Feuer in der Westernstadt Grafrath

Als ein Kindheitstraum in Flammen aufging

Grafrath - Sie war die letzte große Touristenattraktion des Landkreises Fürstenfeldbruck und sie ging in Flammen auf: Das ist die Geschichte eines Kindheitstraums.

Vor 40 Jahren begann der Streit um die Westernstadt bei Grafrath, der 1973 in eine Brandkatastrophe mündete. Nun soll eine Ausstellung an die Ereignisse erinnern.

Die Kinder von damals bekommen heute noch glänzende Augen, wenn von der Westernstadt und dem dazu gehörenden Märchenwald die Rede ist. Pferde, Cowboys, Revolver, Westernzüge, traumhafte Bauten und Figuren faszinierten tausende Besucher aus Bruck und der ganzen Region. Es ging um Emotionen - und genau diese sorgten auch für das Aus des real gewordenen Kindheitstraums.

Bilder aus der Westernstadt Grafrath

Denn während viele die Stadt und den Märchenwald liebten, hassten andere die Anlage mit genau der selben Intensität. Sogar Demos formierten sich. Die Fakten hat die Grafratherin Christel Hiltmann zusammengetragen. Die Historikern will Bilder und Berichte der Öffentlichkeit zugänglich machen. Wie Hiltmann herausfand, ging es damals unter anderem um die fehlende Wasserversorgung. Aber auch um ein Phänomen, das heute kaum jemand mehr für nachvollziehbar hält: Viele Leute störten sich daran, dass Cowboys bei Spielen fiktiv erschossen wurden.

Vater der beiden Attraktionen war der frühere Roßschlächter Toni Lötschert. Der aus Koblenz stammende Freizeit-Unternehmer erwarb zu Beginn der 60er-Jahre ein 48 000 Quadratmeter großes Stück Sumpfland bei Grafrath. 1961 eröffnete der Märchenwald. Nachgestellte Szenen aus der Grimmschen Welt zogen Tausende an. Der Märchenwald wuchs beständig. Aus anfangs einem Getränke- und Speisenkiosk wurden 1967 drei. Eine Wetterschutzhalle aus dem Jahr 1962 wurde 1968 aufgestockt, im selben Jahr wurde ein voll automatische Ölheizung installiert. Außerdem wurde das Gelände erweitert.

Die nächste Geschäftsidee Lötscherts war Hot Gun Town: Die Westernstadt. Zu diesem Zweck kaufte der Unternehmer angrenzende Staatsforst. Das blieb in der Öffentlichkeit zunächst fast unbemerkt. Da die Fläche außerhalb der Gemeindegemarkungen Wildenroth und Kottgeisering lag, hatten beide Kommunen kein Mitspracherecht - auch ein Grund für die späteren Proteste.

„Amerika haben wir über den Antlantik geschippt“, heißt es in einem Protokoll Lötscherts aus den Anfangstagen der „Hot Gun Town“. Für 19 Gebäude, eine Western-Eisenbahn und eine Postkutsche wurden 9612 Eisenbahnschwellen verlegt, 700 Kubikmeter Holzbalken und 1800 Kubikmeter Holzbretter verbaut, 21 Meilen Erdkabel vergraben und 770 handgeschmiedete Lampen sowie 1200 Glaskugeln mit insgesamt 3500 Glühlampen installiert. Lötschert unterzeichnete alle Protokolle fortan nicht mehr als Toni, sondern als Antony Lötschert. Der damaligeVize-Landrat Karl Huber lobte den Unternehmergeist des ehemaligen Schlachters: „Mit der ersten amerikanischen Westernstadt Europas hat er den Kreis um eine Einzigartigkeit bereichert“, sagte er in seiner Rede bei der Eröffnung 1971.

Doch die von Huber gelobte „positive Freizeitgestaltung“ kam nicht bei allen gut an. In der Bevölkerung regte sich schnell Widerstand gegen die schießenden Cowboys. Die Bürger fühlten sich bei der Planung übergangen und schlossen sich zu einer Aktionsgemeinschaft zusammen.

Die Protestmärsche der Lötschert-Gegner, die mit Transparenten ihrem Unmut Luft machten, gingen seinerzeit durch die Medien, auch das Tagblatt berichtete. Das Ende des Märchenwalds und der Westernstadt kam schließlich am Dienstag, 10. Juli 1973. Ein großes Feuer in „Hot Gun Town“ zerstörte einen Großteil der hölzernen Gebäude. „Feuerterror vernichtet Westernstadt. Brandstifter schlagen im Morgengrauen zu“, titelte die Heimatzeitung damals. Es war genau der Tag, an dem die Stadt wiedereröffnet werden sollte. Wegen der fehlenden, nun aber geregelten, Wasserversorgung hatte sie pausieren müssen.

Die genauen Hintergründe des Brandes wurden nie geklärt, aber die Behörden gingen von Brandstiftung aus (Kasten). Das Feuer trieb Lötschert in den Ruin. Wegen des Brandes wurden die Attraktionen 1973 geschlossen. Am 8. Februar 1974 meldete Lötschert sein Gewerbe bei der Gemeinde ab und verließ die Region.

Schon am Tag des Brandes stand fest: Das Feuer in der Westernstadt wurde von Profis gelegt. Die Täter hatten Öl in die Gebäude geschüttet. Danach warfen sie brennende Fackeln in die Häuser. Die Brände waren so gelegt, dass die Feuerwehr nicht an die Zisternen herankam, die eigens dafür angelegt waren. Die Wehren mussten die umgrenzenden Wälder schützen. Bauern halfen mit Fässern voll Wasser. „In gespenstischen Rauchschwaden, begleitet vom Klirren der berstenden Fensterscheiben, ging Hot Town Gun unter“, schrieb das Tagblatt damals. Betreiber Antony Lötschert stand weinend vor den Trümmern.

Die Suche der Polizei konzentrierte sich in den folgenden Tagen unter anderem auf eine großen Frau, die am Tatort gesehen worden sein soll. Jemand berichtete auch von einem Auto, das nachts durch Grafrath gerast sei. Doch die Täter wurden nie ermittelt, die Polizei stieß auf eine Mauer des Schweigens. Heute ist der Fall verjährt, wie ein Polizeisprecher erklärt. Sprich: Selbst wenn die Täter nun bekannt würden, könnten sie nicht mehr belangt werden.

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