Freising - Tiefe Enttäuschung, aber auch Zorn und Ärger machten sich gestern breit - nachdem die Regierung eine dritte Start- und Landebahn direkt vor den Toren Freisings fast ohne Auflagen planfestgestellt hat. Nur wenige sehen die Entscheidung positiv.

„Wir sind wieder ein Stück weiter – in Richtung Verlust von Heimat durch Zubetonieren.“ mdL Florian Herrmann (CSU)
„Enttäuschung“ - so quittierten OB Dieter Thalhammer (SPD) und Landrat Michael Schwaiger (FW) unisono den Planfeststellungsbeschluss. Thalhammer hätte sich durchaus mehr Beschränkungen gewünscht, etwa was die Bahnlänge und die Verwendung der Piste betrifft. Er hatte bis zuletzt gehofft, dass die Notwendigkeit des Flughafen-Ausbaus nicht so gesehen werde, wie das die FMG darstelle. Thalhammer betonte, die Stadt Freising werde nun den Klageweg beschreiten.
Landrat Schwaiger reagierte mit einem frustrierten Schulterzucken: Auch er hätte sich erwartet, dass das Thema der Bahnlänge eine Rolle gespielt hätte und es auch Auflagen zur Nutzung der Bahn gegeben hätte. Jetzt gelte es, unter den rund 30 zur Verfügung stehenden Musterklägern die richtigen auszuwählen, sagte der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft.
Gar von einem „schwarzen Tag für Freising“ spricht der CSU-Landtagsabgeordnete Florian Herrmann. Durch den Beschluss sei man „wieder ein Stück weiter in Richtung Verlust von Heimat durch Zubetonieren“ gekommen. Herrmann hätte sich ebenfalls „wesentlich mehr“ Auflagen und Einschränkungen gewünscht. Die Einhaltung der Nachtflugregelung und die jetzt auf rund 100 Anwesen in Attaching ausgeweiteten Möglichkeiten der Absiedlung seien „eine Selbstverständlichkeit“. Jetzt gelte es, den Beschluss zu prüfen - vor allem auch im Hinblick auf die Frage des Bedarfs.
Herrmanns Landtagskollege Manfred Pointner (FW) hätte sich zwar auch mehr an Auflagen erwartet. „Aber das ist wie immer: Die Regierung von Oberbayern als weisungsabhängige Behörde entscheidet so, wie es die Staatsregierung will.“ Weil etwa der Bedarf nicht gegeben sei, setzt Pointner jetzt die Hoffnung auf die Gerichte, die schon in der Vergangenheit zumindest Erleichterungen gebracht hätten (Stichwort: Nachtflugregelung). Noch müsse auch der Landtag den Beschluss zum Bau fassen. Da hat Pointner angesichts der „Freunde“ von der CSU und FDP aber wenig Hoffnung. Und: Sollte die Startbahn gebaut werden, werde der Steuerzahler von den bereits an die FMG ausgereichten Darlehen und Zinsen „nichts mehr sehen“.
Und Hartmut Binner (Aufgemuckt) ergänzt: Das sei die Entscheidung gewesen, „die von der Bayerischen Staatsregierung als Anteilseigner der FMG mit 51 Prozent erwartet wurde. Tatsachen und Bürgermeinung zählen nur an Wahltagen!“
„Ich bin weder froh noch enttäuscht über diese Entscheidung“, sagt der Fahrenzhausener Gemeindechef Rudi Jengkofer. „Ich maße mir nicht an, zu beurteilen, ob eine dritte Startbahn gebraucht wird oder nicht. Dafür fehlt mir einfach das Fachwissen.“ Langenbachs Bürgermeister Josef Brückl fühlt sich dagegen „getroffen“: „Das ist für mich ein Schock.“ Auch bei ihm sitzt die Enttäuschung tief darüber, wie „unfair“ man mit den Kommunen umgehe.
Rupert Popp, Bürgermeister Allershausen: „Da sieht man, dass die Genehmigungsbehörde die Interessen der Lobby - sprich der bayerischen Staatsregierung, der Stadt München, des Bundes sowie die wirtschaftlichen Interessen der FMG - höher bewertet, als die Gesundheit der Bevölkerung im Umkreis des Flughafens.“ Dass kaum Einschränkungen bei der Genehmigung gemacht würden, sei „leider auch klar“ gewesen. Popp: „Man läuft Gefahr, zu resignieren. Ich sage schon seit Jahren, in Bayern gehört eine Revolution her, die die politische Landschaft gehörig durcheinanderwirbelt. Wir lassen uns zu viel gefallen.“
Robert Scholz, Bürgermeister Kanzberg ist auch stinksauer: „Das war zu befürchten. Hier hat der Freistaat seinen eigenen Antrag genehmigt. Deshalb hat die Gemeinde Kranzberg auch die Besorgnis der Befangenheit geltend gemacht - leider umsonst. Mich ärgert diese Unehrlichkeit der Politik: die Themen Umwelt- und Klimaschutz tragen wir vor uns her und dann wird der Flughafen ausgebaut. Das passt nicht zusammen.“ Scholz hofft nun auf den Gerichtsweg.
Herbert Knur, Bürgermeister von Berglern (Kreis Erding): „Beim Querlesen dieses Beschlusses musste ich feststellen, dass zwar über Pflanzen und Vögel ganz viel gesagt wird, aber zu den Menschen so gut wie nichts. Ich weiß nicht, wie es zum Beispiel mit den Buben und Mädchen in unserem Kindergarten weitergehen soll“. Knur: „Da wird uns von der Regierung hingerotzt, dass das öffentliche Verkehrsinteresse am Ausbau des Flughafens einen höheren Schutzwert hat als die Belange der Menschen, die aber wiederum gar nicht erst definiert werden.“ Diesen Planfeststellungsbeschluss hätte auch die FMG selbst schreiben können, schimpft Knur.
Es gibt auch andere Meinungen: „Ich hab’ absolut nichts dagegen, wenn die dritte Bahn kommt“: Karlheinz Schober, Gastronom aus Freising, ist einer von wenigen bekennenden Startbahn-Befürwortern. Er sieht vor allem Vorteile für die Region: „Die Expansion des Flughafens ist wichtig für die Infrastruktur. Das schafft weitere Arbeitsplätze.“ Außerdem sei die dritte Start- und Landebahn ein wesentlicher Sicherheitsaspekt: Der Luftverkehr muss entzerrt werden.“
Auf die Stellungnahme der Industrie und Handelskammer (IHK) Oberbayern verweist die Spitze des IHK-Gremiums Erding-Freising: Eine eigene gab’s nicht. Gremiums-Pressesprecherin Katharina Toparkus erklärt: „Das erst im Mai neugewählte Gremium hat sich bislang noch zu keiner Arbeitssitzung getroffen und kann deswegen keine gemeinsame Stellungnahme abgegeben.“ Der oberbayerische IHK-Chef Erich Greipl begrüßt den Flughafen-Ausbau als „Signal für weiteres Wachstum“.

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