Flughafen - Bürgerbegehren, Volksentscheid, Klagen – das Tauziehen zur 3. Startbahn am Flughafen München nimmt immer neue Wendungen. Über die aktuelle Entwicklung sprachen wir mit dem Chef des Flughafens München, Michael Kerkloh.
Rechnen Sie noch mit einem Spatenstich für die 3. Startbahn im Jahr 2012?
Ja, davon gehe ich aus.
Und wenn München im Bürgerbegehren Nein sagt?
Das wird eine Richtungsentscheidung. Aber ich bin überzeugt, dass wir gewinnen werden und von dem Bürgervotum ein starkes Signal pro Startbahn ausgeht.
Wie werden Sie auftreten?
Kraftvoll.
Klingt nach Zweckoptimismus.
Überhaupt nicht. Sie müssen die Dimensionen sehen. Wir haben 21 Klagen gegen den Planfeststellungsbeschluss und sieben Anträge auf Aufhebung des Sofortvollzugs der Baugenehmigung, beim Bau des Flughafens München waren es 5600 Klagen. Das ist sehr überschaubar geworden. Die Klagen kommen ohne Ausnahme aus der unmittelbaren Umgebung. Das ist ein Betroffenenprotest, der nicht über die Flughafenregion hinausreicht. Den Ärger der Leute in Attaching und Berglern verstehe ich, damit muss man vernünftig umgehen.
Und die Münchner?
Die Leute im Großraum München wägen ab. Man muss die 3. Startbahn nicht lieben. Aber viele wissen, dass es eine wichtige strategische Infrastruktur-Entscheidung für die Zukunft Bayerns ist. Auch unsere eigenen Leute, die Beschäftigten der FMG, engagieren sich jetzt verstärkt als aktive Befürworter. Sie haben es satt, dass ständig nur von anderen über ihre Arbeitsplätze und ihre Zukunft geredet wird.
Rechnen Sie auch mit einem Bekenntnis der Münchner Gewerkschaften pro 3. Startbahn?
Ja. Ich gehe davon aus, dass sie zum Kreis der Befürworter gehören und Flagge zeigen werden. Gespräche laufen. Die Gewerkschaften wissen genau, was sie am Flughafen haben. Wir sind ein stabiler Arbeitgeber, für Spitzenkräfte genauso wie für geringer Qualifizierte – also auch für Menschen, die im Ruhrgebiet Hartz IV beziehen würden. Sie wollen nur garantiert haben, dass die Startbahn nicht auf den Rücken der Beschäftigten finanziert wird. Aber das können wir ausschließen.
Nach dem Bürgerbegehren könnte ein Volksentscheid kommen.
Sicher ist die 3. Bahn ein Thema von bayernweiter Bedeutung. Andererseits dürfte sie die Menschen in Kulmbach oder Hof sehr viel weniger interessieren als in Oberbayern. Entscheidend für uns ist die Frage, ob ein Volksentscheid realisiert werden kann, ohne dass es zu Verzögerungen kommt. Wir brauchen die 3. Bahn jetzt. Erst am Dienstag mussten 300 Personen im Terminal übernachten, weil wir eine Bahn wegen des Wintereinbruchs sperren mussten. Solche Situationen haben wir jetzt immer öfter. Und Sie dürfen nicht vergessen, dass wir das Ausbauvorhaben und den Dialog mit den Nachbarn bereits vor sechseinhalb Jahren gestartet haben. Inzwischen liegt ein Planfeststellungsbeschluss auf dem Tisch, den wir zügig umsetzen möchten, weil die Engpässe immer gravierender werden.
Wirklich? Die Wirtschaftsdaten gehen doch schon wieder nach unten.
Moment. Sie haben Recht, dass die konjunkturelle Eintrübung das Wachstum momentan abbremst. Deshalb wird der Verkehr 2012 auch nur moderat zulegen. Aber die Passagierzahlen klettern stetig und werden das auch künftig tun.
Genauer?
Als Fernprognose haben Sie für das Jahr 2025 knapp 600 000 Flugbewegungen angegeben. Bleiben Sie dabei?
Natürlich. Wir reden beim Luftverkehr ja nicht über Rückgänge, sondern nur darüber, ob es ein rasantes oder ein moderates Wachstum geben wird. Der europäische Flugverkehr wächst im Schnitt drei Prozent im Jahr, konservativ gerechnet. Das hängt mit vielem zusammen, übrigens auch mit dem Reiseverhalten junger Leute, für die Flugzeuge ein selbstverständliches Transportmittel sind – anders als bei älteren Menschen. Nun ist es aber so, dass der Infrastruktur-Ausbau in Europa stockt. München wäre mit einer dritten Bahn einer der ganz wenigen Standorte, die weiter wachsen könnten.
Wegen der vielen Umsteiger.
Deren Anteil liegt gegenwärtig bei 37 Prozent, Tendenz steigend. Ein Drehkreuz ist aber überhaupt nichts Negatives. Ich gebe Ihnen dafür ein Beispiel: Es gibt in Deutschland nur einen Flug nach Ancona – den von München aus. Es gibt nicht Hamburg-Ancona oder Bremen-Ancona. Die Bremer und Hamburger sammeln wir alle ein. Das ist doch hocheffizient, weil keine Flugzeuge halbleer über Europa fliegen. Und die Münchner haben deshalb mehr Nonstop-Ziele.
2017 sollen die ICEs der Bahn von München nach Berlin nur noch vier Stunden benötigen. Ist das eine Konkurrenz?
Der Berlin-Verkehr ist nur ein sehr kleiner Faktor, dadurch wird der grundsätzliche Bedarf der 3. Bahn nicht infrage gestellt. Mag sein, dass fünf unserer täglichen 25 Flüge wegfielen. Das wird der Wettbewerb entscheiden. Man müsste auch München-Stuttgart oder München-Nürnberg nicht fliegen – die Bahn ist doch ein tolles Verkehrsmittel. Allerdings bedarf es dazu einer adäquaten Bahnanbindung unseres Flughafens.
Die ist aber nicht in Sicht.
Immerhin ist der Bau der Neufahrner Kurve in der Zielgerade. Das ist eine gute Sache.
Müssen Sie dafür den zweiten Flughafen-Bahnhof, der im Rohbau fertig ist, in Betrieb nehmen?
Nein. Nach den bisher vorliegenden Planungen der Bahn können die Züge aus Regensburg und Landshut in den bestehenden Flughafen-Bahnhof einfahren, ohne dass wir den zweiten Bahnhof bauen müssten. Der wird erst für eine Fernbahn-Anbindung gebraucht. Unsere strategische Vorstellung ist es ja, dass die TEN-Strecke Paris-Bratislava über den Flughafen geführt wird.
Bisher geht nicht mal bei der lange diskutierten Express-S-Bahn auf der S 1-Strecke etwas voran.
Mit etwas good will wäre das machbar. Hauptproblem bleiben aber die langen Schrankenschließzeiten etwa in Oberschleißheim.
Und der Erdinger Ringschluss?
Er wird kommen.
Aber lange nach dem Bau der Startbahn.
Das schon. Aber er wird kommen. Es ist eine Frage des Geldes.
Wäre die FMG bereit, Geld in die Bahninfrastruktur zu stecken?
Wir sind eigentlich ein Flughafen (lacht). Aber wir haben seinerzeit zugesagt, uns am Transrapid mit 100 Millionen Euro zu beteiligen. Diese Summe steht weiter zur Verfügung für Verbesserungen der Schienenanbindung des Flughafens. Ganz klar. Zum Beispiel für den Erdinger Ringschluss. Das Angebot steht.
Das Interview führte Dirk Walter
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