Bad Tölz - An Leonhardi ist Tölz ganz bei sich selbst: Traditionsbewusst, gläubig, voller Gemeinschaftssinn, lebensfroh und auch ein bisschen wild. Bei der 154. Wallfahrt zu Ehren des Schutzpatrons der Tiere war am Freitag von allem etwas dabei.

Videobeschreibung (+Laufzeit oder Datum siehe Original).
Keine Zwischenfälle bei geschätzten 20 000 Besuchern: Die polizeiliche Bilanz der 154. Tölzer Leonhardifahrt fällt rundweg positiv aus. Für den perfekten Festtag fehlte eigentlich nur der strahlende Sonnenschein – aber immerhin blieb es trocken: „Na gut, es war schon recht“, resümierte Bürgermeister Josef Janker beim Empfang für die Ehrengäste im Pfarrheim Franzmühle.
Viel Zeit haben die Wallfahrer auch in den Schmuck der Truhen und Kasten investiert. „Das Hinbinden an den Wagen war an drei, vier Abenden geschehen“, sagt die Bad Heilbrunnerin Martha Kolb. „Aber vorher waren wir stundenlang am Berg unterwegs, um die Granten und das Moos zu holen“ – und ihre Mitwallfahrerin Brigitte Pföderl zeigt dazu ihre zerkratzten Hände.
Die verheirateten Frauen tragen den charakteristischen schwarzen Schalk mit Garnier, der aufwändigen Verzierung um den Ausschnitt. Auf anderen Wagen nehmen die ledigen Jungfrauen im Mieder Platz. „Das ganze Gwand hab ich von meiner Oma“, sagt die Kochlerin Maria Loipolder.
Andacht herrscht auf dem Weg den Kalvarienberg hinauf. Die Zuschauerinnen Maria Rosa Cranchi und Cristina Orsucci, die aus der Partnerstadt San Giuliano Terme angereist sind, bewundern „l’ordine“ und „la serietà“ der Wallfahrt: die Ordnung und Ernsthaftigkeit.
Stadtpfarrer Rupert Frania bittet in seiner Festpedigt Gott um „Freiheit von allen Dämonen“. Einer davon sei die Gier der Menschen, die beim Lebensmittelkauf „glauben, das Billigste sei gerade gut genug“. Die Milchbäuerin Martha Kolb weiß, was gemeint ist: „In diesen Zeiten haben wir wirklich genug Grund zum Beten.“
Nebenan auf der Wiese, wo die Wagen stehen, schenken die Wallfahrerinnen derweil Schnaps an ihre Bekannten aus. Statt die benutzten Gläser wie sonst abzuwischen und dem Nächsten anzubieten, verwenden übrigens viele diesmal Einwegbecher aus Plastik – ein Tribut an die Schweinegrippe.
„Fast jeder ist da, man trifft brutal viele Leute“, freut sich der 16-jährige Andreas Schnitzer aus Gaißach. „Das Schönste an Leonhardi ist, wieder heimzukommen und alle Leute wiederzusehen“, schwärmt Peter Mair, der seit Kurzem in Bayreuth studiert.
Auf dem Rückweg vom Berg ist die Stimmung schon nicht mehr so ehrfürchtig wie am Morgen. Und der abschließende rasante Ritt die obere Marktstraße hinauf – für die Zuschauer ein Höhepunkt – deutet es schon an: An jetzt wird Leonhardi zügelloser. (Andreas Steppan)
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