Sandfarben und glibberig ruht sie in ihrer Schale. Die Sonne lässt das Perlmutt schimmern. Der schmale dunkle Rand der Auster fasert aus wie ein Tuschestrich auf feuchtem Papier. Tropft etwas Saft aus der zusammengedrückten Zitronenspalte auf die Auster, reagiert sie empfindlich und kräuselt den dunklen Rand zusammen. Mit einer kleinen Gabel lässt sie sich von dem knorpelartigen Fuß lösen, der sie an der Schale festhält. Hebt man sie dann vorsichtig an, gleitet sie wie auf einer Wasserrutsche sanft in den Mund hinein.
Cap Ferrat lohnt einen Ausflug auch außerhalb der Saison - dann lässt es sich kilometerweit am Strand entlanglaufen, ohne auf Menschen zu treffen, und die Austern schmecken besonders gut.
Die kleine Fähre legt am frühen Morgen von einem Holzsteg in Arcachon ab. Bald ist am Ufer ein großer heller Hügel zu sehen: Europas größte Wanderdüne.
"als ob man das Meer küsst"
Mächtige Wellen türmen sich auf und stürzen tosend in sich zusammen. Der Himmel ist sagenhaft weit, auf der einen Seite anthrazit bis auberginefarben, über uns taubenblau mit schmutzigweißen Wolkenfetzen, auf der anderen Seite strahlend schlumpfblau.
„Kaum kommt die Sonne heraus, rennen die Leute uns die Bude ein“, sagt Guillaume Fournier-Laroque und nimmt eine Auster aus einem grünen Korb. Mit einem Ruck bohrt er ein kurzes Messer zwischen die Schalen und spreizt sie mit einem routinierten Dreh auf.
„Zwölfmal Nummer zwei, sechsmal Nummer eins, je zwölf Garnelen und Wellhornschnecken“, ruft seine Frau, die auf der Terrasse die Gäste bedient, durch das offene Fenster. Je kleiner die Zahl, desto größer die Auster. Und je größer sie ist, desto teurer und leckerer ist sie.
Fournier-Laroque ist seit zehn Jahren im Austerngeschäft, er hat bei diversen Züchtern rund um die Bucht von Arcachon gearbeitet und sich vor fünf Jahren selbstständig gemacht. „Das Becken ist die beste Brutstation für Austernbabys“, erklärt er.
Der Blick schweift über die Bucht, in der das Wasser im Unterschied zur anderen Seite der Halbinsel ganz ruhig daliegt. Die Ebbe hat die sogenannten Austerntische freigelegt, Metallgestelle, auf denen die Austern in rechteckigen grobmaschigen Plastiksäcken liegen.
Mittlerweile ist die Platte mit den Meeresfrüchten leer gegessen, zwei Spatzen picken frech die Brotkrümel auf, unter dem Tisch schleckt ein junger Hund eine heruntergefallene Austernschale aus. Zeit für einen Verdauungsspaziergang, dieses Mal nicht am Strand, sondern mitten durch den Kiefernwald.
Ein Rad- und Wanderweg führt die gesamte Halbinsel entlang und weiter um die Bucht herum. Außerhalb der Badesaison ist es dort herrlich einsam. Ein Bus bringt Ausflügler in weniger als zwei Stunden zurück nach Bordeaux zum nächsten großen Bahnhof. Am Abend eines langen Tages in Cap Ferrat bleibt das Gefühl zurück, man habe gerade zwei Wochen unglaublich erholsamen Strandurlaub hinter sich.
Von Ulrike Koltermann, dpa
DIE REISE-INFOS ZU CAP FERRAT
Reiseziel: Cap Ferrat ist von Arcachon aus mit einer Fähre in einer halben Stunde erreichbar. Es gibt außerdem eine Busverbindung nach Bordeaux.
Reisezeit: Cap Ferrat ist ein klassisches Sommerziel - und deswegen umso charmanter in der Nebensaison, wenn so gut wie keine Touristen da sind.


© tmn dpaDie Ebbe hat die sogenannten Austerntische freigelegt.
© tmn dpaDie Düne von Pyla ist mit rund 110 Metern etwa hoch.
© tmn dpaAusternzüchter Guillaume Fournier-Laroque aus Cap Ferrat.
© tmn dpa CRT AquitaineAuf der schmalen Halbinsel zwischen der Bucht von Arcachon und dem Atlantik liegen die Siedlungen der Austernzüchter.








