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Auslandsjahr in unruhigen Zeiten: Die Tölzerin Judith Steinbach lebt derzeit in Kairo. Weil es in der Straße, in der sie wohnt, wiederholt Kämpfe gab, wurde sie mit Mauern abgesperrt

Interview mit dem Tölzer Kurier

Diese Tölzerin lebt in den Unruhen von Kairo

Bad Tölz/Kairo – Eine Tölzerin in Ägypten: Mitten in den Unruhen nach der arabischen Revolution lebt Judith Steinbach. Im Interview mit dem Tölzer Kurier berichtet sie von ihrem Alltag.

Ägypten kommt nicht zur Ruhe. Auch zwei Jahre nach der arabischen Revolution prägen Demonstrationen und gewälttätige Auseinandersetzungen die Nachrichtenlage aus der Hauptstadt Kairo. Mitten im Zentrum der Stadt wohnt derzeit eine Tölzerin. Judith Steinbach (23), die in Marburg Orientwissenschaft mit den Schwerpunkten Arabisch und Politik des Nahen und Mittleren Ostens studiert, absolviert seit Oktober ein Auslandsjahr in Kairo. Trotz teils dramatischer Geschehnisse in ihrem Umfeld lässt sie sich nicht einschüchtern, wie die ehemalige Kurier-Praktikantin im Telefongespräch mit der Redaktion berichtet.

Hallo Judith, wie ist die Lage in Kairo?

Ach, zurzeit beruhigt es sich wieder. Natürlich passiert hier viel mehr, als man über die deutschen Medien mitbekommt. Aber die Stadt ist so groß, dass sich das entzerrt. Der Alltag läuft augenscheinlich ganz normal weiter.

Wie viel bekommst Du von den Unruhen mit?

Ich wohne in einer WG in einer Seitenstraße zum Tahrirplatz, die lange einer der Hauptschauplätze von Straßenkämpfen war. Deswegen ist diese Straße jetzt zu beiden Seiten zugemauert worden. Wir machen schon Witze: Es ist wie an der Berliner Mauer. Seitdem ist es hier ruhig. Wo vorher eine Hauptverkehrsstraße war, spielen jetzt Kinder Fußball. Wenn ich zur Tür rausgehe, ist auf der linken Seite die Mauer. Dahinter geht’s rund, aber ich bin auf der sicheren Seite.

Und in anderen Bereichen der Stadt?

An den meisten Orten in der Stadt bekommt man gar nichts mit. An der Uni, zu der ich eine Dreiviertelstunde mit der U-Bahn fahre, ist zum Beispiel alles ganz normal. Allerdings muss ich mit der U-Bahn unter dem Tahrirplatz durchfahren. Manchmal dringt von oben Tränengas in den U-Bahn-Schacht. Man schaut, dass man einen Schal dabei hat, den man sich vors Gesicht halten kann.

Aber auch von Deiner zentralen Wohnung ist vermutlich einiges zu spüren.

Ja, einer der letzten Freitage war der heftigste Tag. Da gab es am Nilufer Kämpfe, wir haben Schüsse und Schreie gehört. Als unsere Straße noch nicht zugemauert war, haben wir manchmal in der Ferne etwas brennen gesehen – etwas wie ein Auto oder ein Kleinbus. Wir haben übers Internet live mit verfolgt, was ein paar Meter weiter vor sich ging.

Wie gehst Du mit der Situation um?

Die deutsche Botschaft gibt fast täglich Sicherheitshinweise heraus – zum Beispiel, wo man gerade besser nicht hingehen sollte. Das verfolge ich regelmäßig und vertraue darauf. Der Tag, der am meisten beeinträchtigt ist, ist der Freitag, wenn nach der Moschee zu Demonstrationen aufgerufen wird. Man muss sich eben darauf einstellen, an diesem Tag um eine gewisse Zeit zu Hause zu sein oder, wenn man außerhalb ist, zum Beispiel bei Freunden zu übernachten.

Hast Du Angst?

Nein. Ich riskiere nichts, gehe selten allein aus dem Haus, sondern immer in Begleitung von Einheimischen.

Hast Du schon an Ausreise gedacht?

Bisher hat mich motiviert, hier das Semester abzuschließen. Ich bereue es bis jetzt nicht, geblieben zu sein. Natürlich bin ich schon darauf vorbereitet, dass ich nicht wie geplant bis Juli bleiben kann.

Ist Deine Familie in der Heimat in Sorge?

Zuletzt haben Mama und Papa immer öfter durchgerufen. Sie haben sich noch einmal genau nach dem Namen meiner Straße erkundigt und gesagt, dass alle froh sind, wenn ich sicher zu Hause bin. Das hat mir gezeigt, dass sie sich nicht so gut fühlen. Deswegen passe ich noch besser auf.

Wird unter den Studenten eigentlich viel über die politische Lage diskutiert?

Ja, die ganze Zeit. Inzwischen hat sich unter ihnen eine gewisse Hoffnungslosigkeit breit gemacht. Sie empfinden die Lage als genauso wie vor der Revolution oder schlechter. Ich kenne eigentlich keinen Studenten, der Präsident Mohammed Mursi unterstützt – nur ein oder zwei Professoren, mit der Begründung, dass, wenn Mursi geht, jegliche Stabilität verloren geht.

Kannst Du unter diesen Rahmenbedingungen das Auslandsjahr auch ein wenig genießen?

Es ist schon schön, aber auch irgendwo traurig. Man fühlt mit dem Land und den Leuten mit. Es tut weh zu sehen, dass Absolventen gar keine Zukunftsvision in ihrem Land sehen.

Das Gespräch führte Jens Hendryk Däßler

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