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Mit zunehmendem Alter lässt bei jedem Menschen die Hörleistung nach, doch nicht alle Menschen werden schwerhörig.

Wie bitte? Das Ohr verstehen

Das Ohr ist ein Übersetzer: Es wandelt Schallwellen in elektrische Impulse um, weil nur so unser Gehirn die Information verarbeiten kann. Hören können ist von großer Bedeutung –

HNO-Arzt Dr. Peter Franz vom Ärztepunkt Nymphenburg

– für das Miteinander und die Kommunikation, aber auch zur Orientierung. Doch viele Menschen hören schlecht. Sowohl Schwerhörigkeit als auch Tinnitus sind in der Bevölkerung weit verbreitet: Laut Zahlen des Robert- Koch-Instituts sind 60 Prozent der Menschen mindestens einmal in ihrem Leben davon betroffen. Über die Faszination des Hörens, die häufigsten Krankheiten und wie diese behandelt werden können, sprach Redakteurin Susanne Stockmann mit dem HNO-Arzt Dr. Peter Franz vom Ärztepunkt Nymphenburg.

Die häufigsten Beschwerden:

Daran erkranken Kinder

Bei Kindern tritt oft ein Paukenerguss auf. Flüssigkeit sammelt sich im Mittelohr hinter dem Trommelfell, das dadurch in seiner Schwingungsfähigkeit eingeschränkt ist. Häufig sind die Ursache vergrößerte Adenoide (Polypen), die hinten im Nasen-Rachen-Raum sitzen, wo die Ohrtrompete mündet. Die Kinder schnarchen, schlafen unruhig, sie haben ständig Schnupfen, atmen viel durch den Mund und hören schlecht. Tritt nach zwei bis drei Monaten keine Besserung ein, sollten die Polypen entfernt und die Flüssigkeit hinter dem Trommelfell abgesaugt werden. Dr. Franz rät dazu, nicht zu lange zu warten: „Hört das Kind in der prägenden Phase des Spracherwerbs schlecht, kann sich die Sprachentwicklung verzögern.“

Die wichtigsten Tipps: So schützen Sie Ihr Ohr

So schützen Sie Ihr Ohr: Die wichtigsten Tipps

Sehr häufig bei Kindern sind schmerzhafte Mittelohrentzündungen. Auch da rät der Arzt, nicht gleich zum Antibiotikum zu greifen: „Bei gutem Allgemeinzustand und unter ärztlicher Kontrolle kann man zwei bis drei Tage den Verlauf beobachten und das Kind mit Schmerzmitteln und abschwellenden Nasentropfen behandeln. Oft klingt die Entzündung dadurch ab. Häufig ist diese von Viren verursacht, da hilft ein Antibiotikum sowieso nicht.

Hörsturz und Tinnitus – Leiden der Erwachsenen

Pro Jahr erleiden etwa 15.000 Menschen in Deutschland einen Hörsturz, 75 Prozent der Patienten sind älter als 40 Jahre. Einen plötzlichen Hörverlust (meist auf einem Ohr) ohne ersichtlichen Grund, bei dem die normalen Untersuchungen nichts Auffälliges ergeben, nennt man Hörsturz. Beim Tinnitus wird der Patient von störenden Ohrgeräuschen geplagt. Den Begriff Tinnitus verwendet Dr. Franz zurückhaltend, „weil er sehr stark angstbesetzt ist. Ich verwende lieber Ohrgeräusch.“

Das A und O ist nämlich, den Patienten zu beruhigen, häufig gehen die Geräusche wie die verminderte Hörfähigkeit von alleine wieder weg. Ein Hörsturz gilt nicht mehr als Notfall, sondern als Eilfall. Bei einer geringgradigen Hörminderung kann man nach erfolgter ärztlicher Abklärung auch ein bis zwei Tage abwarten, ob sich das Ohr von allein erholt. Wenn zusätzlich Drehschwindelbeschwerden auftreten, also das Gleichgewichtsorgan in Mitleidenschaft gezogen wurde, muss jedoch sofort mit einer Behandlung begonnen werden.

Lautes Musikhören kann den sehr feinen Sinneszellen im Ohr schaden.

Zur Ursache von Hörsturz und Tinnitus gibt es verschiedene medizinische Theorien, die aber allesamt nicht bewiesen sind. Man vermutet z.B., dass Durchblutungsstörungen und Sauerstoffmangel die Haarzellen in der Hörschnecke zugrunde richten können. Beim Tinnitus könnte das Geräusch im Bereich der Haarzellen und der nachgeschalteten Hörbahn entstehen: Impulse werden an das Gehirn gegeben, ohne dass ein äußerer Schallreiz da ist. Man weiß, dass manche Medikamente und Chemotherapien eine schädigende Wirkung haben, genau wie übermäßige Lautstärke. Die gute Nachricht: Neueste Forschungen deuten darauf hin, dass Haarzellen sich wieder regenerieren können. Bisher dachte man, dass sie unwiederbringlich verloren seien.

Was der Auslöser eines Hörsturzes ist, dafür gibt es noch keinen sicheren wissenschaftlichen Nachweis. Sicher ist, dass negativ belastender Stress einen Einfluss hat. Auch Virusentzündungen könnten Auslöser für die Erkrankungen sein. Die aktuell von der Fachgesellschaft als Behandlungsversuch empfohlene Therapie beim akuten Tinnitus wie beim Hörsturz ist die hochdosierte Gabe von Cortison über mehrere Tage und zusätzlich die Gabe von durchblutungsfördernden Substanzen. Diese Infusionstherapie wird nicht mehr von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt, weil der definitive wissenschaftliche Nachweis der Wirksamkeit fehlt. Der Patient muss die Kosten selbst tragen. Bei chronischem Tinnitus kann ein Hörgerät die störenden Töne unterdrücken.

Schwerhörigkeit im Alter

Mit zunehmendem Alter lässt bei jedem Menschen die Hörleistung nach, doch nicht alle Menschen werden schwerhörig. Die Haarzellen werden vermutlich nicht mehr so gut mit Nährstoffen versorgt. Typischerweise hört man zuerst bei den hohen Tönen schlechter. Der Prozess schreitet schleichend über Jahre voran. Irgendwann merken die Betroffenen, dass sie Mühe haben, in Gesellschaft einem Gespräch zu folgen. Oder der Partner beschwert sich, dass der Fernseher ständig so laut ist. Das klassische Hörgerät kann hier gut helfen, aber man sollte nicht zu lange damit warten. Dr. Peter Franz: „Leider ist die Hemmschwelle, ein Hörgerät zu tragen, immer noch deutlich höher als bei einer Brille.“ Das Gehirn braucht Zeit, um sich an den neuen Höreindruck zu gewöhnen. Darum sollte ein Hörgerät auch so oft wie möglich getragen werden. Dr. Franz: „Die Altersschwerhörigkeit betrifft in der Regel beide Ohren. Wenn nur ein Ohr betroffen ist und das andere hört normal, dann handelt es sich nicht um eine Altersschwerhörigkeit, sondern um etwas anderes.“ Bei der Otosklerose z. B. verkalkt ein Ohrknöchelchen, der Steigbügel, der den Übergang zur Gehörschnecke bildet. Diesen kann man ersetzen, dann funktioniert die Schallübertragung auf die Gehörschnecke wieder und der Patient kann normal hören.

Cochlea-Implantat – erfolgreiche Prothese

Das Ohr ist bislang das einzige Sinnesorgan, für das es eine Prothese gibt. Sind die Haarzellen geschädigt, aber der Hörnerv intakt, kann mit einem Cochlea-Implantat das Hören wieder hergestellt werden. In einer Operation wird ein Draht mit Elektroden in die Hörschnecke geschoben, er stellt die Verbindung zum Hörnerv her. Das Implantat ist mit einem Mini-Computer an der Kopfaußenseite verbunden, der akustische Signale erfasst und sie in digitale Informationen umwandelt. Das Implantat wiederum übersetzt diese digitalen Informationen in elektrische Impulse. Diese werden an die Elektroden geschickt und die stimulieren dann den Hörnerv. Der frühere bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein trägt ein Cochlea-Implantat, nachdem er wegen eines Hörsturzes und Ohrgeräuschen nur noch schlecht hören konnte.

Aber es hilft auch, wenn z. B. durch eine Hirnhautentzündung die Gehörschnecke geschädigt wurde. Selbst taub geborene Kinder können hören und sprechen lernen. Das Implantat wird mittlerweile routinemäßig in spezialisierten Zentren eingesetzt (in München z. B. Großhadern oder im Klinikum Rechts der Isar).

Susanne Stockmann

Der Ärztepunkt Nymphenburg, Rosa-Bavarese-Str. 1, am S-Bahnhof Laim, lädt am Samstag, 7. Juli, von 10 bis 16 Uhr zu einem Tag der offenen Tür mit Vorträgen und Demonstrationen der modernen Technik ein.

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