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Vom Ironman zum Pflegefall und zurück

Vom Ironman zum Pflegefall und zurück

Gräfelfing - Einer unter 100000 Menschen erkrankt im Jahr am Guillain-Barré- Syndrom (GBS). „Eine Krankheit so selten wie ein Lottogewinn“, sagt Oliver Brendel. Der 41-jährige Gräfelfinger Ironman wird im Frühjahr 2007 von GBS heimgesucht. Seine Nervenbahnen entzünden sich, Befehle werden nicht weitergeleitet, immer mehr Bereiche des Körpers werden gelähmt. Während andere Jahre brauchen, um gesund zu werden, lernt Brendel innerhalb von zwei Monaten wieder laufen und absolviert 16 Monate später seinen dritten Ironman. In Bestzeit. Über die Krankheit und die Zeit danach hat er nun ein E-Book veröffentlicht: „Ich bin dann mal gelähmt - Vom Ironman zum Pflegefall und zurück.“

Oliver Brendel trainiert im Paul-Diehl-Park. Er betreibt weiter Wettkampfsport. Ein Ironman stand seit 2008 nicht mehr auf dem Programm, dafür ein Marathon in Athen. foto: dagmar rutt

Oliver Brendel trainiert im Paul-Diehl-Park. Er betreibt weiter Wettkampfsport. Ein Ironman stand seit 2008 nicht mehr auf dem Programm, dafür ein Marathon in Athen. foto: dagmar rutt

-Krank waren Sie 2007, 2008 haben Sie am Ironman Austria teilgenommen. Erschienen ist das E-Book im Dezember 2011. Wann haben Sie das Manuskript geschrieben?

Brendel: In den Weihnachtsferien 2010. Da hatte meine Frau eine schlimme Grippe und war zwei Wochen im Bett. Ich hatte dann viel Zeit. Ich wollte das immer niederschreiben. Ich erzähle die Geschichte so oft, und jeder findet sie auf jeden Fall hörenswert.

-Sie schreiben an einer Stelle: „Wenn es nur einem einzigen Leidensgenossen Mut macht, war es das schon wert.“ War das Ihre Intention, es zu veröffentlichen?

Das war die Hauptmotivation. Ich wollte einen positiven Heilungsverlauf öffentlich machen. Man findet im Internet nur niederschmetternde Geschichten. Aber eigentlich habe ich es für meine Kinder geschrieben. Damit sie das lesen können, wenn sie groß sind.

-Der Titel „Ich bin dann mal gelähmt“ erinnert an Hape Kerkelings 2006 erschienenes Buch „Ich bin dann mal weg“ über seine Pilgerreise nach Santiago di Compostela. Es war mit 4 Millionen Auflage das erfolgreichste Sachbuch seit 60 Jahren. Streben Sie Ähnliches an?

(lacht) Natürlich. Das würde ich gerne. Aber beim E-Book ist es so, dass man schon unter die ersten 2000 bei Amazon kommt, wenn man davon 50 verkauft. Das ist ein sehr brotloses Geschäft, an dem niemand verdient, weder der Verlag noch ich noch Amazon. Das Schöne an diesen E-Books ist, dass man leichter verlegt wird. Und ohne Witz, es soll ein Hörbuch geben. Droemer Knaur und Sony sind in Verhandlungen.

-Warum die Anlehnung an Hape Kerkeling?

Das ist nicht so wahnsinnig originell. Ich bin auch nicht der Allererste, der darauf gekommen ist. Ich habe mir ein bisschen Strahlkraft davon versprochen.

-Ich dachte, Sie sehen Parallelen zwischen der Pilgerreise, die Zeit der inneren Einkehr ist, und Ihrer Krankheit.

So weit habe ich gar nicht gedacht. Aber jetzt, wo Sie’s sagen, ist das kein so schlechtes Bild.

-Sie haben sicher während Ihrer Krankheit etwas über sich gelernt.

Definitiv. Ich bin seit der Krankheit völlig angstfrei. Das geht schon fast ins Manische. Ich erlebe viele Situationen, die tragisch sind, die Angst einflößen. Ich weigere mich bis zur letzten Sekunde, das anzuerkennen. Ich bin immer der, der sagt, alles wird gut. Diese Krankheit hat auch dazu geführt, dass ich den Job gewechselt habe. Es war ein sehr verlockendes Angebot, aber es war trotzdem auch ein Risiko, 13 Jahre Betriebszugehörigkeit bei ProSieben aufzugeben. Das hätte ich mich nie getraut.

-Das Konzept des Buches sieht Einblendungen Ihrer Frau vor. Wie kam es dazu?

Das habe ich mir relativ früh gedacht. Ich habe die Biographie von Keith Richards gelesen. Der baut an ganz vielen Stellen Zeitzeugen ein. Das fand ich schön. Meine Frau ist auch Journalistin und hat schon als Drehbuchautorin gearbeitet. Ich wollte eigentlich noch viel mehr einbauen. Meine Schwiegermutter, meinen Schwager, aber die waren nicht zu aktivieren.

-In den Passagen Ihrer Frau werden mehrfach Existenzängste themati-siert. Haben Sie das, als Sie krank waren, mitbekommen?

Sie hat mich das nicht so spüren lassen. Sie hat versucht, immer positiv zu sein und mich aufzumuntern. Ich selber hatte diese existenziellen Ängste nur in der Anfangsphase.

-Ihre Frau beschreibt Sie auch als sehr optimistisch.

Ich war zehn Wochen krank geschrieben. So richtig furchtbar und niederschmetternd waren nur die ersten zwei Wochen. Danach war das eigentlich trotz allem eine total positive Zeit. Die Lähmung nimmt immer mehr zu, man verliert immer mehr Körperfunktionen, und man weiß, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem es besser wird. Ab diesem Punkt hat man im Endeffekt jeden Tag ein neues Erfolgserlebnis. Weil du dir immer mehr Fähigkeiten zurückeroberst. Wenn du zum ersten Mal wieder alleine aufs Klo gehen kannst und nicht mehr im Bett ein entwürdigendes Spektakel veranstalten musst, womöglich mit fünf Besuchern im Raum. Das kann man gar nicht erklären. Das ist wie ein Ironman-Finish. Man freut sich so.

-Waren die Passagen Ihrer Frau neu für Sie?

Wir haben das natürlich besprochen, aber es dann zu lesen, ist etwas anderes. Ich war schon ein bisschen überrascht.

-In Ihrem Buch scheuen Sie sich nicht vor starken Ausdrücken: Schwester Rabiata, Kampfschweinchen, Henkersmagd Anna sind alles Ausdrücke für Pflegepersonal. Die Sorge, politisch korrekt zu erscheinen, hat Sie während des Schreibens nicht umgetrieben.

(lacht) Nein, das kam mir jetzt erst viel später. Jetzt, wo es öffentlich und für jeden zu lesen ist, denke ich mir öfter, dass es vielleicht ein bisschen heftig ist. Das ist auch einer Tatsache geschuldet, die zu meiner Persönlichkeit gehört. Ich bin immer der Klassenclown gewesen. Ich habe mich immer extrem der Unterhaltung verpflichtet gefühlt. Deswegen ist es nur logisch, dass ich in der Unterhaltungsbranche arbeite. Auch während meiner Krankheit, selbst wenn ich zu 99 Prozent am Ende gewesen bin und nur geweint habe, habe ich immer noch die komödiantische Seite des Ganzen gesehen.

-Der zweite Teil ist übertitelt: „Vom Rollstuhl ins Rampenlicht“. Würden Sie noch einmal als so genannte Schicksalsgeschichte in eine Talkshow gehen?

Diese Talkshow war ein spezielles Erlebnis. Ich würde es jederzeit wieder machen. Ich weiß, wie furchtbar man sich fühlt, wenn man diese Krankheit hat. Wie schlecht sich auch die Angehörigen fühlen, weil die Zukunft völlig ungewiss ist. Wenn ich da irgendjemanden im Fernsehen sehe, der wieder völlig gesund ist und dem Ganzen etwas Positives abgewinnen kann, dann muss das toll wirken. Ich hätte mir so etwas gewünscht.

-Aber Sie sind nicht Mitglieder einer Selbsthilfegruppe?

Ich kenne in Deutschland zwei Selbsthilfegruppen. Wir haben uns da auch gleich angemeldet, als diese Krankheit diagnostiziert war. Ich wollte relativ schnell nichts mehr damit zu tun haben, weil auch da nur furchtbare Schicksale sind. Das war während der Krankheit. Jetzt denke ich anders darüber und ich bin auch mit denen in Kontakt.

-Sie sparen nichts aus, weder Urinflasche noch Kotstein. Sie verzichten auf die Wahrung Ihrer Intimsphäre.

Ja, auch das ist nichts Ungewöhnliches für mich. Ich merke immer wieder, dass mir viel weniger peinlich ist als anderen Menschen. Das berührt andere Menschen oft negativ. Das wird es mit Sicherheit auch in diesem Buch tun. Aber das ist authentisch. Ich scheiß mir da nichts, wie wir in Bayern sagen.

-Am 13. Juli 2008, 16 Monate nach Ausbruch des Guillain-Barré-Syndroms, nehmen Sie am Ironman Austria teil. Sie umschreiben es als „den letztes Teil meines Lebens zurückholen“. War der Wettkampf wichtig für Sie, um mit GBS abschließen zu können?

Definitiv. Ein Teil von mir war sauwütend, was mir diese Krankheit aus heiterem Himmel alles genommen hat. Schlussendlich ging es sehr glimpflich aus. Sie hat mich nicht so viel Zeit meines Lebens gekostet, und es ist nichts zurückgeblieben. Aber sie hat mir definitiv meinen dritten Ironman genommen. 2008 hatte ich alles wieder, meinen Job, alle meine Fähigkeiten, aber ich hatte nicht meinen dritten Ironman. Dann habe ich ihn mir geholt.

-Glauben Sie, dass Sie ohne die Krankheit und das Team der österreichischen Triathlon-Zeitschrift Trilife, in dem Amateursportler intensiv vorbereitet und bestens ausgerüstet wurden, Ihre Zeit von 11:25 Stunden auch geschafft hätten?

Im Leben nicht. Ich wäre ohne Krankheit nicht ins Team gekommen und ohne dieses Team hätte ich das nicht geschafft. Wir haben Material im Wert von 15 000 Euro bekommen.

-Gegen Ende des Buches nennen Sie als nächstes sportliches Ziel, mit 70 den Ironman in Hawaii mitzumachen. Warum erst mit 70?

Für einen Ironman muss man sich qualifizieren. In Hawaii starten immer so 1600 Teilnehmer, die besten Athleten in ihrer jeweiligen Altersklasse. Das sind ganz, ganz viele Amateure. Meine Chance, mich zu qualifizieren, ist in der Altersklasse 70 halbwegs realistisch. In der Altersklasse, in der ich jetzt bin, M40, sind so unfassbar Gute. Das habe ich nicht drauf. Auch nicht mit dem Zeitbudget, das ich habe. Mit 70 ist das anders. Da muss man dann eigentlich nur ins Ziel kommen, um sich zu qualifizieren.

-Wachen Sie ab und zu morgens auf und überlegen, ob irgendwo eine taube Stelle sein könnte?

Niemals, nie.

Interview: Nicole Kalenda

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