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    • 23.01.13
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Gutachten aus Garmisch-Partenkirchen

Klartext im Justiz-Drama Gustl Mollath

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Garmisch-Partenkirchen - Viele haben über ihn geurteilt, Friedrich Weinberger hat ihn besucht: Der Garmisch-Partenkirchner erstellte ein Gutachten über Gustl Mollath. Und spart nicht mit Kritik an Kollegen und Justiz.

Zwei, die für das Gleiche kämpfen: Landtagsabgeordneter Florian Streibl und Psychiater Friedrich Weinberger. F: FKN

Zwei, die für das Gleiche kämpfen: Landtagsabgeordneter Florian Streibl und Psychiater Friedrich Weinberger. F: FKN

Eigentlich will Friedrich Weinberger gar kein Nestbeschmutzer sein. Doch dann sind da die Fälle, die er nicht fassen kann. Die seinem Gerechtigkeitssinn widersprechen. Und dem Verständnis von seinem Beruf: Weinberger ist Psychiater. Im Ruhestand, und doch aktiv. Er hilft noch immer Bekannten, Freunden - und Menschen, die ungerecht behandelt werden. „Wir müssen den Kranken, die uns brauchen, Sicherheit geben“, betont der Garmisch-Partenkirchner. Was er nicht will: Gesunde zu Kranken machen, weil sie Dinge sagen, die keiner hören will. „Wir dürfen nicht Handlanger bei Schurkenstücken sein“, sagt Weinberger, der früher eine Praxis in Starnberg hatte. Weil er über das Tabu-Thema Psychiatrie-Missbrauch spricht, wird er von vielen Kollegen gemieden. Trotzdem lehnt er sich weiter auf. So wie im Fall Gustl Mollath.

Der 56-jährige Nürnberger hatte nach eigenen Angaben einst einen Schwarzgeld-Skandal bei der HypoVereinsbank aufgedeckt - und fand bei der Staatsanwaltschaft trotzdem kein Gehör. Stattdessen sitzt er seit 2006 in verschiedenen geschlossenen psychiatrischen Einrichtungen. Er leide an Wahnvorstellungen, sagen die Gutachter. Zumindest die meisten. Weinberger nicht.

Er hat Mollath im April 2011 auf dessen Bitte hin in Bayreuth besucht, untersucht und festgestellt: „Er macht einen guten Eindruck, ist normal gesprächig, freundlich und hat alle fünf Sinne beisammen. Er ist klug, ruhig“ - und vor allem - „nicht wahnhaft“. Damit widerspricht Weinberger seinen Kollegen. Nichts Neues. Schon seit 35 Jahren ist er dem politischen Missbrauch der Seelenheilkunde mit seiner Walter-von-Baeyer-Gesellschaft für Ethik in der Psychiatrie auf der Spur.

Und beim Fall Mollath schrillten seine Alarmglocken. „Da passiert ein Skandal nach dem anderen, Schwindel zeichnet den ganzen Prozess aus.“ Dass mehrere Gutachter auf das gleiche Ergebnis kamen, wundert Weinberger nicht: „Da hat einer vom anderen abgeschrieben.“ Und kaum einer hatte den Betroffenen besucht, geschweige denn untersucht. Der Wahn Mollaths wurde mehrfach auf reiner Aktenlage festgestellt. Das ärgert Weinberger. Weil am Fall nicht irgendwelche Mediziner gearbeitet haben, sondern die besten Deutschlands. „Das sind Spezialisten. Die ganz großen Tiere.“ Und nicht nur sie hätten Schuld an der Situation Mollaths. Die „schamlosen Lügen“ zögen sich „bis in höchste Kreise, bis zur Justizministerin“, Beate Merk (CSU).

Deren Rolle kritisiert auch Landtagsabgeordneter Florian Streibl (Freie Wähler) scharf. Auf sein Drängen hin hatte Merk im März 2012 vor dem Verfassungsausschuss über den Fall berichtet. „Sie hat die Sachen gesagt, die Herrn Mollath belasten.“ Andere - zum Beispiel, dass die Anschuldigungen gegen die Bank mittlerweile teils bestätigt wurden - verschwieg sie. „Damit hat sie die Unwahrheit gesagt.“ Streibl fordert Merks Rücktritt, weil ihr Verhalten für die Auflösung des Falls „nicht förderlich“ war.

Ganz anders als Weinberger, dessen Einsatz Streibl hoch schätzt. Das Gericht aber schenkte seiner Beurteilung Mollaths keine Beachtung. „Das hat den Gerichten anscheinend nicht gefallen“, sagt Weinberger. Für Streibl unglaublich: „So ein Gutachten muss gerichtlich gewürdigt werden.“ Es zu ignorieren, „geht eigentlich nicht“.

Vielleicht erfährt Weinberger doch noch Gehör: Der Fall Mollath soll wiederaufgenommen werden. „Dann muss alles peinlich genau untersucht werden“, sagt Weinberger, der überzeugt ist: Mollath „ist kein Typ, der zur Gefährlichkeit neigt“. Aber einer, der „den realisierten Albtraum“ mitmacht. Weil Psychiater und Gerichte „unärztlich und verfassungswidrig vorgehen“.

Katrin Martin

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