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Christine D. ist froh über das Urteil. Sie fühlt sie zu Hause jetzt sicherer.

Sie wurde jahrelang terrorisiert

Stalking-Opfer Christine: Endlich wurde er verurteilt!

München - Christine D. wurde jahrelang von ihrem Ex-Freund gestalkt. Das Gericht in Garmisch-Partenkirchen verurteilte ihn zu einer ungewöhnlich harten Haftstrafe.

Sie hat einfach nicht damit gerechnet. Das sagt Christine D. (32) immer wieder. Nicht damit gerechnet, dass ihr Ex-Freund endlich richtig verurteilt wird. Nach drei Jahren, in denen er mit seinem Auto fast täglich an ihrem Haus in Garmisch-Partenkirchen vorbeifuhr. Die Musik immer bis zum Anschlag aufdrehte. Nach den unzähligen Anrufen, SMS und E-Mails, mit denen er sie am Tag und in der Nacht terrorisierte. Nach den zwölf Anzeigen, die sie dann bei der Polizei gemacht hat. Nach drei Gewaltschutzverfügungen, die sie gegen ihn erwirkte, und gegen die er 20 Mal verstoßen hat. „Das muss sich jetzt erstmal setzen“, sagt Christine D. Sie ist erleichtert, sagt sie, das erste Mal seit Jahren sei ihre Angst weniger geworden.

Am Montag hat das Garmisch-Partenkirchner Amtsgericht eine ungewöhnlich harte Strafe gegen den 41-jährigen Mann verhängt. Er wurde wegen Nachstellens zu acht Monaten Haft verurteilt, ausgesetzt zu vier Jahren auf Bewährung. Fährt er jetzt noch einmal an D.’s Haus vorbei, wandert er hinter Gitter.

Das Urteil wurde auch im bayerischen Justizministerium wahrgenommen. Dort spricht man von einem deutlichen Zeichen, dass sich der Straftatbestand der Nachstellung, den es erst seit 2007 gibt, in der Rechtspraxis durchsetzt. Mit anderen Worten: Dass Richter und Staatsanwälte sensibler für das Thema werden – und härter durchgreifen. Seit fünf Jahren existiert der Stalking-Paragraph, der die Nachstellung unter Strafe stellt. Seitdem können Stalker belangt werden, auch wenn sie ihr Opfer nicht körperlich angehen.

Ein Fortschritt, aber einer mit Haken. Bislang muss das Opfer in seiner Lebensführung schwer beeinträchtigt werden – etwa gezwungen sein, in eine andere Stadt zu ziehen – damit der Paragraph überhaupt greift. Viele Opfer wenden sich aber gerade in der Hoffnung an Polizei und Staatsanwaltschaft, dass ihnen geholfen werden kann, ohne dass sie ihr Leben dazu ändern müssen. Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) schlug auf der Innenministerkonferenz im Juni vor, den Paragraphen in diesem Punkt nachzubessern. „Gerade das Opfer, das nach außen hin stark erscheinen will und sein Leben nicht ändert, wird so nicht ausreichend geschützt“, sagte sie unserer Zeitung. Diese „empfindliche Lücke“ müsse geschlossen werden. Diskutiert wird eine Formulierung: Würde man den Gesetzestext in „geeignet, die Lebensführung schwer zu beeinträchtigen“, ändern, wie es Opferverbände fordern, könnten sich Stalking-Opfer juristisch besser wehren.

Auch bei der Deutschen Stalking-Opferhilfe in München kennen sie dieses Problem. „Gerichte und Staatsanwälte tun sich schwer mit einer Verurteilung, weil man seelischen Schmerz oft nicht sieht“, sagt Erika Schindecker, die Vorsitzende des Vereins. Obwohl gerade diese Schmerzen besonders lang andauerten. Schindecker versucht, im Schnitt rund 250 Betroffenen pro Jahr zu helfen. Sie kenne auch Christine D. gut. „Viele Opfer sind eingeschüchtert, nicht so Frau D. Sie ist eine besonders starke Persönlichkeit.“

Seit 2009 hat Christine D. ein gemeinsames Kind mit ihrem Verfolger. Als sie schwanger wird, trennt sie sich von ihm, das Stalking beginnt. Der kleine Bub gibt ihr Kraft, sie will ihn beschützen. Ihre Eltern und ihre Schwester, eine Kripo-Beamtin, unterstützen sie. Christine D. beginnt zu kämpfen – und bald schon nicht mehr nur für ihre Familie allein. Sie gibt bei der Polizei Kurse, „damit die Beamten die andere Seite kennenlernen“. Sie schreibt Briefe an das Bundesjustizministerium, damit der Stalking-Paragraph geändert wird. Als Gewinnerin, sagt sie heute, fühlt sie sich aber nach dem Urteil trotzdem nicht. „Dafür haben wir alle zu viel verloren.“#

Zahlen zu Stalking in Bayern

2007 wurde Stalking strafbar – auf Anfrage unserer Zeitung teilte das bayerische Justizministerium Zahlen über Verurteilungen mit. Prinzipiell gebe es einen klaren Anstieg, die Zahlen für 2011 lägen allerdings noch nicht vor.

2007: 21 Verurteilte (20 Männer)
2008: 79 Verurteilte (67 Männer)
2009: 93 Verurteilte (86 Männer
2010: 55 Verurteilte (44 Männer) In den Zahlen nicht enthalten sind Täter, die neben Stalking noch wegen einer schwereren Straftat, wie etwa einem Mordversuch, verurteilt wurden.

Experten schätzen die Zahl der Stalkingopfer in Deutschland auf 600 000. Die Kriminalstatistik der Polizei für Bayern zählt 2011 1760 Stalking-Fälle auf, 2010 waren es noch 1899. Die Dunkelziffer dürfte allerdings weit größer sein.

von Patrick Wehner

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