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„Jas Poing“ – so heißt Sozialpädagogin Adriana Simelka auf Facebook. Sie ist in dem sozialen Netzwerk mit mehr als 150 Schülern der Poinger Mittelschule befreundet – genau wie Lehrer und Schulleiterin.

Experiment in Poing

Schüler und Lehrer Facebook-Freunde: Funktioniert das?

Poing - Dürfen Pädagogen über Facebook mit Schülern befreundet sein? Das Kultusministerium sieht das ungern, doch an einer Mittelschule in Oberbayern ist man klipp und klar dafür. Ein Experiment mit Hintergedanken.

Adriana Simelka ist Sozialpädagogin an der Mittelschule in Poing (Kreis Ebersberg) und hat über 150 Freunde – Schüler der örtlichen Mittelschule, mit denen sie über Facebook kommuniziert. Täglich, über Gott und die Welt. Über Liebeskummer, Zickenkrieg unter Mädchen, Mobbing unter Buben. Auch über die strammen Jungs von Abercrombie & Fitch, dem furchtbar angesagten Modehaus in der Sendlinger Straße in München mit seinen seltsamen Models. Wenn die Mädchen auf Facebook darüber quatschen, muss Adriana Simelka auch mal schmunzeln. Aber manchmal muss sie auch eingreifen, Streit schlichten. Sie möchte Facebook nicht missen. „Schon in der 5. Klasse haben 99 Prozent ein Handy, die meisten ein Smartphone. Da musst Du mithalten.“ Einem Schüler das Handy wegzunehmen, sei die Höchststrafe. Schlimmer als ein Verweis. Facebook gebe neue Möglichkeiten, mit den Schülern zu kommunizieren. Und viele Entwicklungen seien früher erkennbar.

Adriana Simelka ist keine Lehrerin. Aber sie hat ihr Büro in der Mittelschule. Jetzt sitzt sie im Büro der Schulleiterin. Für das Gespräch hat sie sich die wichtigsten Stichpunkte auf ein Blatt notiert. Sie habe die Schüler auf Facebook neu kennengelernt, sagt sie. Schüchterne sind auf Facebook plötzlich ganz stark. Muntere Schüler im Netz plötzlich depressiv. Die Jugendsozialarbeiterin ist von der Gemeinde allein für die Schule angestellt. „Poing leistet sich das“, sagt Schulleiterin Simone Fleischmann. „Wir sind glücklich darüber.“

Fast täglich ist Adriana Simelka bei Facebook unterwegs. Sie trennt strikt zwischen ihrem persönlichen Auftritt und ihrer offiziellen Anmeldung als „Jas Poing“. Sie hat schon so manchen Liebeskummer mitverfolgt. Nicht immer interveniert sie, nur dann, wenn sie spürt, dass etwas aus der Bahn geraten könnte. Manchmal verwickelt sie auch eine Schülerin, der nur langweilig ist, in Smalltalk via Facebook: „Hallo, wie geht’s Dir?“ Eine kurze Antwort, auch wenn man eigentlich mit etwas anderem beschäftigt ist, gehört sich dann einfach, findet Adriana Simelka. Man darf nicht nur schimpfen. Und so hat sie sich auch zu den Typen von Abercrombie & Fitch mit ihrem abnormen Waschbrettbauch einen schwärmerischen Kommentar abgerungen.

Eigentlich lehnt das Kultusministerium Facebook-Kontakte zwischen Lehrern und Schülern ab. „Von einer unterrichtlichen Nutzung sozialer Netzwerke ist mit Blick auf die besondere Schutzbedürftigkeit der Schülerinnen und Schüler abzusehen“, heißt es in einer Bekanntmachung vom Oktober vergangenen Jahres. Doch das Ministerium weiß um den „Zwiespalt“ dieser Verfügung. Simone Fleischmann findet es wichtig, dass die Schule bei Facebook präsent ist. Das ist für sie „Medienkompetenz“. „Früher hieß das, dass man weiß, wie der Videorekorder funktioniert.“ Heute müsse sich der Lehrer in den sozialen Netzwerken auskennen.

Von Dirk Walter

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