Grafing - Für Renate Schaumberg (71), Kreisvorsitzende der Senioren Union, wird die Luft dünn: Bei einem Fest ihres Verbands wurde „Die Auschwitz-Lüge“, das Werk des bekennenden Holoaust-Leugners Thies Christophersen, verkauft.

Renate Schaumberg, Kreisvorsitzende der Senioren Union, leitete viele Jahre die Grafinger Bücherei. Jetzt bringt sie ein Buch in Bedrängnis. Foto: Stefan Rossmann
Es war der 6. August 2011. Die Senioren Union (SEN) hatte zum Sommerfest geladen. Neben Häppchen und Erfrischungsgetränken wurde auch geistige Nahrung gereicht. Ein Bücherflohmarkt erfreute sich lebhaften Interesses. Allerdings wunderten sich einige Festgäste über die „Literatur“-Auswahl. Denn neben Reiseführern und Romanen lag auch viel „Wehrmachtszeug“ auf dem Büchertisch. Und eben die indizierte Broschüre „Die Auschwitz-Lüge“ von Thies Christophersen. Ein fassungsloser Gast kaufte das rechtsextremistische Machwerk, in dem der Holocaust geleugnet wird. Gegenüber der EZ sagte der Mann: „Dass unter dem Dach der Senioren Union so ein Buch verkauft wird, ist ungeheuerlich. Die politische Verantwortung dafür trägt alleine die Vorsitzende Renate Schaumberg. Einziger Verkäufer an dem Stand war Helmut Schaumberg.“ Helmut Schaumberg ist der Mann der SEN-Kreisvorsitzenden.
Die Grafinger CSU hat kurze Zeit nachdem ihr der Buchverkauf bekannt geworden war, reagiert. Ortsvorsitzender Josef Carpus bat Schaumberg eigenen Angaben zufolge mehrfach um Stellungnahme - per E-Mail. Am 17. Januar führte die Vorstandschaft der CSU Grafing einen Beschluss herbei, in dem es u.a. wörtlich heißt: „Der Vorstand wendet sich massiv und eindeutig gegen die Weitergabe derartiger, die Opfer nationalsozialistischer Verbrechen missachtender Schriften und der Holocaust-Verleugnung. Die Weitergabe verstößt auch gegen die Grundsätze und Ziele der CSU. Von der Kreisvorsitzenden der Senioren Union Ebersberg, Frau Renate Schaumberg, war bisher keine, die Angelegenheit entkräftende Stellungnahme zu erhalten. Wird diese weiter verweigert, sollten - um Schäden von der CSU abzuwenden - satzungsgemäße Ordnungsmaßnahmen geprüft und eingeleitet werden.“
In einer offiziellen Erklärung Schaumbergs vom 16. Dezember, die sie der EZ am Freitag zur Verfügung stellte und die der Grafinger CSU im Dezember per Einschreiben zuging, schließt die langjährige Leiterin der Grafinger Bücherei einen Verkauf der Broschüre nicht aus. Aber: Ihr und den befragten Teilnehmern des Sommerfestes sei „kein Buch mit rechtsradikalem Inhalt“ aufgefallen. Persönlich und auch im Namen der Senioren Union „distanziere ich mich ausdrücklich von solchem Gedankengut“.
CSU-Kreisvorsitzende Angelika Niebler reagierte entsetzt auf die Vorgänge. Sie sagte: „Sollte der Vorwurf zutreffend sein, ist dies ein ungeheuerlicher Vorgang, der sowohl strafrechtlich als auch politisch sanktioniert werden muss.“
Auf Anfrage der EZ sagte Renate Schaumberg, die in Reaktion auf die Vorwürfe von einer „Schlammschlacht“ spricht: „Ich habe diese Bücher nicht gesehen.“ Ihr Mann, Helmut Schaumberg, der bei dem Sommerfest mit dem Bücherverkauf beschäftigt war, meinte: „Da hat einer eine Bücherkiste hingestellt. Diese Bücher habe ich nicht kontrolliert.“ Er dreht den Spieß um und stellt die Frage in den Raum, warum die Person, der das Buch aufgefallen ist, ihn nicht sofort darauf aufmerksam gemacht habe.
Die lange Zeitspanne zwischen Buch-Kauf und dessen Bekanntmachen begründet der Käufer mit einer Presseerklärung des CSU-Bundestagsabgeordneten Max Lehmer nach der spontanen Demonstration der Grafinger Gymnasiasten gegen Rechts („Die war der Auslöser“). Darin hatte sich Lehmer Ende November als Wahlkreisabgeordneter für massives Einschreiten gegen rechtsradikale Tendenzen ausgesprochen.
Grafings Bürgermeister Rudolf Heiler (FW) will trotz der Vorwürfe an seiner ehrenamtlichen Mitarbeiterin Renate Schaumberg festhalten, die die örtliche „Aktiv-Agentur“ leitet. „Ich habe zu Frau Schaumberg außerordentliches Vertrauen und halte diese Vorwürfe für absurd.“
Michael Acker und Michael Seeholzer
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