München - Im Mord-Prozess um die getöteten Schwestern Sharon und Chiara aus Krailling hat am Montag die Mutter, Anette S., ausgesagt. Wie schwer ihr das gefallen ist, schildert ihre Anwältin:

Chiara und Sharon wurden ermordet.
Anette S. hat am 24. März ihre Töchter verloren. Sie hat sie tot aufgefunden, in ihrer Wohnung. Sharon, 11, und Chiara, 8, wurden ermordet – vom eigenen Onkel. Das glaubt die Staatsanwaltschaft.
Der Doppelmord von Krailling ist eines der grausamsten Verbrechen überhaupt: Thomas S., 51, soll mitten in der Nacht zu Anette S. gefahren sein, soll sich in die Wohnung geschlichen haben, soll dort seine Nichten niedergemetzelt haben. Angeblich wollte er auch seine Schwägerin umbringen – damit er an ihr Erbe kommt; Anette S. ist die Schwester von Ursula S.: von der Frau des Verdächtigen.
Laut Anklageschrift ging der Plan schief, weil Anette S. in jener Nacht sehr spät nach Hause kam – erst gegen halb fünf in der Früh. Da war Thomas S. längst weg: aus Angst, entdeckt zu werden, so schreibt es die Staatsanwaltschaft.
Als Anette S. zusammen mit ihrem Lebensgefährten, Klaus P., 53, endlich daheim ist, fällt ihr sofort eine Terpentindose auf. „Was macht die denn da?“, fragt sie. Danach entdeckt sie eine Hantelstange in der Küche – sie liegt im Waschbecken. In der Nähe: „saubere Messer, ordentlich nebeneinander“, sagt Klaus P. aus; seinen Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit hat das Gericht abgelehnt. Eines der Messer ist verbogen. Sekunden vergehen, dann hört Klaus P. Anette S. schreien.
Unten, in Chiaras Kinderzimmer, entdeckt Klaus P. Sharon. „Sie lag wie aufgebahrt auf dem Rücken.“ Er streichelt sie sanft an der linken Wange. Er weiß, spürt: Beide Kinder sind tot. Dass sie noch leben könnten – „für mich stand das nicht zur Debatte“.
Anette S. glaubt offenbar zunächst, dass Chiara noch lebt – dass ihre Jüngere dieses Massaker überleben könnte. Sie läuft zwischen den beiden Zimmern hin und her, Treppe rauf, Treppe runter. Minuten später trifft die Polizei ein. Klaus P. hat die Beamten in Krailling erreicht.
In Wirklichkeit ist Anette S. hochtraumatisiert. Psychologe Lauber spricht von einem „dramatischen Ausmaß“. Er warnt vor einer „massiven Stresssituation“, sogar einer „hohen Gefahr der Retraumatisierung“, sollte Anette S. bei der Vernehmung dem Angeklagten im Gerichtssaal begegnen müssen. Thomas S. wird in ein Nebenzimmer gebracht, um von dort aus – per Audioschaltung – die Aussagen seiner Schwägerin verfolgen zu können. Auch bei der Vernehmung des Lebensgefährten von Anette S. muss er den Saal verlassen.
Das Zwischenfazit von Oberstaatsanwältin Titz fällt am Montagnachmittag kurz und deutlich aus: „Es hat sich nichts Überraschendes ergeben.“ Das Motiv des Doppelmordes sei Habgier.
Anette S. sagt aus, dass sie ein „distanziertes“ Verhältnis zu ihrer Schwester hatte, dass sie jedoch die Finanznöte kannte. Ihren Schwager, Thomas S., soll sie kurz vor dem grausamen Tod ihrer beiden Töchter in Starnberg getroffen haben – davor sei er „mehrere Jahre nicht in meiner Wohnung gewesen“.
Bei dem Treffen ging es um Geld; Thomas S. soll darauf gedrängt haben, dass Anette S. ihre Schwester auszahlt – die beiden Schwestern hatten gemeinsam eine Wohnung im Wert von rund 100 000 Euro geerbt. Offenbar hatte man sich darauf geeinigt, dass Anette S. 40 000 Euro bezahlt. Allerdings soll sich Anette S. Zeit gelassen haben, wollte wohl noch einmal mit ihrer Bank sprechen. Thomas S., so wird vermutet, ging das nicht schnell genug – er war pleite, sein Haus sollte zwangsversteigert werden. „Heimtückisch und aus Habgier“ habe er deshalb getötet, heißt es in der Anklage.
Angela Walser und Barbara Nazarewska
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