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Echter als das Original

Dachau - Todessehnsucht in der Dachauer Kultur-Schranne: Das Kollegium Kalksburg hat Leichtes und Todtrauriges zur sterbenslustigen Satire verschmelzen lassen

In ergreifender Resignation und mit grenzüberschreitenden Lautmalereien: Heinz Ditsch, Paul Skrepek und Vincenz W. Wizlsperger (von links) sind das Kollegium Kalksburg. foto: sch

In ergreifender Resignation und mit grenzüberschreitenden Lautmalereien: Heinz Ditsch, Paul Skrepek und Vincenz W. Wizlsperger (von links) sind das Kollegium Kalksburg. foto: sch

In einem echten Wienerlied geht es spätestens in der letzten Strophe ums Sterben. In der Musik vom Kollegium Kalksburg ist die Todessehnsucht von Anfang an lustvoll und hintergründig gegenwärtig. Vincenz Wizlsperger (Gesang, Euphonium), Paul Skrepak (Gesang, Kontragitarre) und Heinz Ditsch (Akkordeon, singende Säge) waren in der Kultur-Schranne zu Gast. Das Konzert wurde vom Verein TollhausDachau veranstaltet.

Wiener Schmäh und Todessehnsucht gehören untrennbar zusammen. Das Kollegium Kalksburg widmet sich den beiden Themen mit Inbrunst und pfeffert sie mit schonungsloser Selbsterkenntnis. „Die Welt, die ist ein Jammertal. Mir ist schon alles ganz egal“, verkündet Sänger Vincenz Wizlsperger in ergreifender Resignation. Er lebt die Bühnenrolle als tragische Figur und kostet ihren Pessimismus voll aus, denn auch im Guten steckt viel Negatives: „A Hoid is a Schiggsoi“. Übersetzt: Ein Held ist ein Schicksal. Demzufolge sind es auch keine schönen Wienerlieder, die das Trio aufführt, sondern bitterböse Satiren über den ganz normalen Wahnsinn. Die Eigenkompositionen und Lieder von Kollegen wie Georg Danzer und André Heller handeln vom Scheitern, von der verlorenen Liebe und der unausweichlichen Vergänglichkeit. Natürlich auch vom Wein und vom Essen - alles verpackt in eine originelle Musikalität und garniert mit jeder Menge Nonsens.

Mit gebrochener Stimme singt Wizlsperger „Stöts meine Ross in Stoi“, eine Metapher übers Abschiednehmen, begleitet vom schluchzenden Akkordeon. Entwaffnend ist die Selbsterkenntnis, mit der er sich und die Bandmitglieder als „deppische, unbeholfene Bappler“ bezeichnet, die auf der Bühne zu „brutalen und herrischen Vollchefs“ auflaufen - „wia wann ma Arschlöcher warn“. Das ist die Überleitung zum Lied über Silberfischerl, Wanzen und anderes Ungeziefer in der Wohnung. Spätestens da wird klar: Die Komik vom Kollegium Kalksburg trieft nicht nur vor schwarzem Humor, sondern hat etwaszutiefst Anarchisches.

Dass die drei Musiker vom Jazz kommen, hört man. Zeitmaß und Takt werden betont, es wird intensiv und temperamentvoll improvisiert und Elemente von Bossa, Blues, Flamenco und Tango fließen in die Gschtanzln und Couplets ein. Heinz Ditsch und Paul Skrepak sind große Könner, überschreiten mit Lautmalereien musikalische Grenzen, wimmern, jodeln, trommeln und galoppieren. Der kakophonische Refrain „Dadada nix, dadada wos“ (Konjunktiv von Handeln) geht über in afrikanisch inspirierte, treibende Rhythmen. Herrlich.

Großartig ist die Nummer mit der Zeitansage aus dem Handy, die in Georg Danzers „Ruaf mi ned an“ mündet, und unübertroffene Spitzenklasse der Vorstadtcasanova: „Ohne Kampe immer schee frisiert“. Da kann man nur sagen: authentisch, gelebt und echter als das Original.

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