Geretsried - Die Münsingerin Brigitte Graf gibt türkischen Frauen ehrenamtlich Deutschunterricht. Doch der Sprachkurs ist weit mehr als ein normaler Unterricht:

„Meine Frauen sind so toll“, schwärmt Brigitte Graf. Seit Anfang November gibt die Münsingern in der türkisch-islamischen Gemeinde in Geretsried Deutschunterricht. Foto: sh
Seit Anfang November gibt die 71-jährige Münsingerin Brigitte Graf in der türkisch-islamischen Gemeinde in Geretsried Deutschunterricht für Frauen. Entstanden ist der Kurs eher aus einem Zufall heraus. Serdal Akkus, deren Mann Vorsitzender der Gemeinde ist, arbeitet im Obst- und Gemüseladen ihres Bruders in Münsing. Dort lernte sie Brigitte Graf kennen. Die beiden Frauen freundeten sich an. Als Serdal Akkus vorsichtig anfragte, ob sie türkischen Frauen die deutsche Sprache beibringen würde, sagte Brigitte Graf sofort zu. „Ich wollte, dass sich die Frauen in ihrer neuen Heimat leichter tun“, sagt die 71-Jährige, die eigentlich gelernte Buchbinderin und Programmiererin ist. „Aber ich hatte immer eine Eins in Deutsch.“
Ihre Schülerinnen stammen alle aus der Türkei. Sie sind zwischen 27 und 45 Jahre alt und haben alle Familie. Weil die meisten zudem berufstätig sind, fehlte ihnen bislang die Zeit, etwa an der Volkshochschule einen Deutschkurs zu belegen. „Einige von ihnen konnten am Anfang kein einziges Wort“, erinnert sich Brigitte Graf an die erste Stunde. Weil sie selbst kein Türkisch kann, ist Serdal Akkus im Unterricht als Übersetzerin mit dabei.
Der Kurs beginnt entspannt mit einer Tasse Kaffee und etwas zum Essen. Diesmal hat eine Teilnehmerin Asure, eine warme Süßspeise, mitgebracht. Später gibt es gefüllte Fladenbrote. Begeistert erzählt Brigitte Graf, welche Köstlichkeiten sie schon probieren durfte. „Das ist nicht nur ein Sprachkurs“, sagt die 71-Jährige. „Hier treffen deutsche und türkische Kultur aufeinander, und das macht es so spannend.“ Und die Frauen können sich miteinander austauschen, wozu sie neben Beruf und Familie sonst eher selten Gelegenheit haben.
Eine halbe Stunde wird in einer Mischung aus Türkisch und Deutsch geplaudert, dann beginnt Brigitte Graf mit dem Unterricht. Statt mit ihren Schülerinnen Grammatik zu pauken, spielt sie mit ihnen Alltagsszenen durch. Das Einkaufen im Supermarkt, der Besuch beim Arzt. „Sie lernen das, was eine Frau braucht, die in einem fremden Land lebt.“
„Meine Frauen sind so toll“, schwärmt Brigitte Graf immer wieder. Als die Münsingern kürzlich Geburtstag hatte und deshalb den Kurs verschieben musste, organisierten die Schülerinnen für sie eine Feier und schenkten ihr einen Blumenstrauß mit lauter Fünf-Euro-Scheinen. „Ich war so beschämt“, erzählt die 71-Jährige. Erst wollte sie das Geschenk nicht annehmen. Doch dann kaufte sie davon Lehrbücher für den Unterricht. Ihren Kurs bietet sie kostenlos an, auch für Frauen, die nicht Mitglied in der türkisch-islamischen Gemeinde sind. „Ich kann doch nicht für etwas Geld verlangen, was mir selbst so viel Freude macht.“
(sas)
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