdrucken. Schon jetzt gibt es 3D-Drucker, mit denen sich jede vorstellbare Form in Plastik drucken lässt. Erik de Bruijn verkauft mit seiner Firma Ultimaking solche Drucker für den Hausgebrauch. Ein Ultimaker kostet 1200 Euro, wenn man ihn selbst zusammenschraubt, fertig 1700 Euro. Noch lässt sich nur Plastik drucken, doch schon bald könnte man auch Nahrung produzieren, glaubt Pablos Holman. Die Lebensmittel würden schockgefrostet und zerstäubt, der Drucker würde sie mit Wasser versetzen und wieder herstellen. Vorteil: Weniger Lebensmittel würden weggeworfen.

Handys zum Bezahlen

Die Nahrungs-Drucker-Patrone könnte man dann wohl mit dem Handy bezahlen. Schon seit einigen Jahren wird über das Ende der Kreditkarte spekuliert. Bei der DLD sind sich alle einig, dass das Smartphone sie bald ersetzen wird, doch welches Modell sich durchsetzt, ist noch offen. Neben den Telefonanbietern versuchen sich auch Kreditkartenfirmen und Internetgiganten wie Google an Lösungen. O2-Chef René Schuster ist sich jedenfalls sicher: „Kinder, die heute geboren werden, haben keinen physischen Geldbeutel mehr, wenn sie 20 Jahre alt sind.“

Datenberge

Ebenfalls ein Dauerbrenner sind die Datenberge, die nicht nur beim Bezahlen, sondern bei jeder Bewegung im Internet anfallen. „Big Data“ könnte viel Geld bringen, wenn man einen Weg findet, die Daten nutzbar zu machen. Doch das bringt Datenschützer auf die Barrikaden. Der Fotograf Rick Smolan will mit seinem Buch „The Human Face of Big Data“ sichtbar machen, dass die Datenberge positive und negative Seiten haben. Eine Firma arbeite zum Beispiel daran, wie alte Menschen länger in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können, weil sich über ihre Bewegungsdaten vorhersagen lasse, wann es zu einem Sturz kommen wird. Schon Tage vorher bewegten sich die Senioren nicht mehr so schnell und so weit wie an normalen Tagen. Doch Smolan sieht das Sammeln der Daten nicht nur positiv. „Es inspiriert mich, aber es ängstigt mich auch“, sagt er. „Ich habe mal gehört, dass die Kreditkartenfirma schon zwei Jahre vorher weiß, dass man sich scheiden lassen wird.“ Nur anhand der Dinge, die mit der Karte bezahlt werden, lasse sich das vorhersagen. Er wolle mit seinem Buch vor allem wachrütteln.

Internet-Kriege

Die negativen Seiten des Internets und der Computertechnik betont auch Virenexperte Eugene Kaspersky. „Ich bin ein sehr paranoider Mensch“, sagt er bei der DLD. Es sei nur eine Frage der Zeit, wann es zu einem ersten Cyber-Krieg kommen werde. Schon jetzt gebe es Attacken von Staaten gegen die Infrastruktur anderer Staaten. Prominentestes Beispiel: Der Virus Stuxnet, der das iranische Atomprogramm sabotierte. Bei solchen Attacken könne die komplette Infrastruktur betroffen sein, weil längst fast überall Computer im Einsatz seien. „Sind wir bereit, ohne digitale Technologien zu überleben?“, fragt Kaspersky. „Es könnte sein, dass wir bei der kritischsten Infrastruktur ohne Computer auskommen müssen.“ Es gebe Technologien wie den Zeppelin oder die Concorde, die aufgegeben wurden, weil sie zwar fantastisch funktionierten, aber die Risiken zu groß waren. Denn die Gefahr durch Cyber-Attacken sei real: „Haben Sie ,Stirb langsam 4‘ gesehen?“, fragt Kaspersky. „Die Hälfte des Films ist Unsinn. Wenn Bruce Willis einen Hubschrauber mit einem Auto vom Himmel holt, ist das Quatsch – die Cyber-Attacke auf die Infrastruktur im Film ist aber die Hälfte, die kein Quatsch ist.“

Von Philipp Vetter

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