Gräfelfing - Im Würmtal gibt es einen Mann, der Joachim Gauck (72) aus früher Jugend kennt: Gräfelfings Bürgerhaus-Chef Jan Konarski gehörte in der DDR zu Pastor Gaucks Junger Gemeinde.

Joachim Gauck in Gräfelfing: Im März 2009 begrüßen Jan Konarski (li.) und Bürgermeister Christoph Göbel (re.) Gastredner Gauck bei der Ausstellungseröffnung der von Konarski organisierten Thementage „Freiheit“ im Bürgerhaus. a-f: rutt
Was sagen Sie dazu, dass Joachim Gauck wohl Deutschlands nächster Bundespräsident sein wird? Ist das eine gute Wahl?
Jan Konarski: Ich habe mir das schon vor zwei Jahren gewünscht. Er ist der richtige Mann zur richtigen Zeit.
Wo und wann haben Sie Joachim Gauck kennen gelernt?
Ich war 14, als ich in meiner Heimatstadt Rostock-Evers-hagen zu Pfarrer Joachim Gauck in die Junge Gemeinde ging. Er war der Pastor in unserem Plattenbau-Viertel und hat sich sehr um uns gekümmert. Die Gemeinde war seine Familie, und in jeder Familie war er eine Art Mitglied. Meine Mutter hat ihm in unserer Küche die Haare geschnitten, und er kam oft zum Kaffee. Mit Joachim Gaucks grasgrünem Trabbi habe ich meine ersten Fahrversuche gemacht. Mit 18 Jahren hat Joachim Gauck mich in der Thomas-Morus-Kirche getauft, und das Wasser lief mir hinter der Brille herunter.
Wie politisiert war die Junge Gemeinde? Gab es Repressalien für Gauck oder die Jugendlichen?
Joachim Gauck musste uns nicht politisieren; das waren wir ohnehin. Die Kirche war eine Art Sammelbecken für solche Jugendliche. Wir wussten, dass er unter Beobachtung stand und dass auch in der Jungen Gemeinde Informanten saßen. Für mich und einige andere war klar, dass wir nicht in der DDR alt werden wollten.
Was für ein Mensch ist Joachim Gauck?
Wann haben Sie Gauck wiedergesehen?
Nach der Wende, bei einem Besuch in Rostock, habe ich ihn getroffen. Er war zu der Zeit schon Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin, bei der ich als 56. Rostocker Akteneinsicht beantragt habe. Wir hatten sofort wieder den Draht zueinander; die gemeinsame Basis und gegenseitige Sympathie sind bis heute geblieben. Das habe ich zuletzt bei seinem Besuch im Dezember 2011 im Gräfelfinger Bürgerhaus wohltuend erlebt. Er hat sich überhaupt nicht verändert.
Was halten Sie von der Kritik der Linken, die Joachim Gauck gerne als Wessi- und Kapitalismusfreund anfeindet?
Wir alle kennen den wahren Grund für diese Vorwürfe: Dass er ein Kirchenmann war, ein Bürgerrechtler und zehn Jahre Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde. Das ist das Problem, das sie mit ihm haben. Was hat er denn Falsches gemacht? Es ist nicht verboten, die Freiheit zu umarmen, Bücher zu schreiben und Vorträge zu halten.
Wird Joachim Gauck dem Amt des Bundespräsidenten besser gerecht werden als seine beiden Vorgänger?
Er wird jedenfalls ein anderer Bundespräsident sein - auch emotionaler. Ihm ist wichtig, dass die Menschen sich gegenüber der Politik und vor allem gegenüber ihrem Land wieder öffnen und auch fragen, was sie beitragen können. Dazu wird er sie zu motivieren suchen. Und ich weiß, dass er das kann. Ich bin hoffnungsfroh, dass er es nicht bei einer Neujahrsrede belässt.
Ist schon eine vierte Veranstaltung mit Joachim Gauck im Gräfelfinger Bürgerhaus geplant?
Ich schätze, dass wir erst mal fünf Jahre ins Land gehen lassen. Gräfelfing hat ja ohnehin schon eine besondere Beziehung zu Joachim Gauck, mit drei Besuchen in relativ wenigen Jahren.
Und wie sieht es mit einem Besuch von Jan Konarski im Schloss Bellevue aus?
Also er hat meine Telefonnummer. Wenn eines Tages eine Einladung kommt, freue ich mich von Herzen und werde sie wahrnehmen.
Interview: Martin Schullerus
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