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Wirtschaftsschule Freising: "Unser Fokus liegt auf der Zukunft"

"Unser Fokus liegt auf der Zukunft"

Freising - Vor zehn Jahren erschütterte der Amoklauf an der Wirtschaftsschule Freising und ganz Deutschland. Was hat sich in der Wirtschaftsschule seitdem verändert?

Es war der 19. Februar 2002, als Adam L. mit dem Ziel in die Wirtschaftsschule stürmte, einen ehemaligen Lehrer zu ermorden. Er traf ihn nicht an, weil er erkrankt war. So richtete sich seine Aggression gegen Schulleiter Klaus Cislak: Mit drei Schüssen tötete er den damaligen Leiter der Wirtschaftsschule. Dann sich selbst. Diese Tat erschütterte ganz Deutschland. Was hat sich in der Wirtschaftsschule seitdem verändert? Wie sehr ist die Bluttat zehn Jahre später noch präsent? Schulleiter Werner Kusch, Schulpsychologe Hans-Joachim Röthlein und Walter Schollerer, der als Jugendbeamter der Polizei Freising mit dem Programm „Gewaltprävention“ in Schulen im Landkreis unterwegs ist, sind sich einig: „Unser Fokus liegt auf der Zukunft.“

-Herr Kusch, was hat sich an der Wirtschaftsschule seit 2002 verändert?

Kusch: Wir haben uns wieder zu einer ganz normalen Schule mit den üblichen Problemen entwickelt. Die Schüler, die heute an der Schule sind, wissen nur noch aus Erzählungen, was damals passiert ist. Der Amoklauf in Winnenden ließ alles natürlich wieder hochkochen. Bei ähnlichen Vorfällen - wie auch kürzlich am JoHo - rufen die Medien wieder bei mir an. Ich sage dazu aber nichts, da ich damals auch noch nicht an der Schule war.

-Würden Sie sagen, dass manche Schüler den Jahrestag ohne Erinnerung vergessen hätten?

Kusch: Ja, ich denke schon.

-Man hat damals mit einem neuen pädagogischen Konzept auf den Amoklauf reagiert. Wie sieht das aus?

Kusch: Auffällige oder auch aggressive Schüler werden aus dem Unterricht herausgenommen und müssen unter Aufsicht einen Fragebogen ausfüllen, ihr Verhalten reflektieren und Lösungsvorschläge geben. War das Trainingsraumkonzept erfolgreich, dürfen sie in die Klasse zurück. Das ist die erste Stufe. Dann gibt es Maßnahmen wie das Skilager in der siebten Klasse, die die soziale Kompetenz fördern sollen. Oder das Segellager in der Achten, wo es um Teambildung geht. Da steht nicht der Sport im Vordergrund, sondern soziale Kompetenz zu erlernen. Das verändert das Klima zwischen Schülern und Lehrern sowie bei den Schülern untereinander - es entsteht ein Vertrauensverhältnis. Diese Fahrten gibt es schon immer, jetzt sind sie aber verpflichtend für alle.

-Wo setzt das Gewaltpräventionsprogramm der Polizei an?

Schollerer: Soweit personell möglich, besuchen wir alle siebten Klassen im Landkreis für sechs Unterrichtsstunden und bilden Lehrer fort. Aber wir kommen nicht mit dem Zeigefinger. Mit einfachen Spielen, die sich in alle Richtungen entwickeln können, regen wir Diskussionen an. Schüler müssen lernen, sich in andere hineinzuversetzen und zu ihrer Meinung zu stehen.

Kusch: Das sind alles Mosaiksteine, die ineinandergreifen. Die jungen Leute werden durch die Maßnahmen sensibiliert.

Röthlein: Aber Täter, die so etwas tun wie an der Wirtschaftsschule vor zehn Jahren, bekommt man so eher nicht. Es geht mehr darum, dass andere Schüler lernen, auf sie aufmerksam zu werden und Bescheid sagen - also sozialen Mut beweisen. Es ist auch wichtig, in den Kursen Mobbing anzusprechen, weil Amokläufer - also die Täter - sich oft gemobbt fühlen. So kann das Programm auch ihnen helfen.

-Werden Schüler angehalten, Bescheid zu sagen, wenn ihnen etwas Verdächtiges auffällt?

Kusch: Ja, sie sind sozusagen das Frühwarnsystem - etwa wenn sie Drohungen im Internet sehen. Sie sprechen dann mit den Vertrauenslehrern, mit Herrn Schollerer oder auch mit mir.

-Wird das nicht als Petzen angesehen?

Röthlein: Bei entsprechenden Äußerungen greift das Wertesystem der Schüler: Sie sagen dann ,Du verletzt Werte‘ und sehen das nicht als Petzen. Spätestens seit Winnenden ist den Schülern bewusst, dass auch sie Opfer sein könnten, und dass sie auch davon profitieren, wenn sie den Vorfall melden.

Schollerer: Alles, was Richtung Gewalt geht, hat Konsequenzen. Ob dann aber Polizei oder Schule aktiv werden, hängt vom Einzelfall ab. Meines Erachtens sind Fälle von Gewalt rückläufig. Was derzeit ein immer größeres Problem wird, sind Gewaltszenen im Internet - etwa auf Youtube. Jugendliche können oft nicht mehr unterscheiden, ob etwas gespielt oder real ist. Da haben wir keine Handhabe - außer die Kinder stark zu machen.

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