Respekt vor Angela Merkel. Sie bekennt sich zu Joachim Gauck, den sie noch vor knapp zwei Jahren mit Vehemenz abgelehnt hatte.
Da ist sie meterhoch über den eigenen Schatten gesprungen – wie schon einmal bei ihrer Kehrtwende in der Reaktorfrage. Sie rettet damit das Regierungsbündnis, das in der Zerreißprobe stand. Selbst die FDP kann diesmal punkten: Ohne deren standhaftes Beharren auf ihrem Vorschlag „Gauck“ wäre die Entscheidung für dessen Kandidatur wohl schwerlich zustande gekommen, sie hat quasi für die Bundeskanzlerin Schützenhilfe geleistet, Größe zu zeigen. Fazit: Eine Sternstunde im oft tristen Alltag von Parteiengezänk, Fraktionszwang und Kleingeisterei.
Michael Gerke Farchant
Verstehen kann ich das lange Zaudern der Frau Merkel schon: zwei Figuren aus mecklenburgischen Pastorenhäusern an der Spitze des deutschen Staates – das erschien ihr wohl selbst dann doch etwas zu sehr auf die Spitze getrieben. Das zeigt, sie hat Gespür – wie auch die anderen Herrschaften der zustimmenden Parteien sich wohl etwas weiterreichendes dabei gedacht haben: Wer sonst in deutschen Politiker-Kreisen könnte als pastoraler Präsident der Herzen dem Bürger demnächst die tiefen Einschnitte, die auf uns alle zukommen werden, so charmant und überzeugend servieren, wie der ehemalige Bürger-Rechtler Gauck?
Heribert Thiel München
Ein Bundespräsident soll gewählt werden, nicht zum Wohle der deutschen Bürger, nein zum Wohle einiger Politiker. Egal wer, das ist nicht wichtig, Hauptsache wir können der gewählten regierenden Partei unsere Muskeln zeigen. Herr Gauck, ein Pfarrer aus der ehemaligen DDR, soll unserer Jugend mit gutem Beispiel vorangehen. Aber nein, Herr Gauck hat als Pfarrer viele Paare getraut mit den Worten was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht trennen, bis das der Tod euch scheidet. Dieses muss für einen Bundespräsidenten nicht zutreffen er lebt zwanzig Jahre von seiner Angetrauten getrennt und hat ein Bratkartoffelverhältnis mit einer anderen oder stimmt das erste vielleicht nicht.
Klaus Bröckermann Planegg
Peter Baierle Putzbrunn
So ist Politik! Die Kanzlerin wollte einen Konsenzkandidaten präsentieren. Doch da gab es welche, die wollten nicht. Vielleicht hätte man vorher fragen sollen. Die, die eventuell wollten, durften nicht. Kabinettsmitglieder wurden von der SPD und den Grünen ausgegrenzt. Andere wurden wieder, wie sollte es anders sein, aus parteitaktischen Gründen abgewiesen. Auch Gauck wurde von Merkel aus Kalkül abgelehnt. Da kam die große Stunde der FDP. Sie sollte sich umbenennen in PFDP: „Plötzlich Für Den Populärsten”. Die 2,5 Prozent-Partei, nur noch Anhängsel der Regierung, hob Gauck auf ihr Schild. Die Union tobte und warf der FDP Populismus vor. Doch die Verantwortlichen der FDP erkannten, dass sie beim Volk und den Medien punkten könnten. Sie haften nichts mehr zu verlieren. Der Bruch der Koalition drohte, Merkel hatte Probleme. Von der SPD angestiftet, pokerte die FDP, denn sie konnte unter Merkel selten herausragen. Einen Bruch der Regierung in der Eurokrise hätte die Kanzlerin nicht mit dem Argument erklären können, sie wollte Gauck verhindern. Mit Gauck als Favorit des Volkes verstärkte die FDP den Druck. Merkel nahm sich Bedenkzeit. Da sie taktisch denkt, erkannte sie schnell, dass eine Verhinderung Gaucks bei vorgezogenen Neuwahlen Stimmen gekostet hätte. Sie musste einknicken. Die FDP, wieder mal das kleine Zünglein an der Waage, kann jetzt große Töne spucken. Sie macht es möglich, dass Gauck Präsident wird. Die SPD feixt, weil Merkel einknickte. Gabriel stellt fest, Ende gut alles gut. Merkel jedoch kann ihr Einknicken als Sieg einer pragmatischen Vernunft verkaufen und großzügig den Fehler (Wulff) eingestehen. Gauck darf als Erster in die Geschichte eingehen, vor dem die Kanzlerin umfiel, bevor er überhaupt ein Amt hatte.
Reinhold Frech München
Bezüglich Vorschlag und Wahl zum Bundespräsidenten schlage ich Herrn Horst Seehofer vor. Er ist ruhig und besonnen und bringt das erforderliche Rüstzeug dafür mit. Zum Ministerpräsidenten in Bayern wähle man den Herrn Dr. Söder. Er, Dr. Söder, besitzt dazu die erforderlichen Fähigkeiten und hat das Wissen und das Talent für diesen Posten. Das Alter spielt hier absolut keine Rolle, sondern die Fähigkeiten und das Wissen in hohem Maße!
Kurt Groß Hohenpeißenberg
Nach ihrer Zählkandidatin Frau Schwan hatte Rot-Grün schon beim letzten Mal Herrn Gauck als Kandidaten erkoren. Er gewann viel Sympathie und verlor nur hauchdünn. Trotz zweier Fehlschläge versuchte Kanzlerin Merkel diesmal, ihren Favoriten als angeblich gemeinsamen Kandidaten durchzudrücken, und erlitt Schiffbruch bei der FDP. Ihr Präsidium versuchte, durch einen Schwenk zu Herrn Gauck das Verschwinden der Partei im politischen Nirwana 2013 aufzuhalten, nachdem sie durch Herrn Westerwelles Steuersenkungsmärchen im Interesse ihrer Millionärsklientel zu einem Wurmfortsatz geschrumpft war. Das spricht für die Flexibilität des Kapitals, das in der Vergangenheit mehrfach „umgefallen“ war, um an der Macht zu bleiben. Diesmal blieb die FDP unter ihrem Vorsitzenden Herrn Rösler hart und zwang mit der Drohung des Koalitionsbruches die Kanzlerin zum Umfallen. Man hatte sie an der empfindlichsten Stelle, ihrem Machtwillen, erwischt. Damit ist Schwarz-Gelb 2013 keine Option mehr, aber Gelb stellte, um eine Große Koalition zu verhindern, die Weichen für Jamaika, falls die FDP über fünf Prozent kommt und es für Rot-Grün nicht reichen sollte. Die Kanzlerin zeigte durch mehrere Kehrtwendungen ihrer Politik, dass es ihr wohl an politischem Weitblick fehlt und sie eher zu den Langsamlernenden in Deutschland gehört. Doch besser langsam als gar nicht! Bei der anschließenden Pressekonferenz pries sie Herrn Gauck über den Schellenkönig, so dass es in Kenntnis ihres hartnäckigen Widerstandes bis zuletzt schon fast widerwärtig wirkte. Mich kotzen die Lügen der Politiker schon seit langem an, nicht erst seit Herrn Wulffs Vorbeireden an der „juristischen“ Wahrheit. Auch Adenauer konnte das: vor der Wahl lancierte er ein Gerücht in der Presse und entschuldigte sich am Montag danach, wenn die Wahl gelaufen war. Frau Ypsilanti und Herr Beck versuchten in Hessen einen handfesten Wahlbetrug, den aber ein paar Aufrechte aus der eigenen Partei verhinderten. Und die Linke, die Nachfolgepartei der SED, die die DDR 40 Jahre lang unterdrückte und wirtschaftlich ruinierte, lügt uns heute „Demokratie“ (nach ihrer Art) vor, obwohl Herr Gysi SED-Vorsitzender und nach Erkenntnissen der Gauck-Behörde Stasi-Spitzel war, während uns Frau Lötzsch ungeniert die Vorteile des Kommunismus schmackhaft machen will, ohne dass sich auch nur einer der Bosse vom Unrechtsstaat der „Deutschen Demokratischen Republik“ distanzieren würde! Es war daher richtig, sie zusammen mit den Neonazis in der Schmuddelecke stehen zu lassen. Sie haben Herrn Gauck ja schon einmal abgelehnt, weil er die Stasi-Machenschaften schonungslos aufgedeckt hatte. Das führt zu der Frage: Warum lügen Politiker so ungeniert? Einfach um zu gewinnen! Viele Wähler sind uninformiert und haben bis zur nächsten Wahl vergessen, was damals Sache war. Anstatt die Mühe einer gründlichen Information und der Bildung eines fundierten politischen Urteils auf sich zu nehmen, laufen sie lieber Showstars wie Herrn zu Guttenberg nach, und sind „von den Politikern“ enttäuscht, wenn sie nicht halten, was sie sich von ihnen erhofft hatten. Aber es war nur ein Selbstbetrug. Frau Merkel versuchte es nach der 1. Kanzlerschaft mit der Wahrheit, verlor die Wahl, und musste sich beim zweiten Mal mit der großen Koalition „begnügen“. Nach meiner Meinung hat die große Koalition aber besser gearbeitet, als das schwarz-gelbe Krisenkabinett, und ich wünsche mir für 2013 eine Neuauflage der ersteren. Der FDP verdankt Deutschland die Entscheidung für den nach Meinung von 49 Prozent der Bürger und nach meiner Meinung richtigen Kandidaten. Die Kanzlerin aber kalkulierte in letzter Minute politisch richtig (Herr Gauck hat in der Bundesversammlung eine Mehrheit, sie aber nicht), und vermied dort eine größere politische Niederlage. Gleichzeitig blieb uns eine schwere Regierungskrise mitten in der europäischen Schuldenkrise erspart, in der Deutschland so etwas wie ein Hoffnungsanker ist. Die Bürger aber sollten aus dem Vorfall lernen, dass sie nicht nur Stimmvieh sein, sondern informiert und engagiert an der Politik Anteil nehmen müssen. Politik ist zu ernst, als dass man sie den Politikern allein überlassen sollte. Ich hoffe, dass unser neuer Bundespräsident Gauck dazu sowie zur Diskussion einer neuen Ethik in Politik und Wirtschaft (Stichwort „Raubtierkapitalismus“ des Finanzgewerbes) Denkanstöße liefern wird. Ich wünsche ihm hierfür Gottes Segen und eine glückliche Hand!
Wilhelm Kratochwil, München
„Parteien einigen sich auf Gauck“; Titelseite 20. Februar
Münchner Merkur
Ressort Leserbrief
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