"3096 Tage": Film über Natascha Kampusch - Die Kino-Kritik

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    • 25.02.13
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"3096 Tage" vor Deutschland-Premiere

Beklemmender Kampusch-Film: Die Kritik

3096 Tage

München - Am Dienstag hat der Film "3096 Tage" mit Natascha Kampusch seine Premiere in München. Wir haben ihn vorab gesehen: die Kino-Kritik.

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Das Kino macht uns schon immer zu Voyeuren. Es kann den Zuschauer, der geschützt im Dunkel sitzt, hineinziehen in andere Leben. Ungestraft dürfen wir fremde Schicksale beobachten – und meist vergessen wir dabei, dass wir Voyeure sind. Bei Sherry Hormanns Film ist das anders. 3096 Tage, der Film um die Gefangenschaft Natascha Kampuschs, macht uns immer klar, dass wir das Opfer durch unsere Beobachtung seines Leids noch mehr Opfer werden lassen könnten. Oder nicht. Am Dienstag hat der Film seine Deutschland-Premiere in München (Natascha Kampusch wird zu Gast sein), ab Donnerstag läuft er regulär in den Kinos.

Hormann erzählt vom Verbrechen an Natascha, die 1998 als Zehnjährige von Wolfgang Priklopil entführt und in ein Kellerverlies gesperrt wurde, nicht als Thriller. Hier gibt es kaum Perspektivwechsel zwischen dem Kerker und den Bemühungen der Polizei, das Mädchen zu finden. Hormann interessiert sich für die Beziehung zwischen Täter und Opfer. Eben das ist eine Stärke dieses Films. Eben das macht es auch so schmerzhaft, 3096 Tage zu sehen.

Ruhig hat Hormann ihr Psychodrama inszeniert. Sie interpretiert es als die hoffnungsvolle Geschichte eines Mädchens, dem es gelingt, unter widrigsten Umständen irgendwie erwachsen, ja selbstbewusst zu werden. Für den Zuschauer erträglich ist 3096 Tage aber vor allem, weil er weiß, dass es gut ausgeht: Kampusch kann sich selbst befreien, Priklopil wird sich durch Selbstmord seiner Verantwortung entziehen.

3096 Tage ist das letzte Projekt, das der vor zwei Jahren verstorbene Produzent Bernd Eichinger angeschoben hat. Bis zu seinem Tod hat er an Drehbuchfassungen geschrieben. Vollendet hat das Skript Ruth Toma. Ihr sind einige erstaunlich intensive und aussagekräftige Szenen eingefallen, um die Gefangenschaft geschickt zu kondensieren. Gleich zu Beginn der Gefangenschaft lässt sie das Mädchen ihren Peiniger fragen: „Bist Du da oben auch allein?“ und gibt damit die Haltung des Films vor.

Dann sehen wir, wie Kampusch immer wieder um Essen betteln muss. Die grausamste Szene in 3096 Tage: Amelia Pidgeon, die das Kind Natascha spielt, blickt frontal in die Kamera und bittet ihren Entführer um Nahrung – erst flehend-verzweifelt, dann zornig-fordernd, letztlich hilflos-flirtend. Kaum auszuhalten. Doch Priklopil spielt Gott, fordert Gehorsam, gibt seiner Gefangenen zu essen oder lässt sie tagelang hungern. Wie ein Kommentar auf dieses Gebaren wirkt die Szene, die den Entführer mit seiner Mutter zeigt: Sie hat für ihn vorgekocht und füllt seinen Kühlschrank – nicht ohne genaue Anweisung, wann er was wie zu essen habe.

Das bewegte uns in den Jahren 2000 bis 2009

Auch dem Täter gestattet Hormann mehrere Facetten – ohne so zu tun, als könne sie sein Verhalten erklären. Vielleicht ist das die größte Stärke ihres Films.

Michael Schleicher

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