Sie tragen ihren Job zu Grabe: Die Abfertigungskräfte von Air France zogen am letzten Arbeitstag mit Sarg und Mini-Flugzeug über den Airport. Foto: priglmeir

Air France: Die letzten Stunden der Servicecrew

Flughafen - Mit einem Trauerzug hat sich das Servicepersonal von Air France verabschiedet. Eine Fremdfirma kümmert sich künftig um die Abfertigung.

Und am Ende liegen sie sich unter den Klängen von „Bye bye Baby“ von den Bay City Rollers in den Armen und weinen. Jetzt, nachdem Vanessa Hayward die letzte Schicht beendet hat, ist die Servicegesellschaft Air France KLM Geschichte. Die Airline hat den Bereich Abfertigung outgesourct. Eine Handlingfirma namens Havas übernimmt dies ab sofort. Rund 30 Mitarbeiter sind nun ohne Job - die Leute haben bis zu 35 Jahre für die Airline gearbeitet.

Ja, Havas, hätte sie für die nächsten zwei Jahre bei vollem Gehalt übernommen. „Aber was käme nach dieser Zeit?“, sagt Thierry Marchetto. „Und außerdem“, fügt er hinzu. „Wir sind Airliner, keine Handlingfirma.“ Zwölf Jahre hat er für Air France gearbeitet. Er misstraut der neuen Firma, die erst vor 13 Monaten gegründet worden ist und noch neu ist am Flughafen im Erdinger Moos. Für Verdi-Gewerkschaftssekretär Ulrich Feder ist nur soviel klar: „Die neue Gesellschaft ist ein Billigstanbieter.“

Alternative

Pralinengeschäft

„Ursprünglich“, so erzählt eine Mitarbeiterin hätte die neue Firma nur 1200 Euro in München zahlen wohlen, „aber da haben sie natürlich keine Leute bekommen“. Jetzt gebe es 2000 Euro brutto inklusive aller Zulagen. Das ist auch nicht viel für das AirFrance-Personal, das mindestens vier Sprachen beherrscht. „In der neuen Firma braucht man das freilich nicht mehr. Da reicht scheinbar Englisch. Mal sehen, wie das bei den Kunden ankommt“, meint eine weitere Mitarbeiterin. Zu weit aus dem Fenster lehnen wolle sie sich aber nicht, „denn wir dürfen uns nicht negativ über unseren Arbeitgeber äußern, wenn wir die Abfindung nicht gefährden wollen“. Diese sei gar nicht so schlecht. „Da hat Verdi gute Arbeit geleistet“, lobt Diana Butz-Weigel. Sie weiß: Als Betriebsrätin hätte sie mit dem Unternehmen nur einen Sozialplan erstellen können, gemeinsam mit der Gewerkschaft erreichten sie und die weiteren 300 Kollegen in Deutschland einen Sozialtarifvertrag, bei dem sie zwischen einer Abfindung oder einer Freistellung wählen konnten. Dabei hatte sich die Airline erst einmal geweigert, mit Verdi zu verhandeln. „Und vor Gericht haben sie uns auch gezerrt“, erzählt Marchetto vom Versuch des Arbeitgebers einen Warnstreik in Frankfurt zu unterbinden. „Die haben haushoch verloren“, grinst Marchetto.

Es ist Galgenhumor. Dazu passt auch der Trauerzug. Mit einem Sarg sind die Beschäftigten vom Airbräu ins Terminal 1 gezogen. Nicht nur die Airline sei für ihn und seine Kollegen gestorben, meint Marchetto, sondern auch der Airport. „Die meisten von uns wollen zwar in die Tourismusbranche, werden aber nicht mehr an einem Flughafen arbeiten. Hier wird’s nicht besser. Uns reicht’s“, sagt er. Butz-Weigel zum Beispiel eröffnet ein Pralinengeschäft in Erding.

Ersatz aus

Skandinavien

Ohnehin sei der Job des Luftverkehrsmanns vom Aussterben bedroht, meint auch Verdi-Mann Feder. Von der Ticketbestellung übers Internet bis zum Check-In am Automaten bekomme der Passagier bis zum Gate bald keinen Mitarbeiter mehr zu Gesicht.

Doch das ist noch Zukunftsmusik. Noch werden die Menschen am Check-In benötigt. Seit gestern helfe ein Trupp aus Skandinavien aus, berichtet ein Mitarbeiter. „Die bleiben ein paar Wochen in der Übergangszeit hier“, erzählt er.

Eingewiesen werden die Neuen zum Beispiel von Markus Herzog. Er zählt zu der Handvoll von Mitarbeitern, die bei Air France als Supervisor ihren Nachfolgern den Job erklären. Was dann passiert, wenn er selbst ersetzbar ist, will sich Herzog noch gar nicht ausmalen. Erst einmal übermannen ihn die Gefühle: „Ich verliere so viele Kollegen, mit denen ich sehr lange zusammengearbeitet habe. Mit manchem habe ich mehr Zeit verbracht als mit der Familie. Der Abschied - das ist ein Scheißgefühl.“

Mit 55 Jahren

den Job verloren

Eine Ex-Kollegin umarmt ihn. Sie hatte schon vor einigen Monaten Adieu gesagt, weint ihrem Job aber noch immer nach. „So ein Team wie bei Air France wird’s nie mehr geben“, sagt sie. Sie hat inzwischen eine neue Beschäftigung,

David Gunnell nicht. Gutbezahlte Jobs seien nicht auf dem Markt, meint er. „Ich würde nicht mal die Hälfte von dem verdienen, was ich derzeit habe“, sagt der Engländer, der seit 30 Jahren bei der Airline ist. Bis zum 30. September 2015 erhält er seinen Lohn. Spätestens dann braucht der heute 55-Jährige wieder einen Job. „Ich weiß, dass dies in diesem Alter nicht so einfach ist, aber Erfahrung ist doch auch was wert.“

Bis vor drei Jahren war er gemeinsam mit Susanne Lang im Operationsbereich tätig. Flugpläne erstellen, Wetterdaten zusammentragen - das sei ihre Aufgabe gewesen, ehe schließlich das Aus für diesen Geschäftsbereich kam. Lang blickt in die Runde ihrer trauernden Kollegen: „Ich habe das also vor drei Jahren schon einmal erlebt“, sagt die Aufkirchenerin und fügt hinzu: „Ich möchte am Airport bleiben. Einmal Flughafen, immer Flughafen.“ (pir)

  • 0 Kommentare
  • 0 Google+
    schließen