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Interview mit Wilfried Fesselmann, Missbrauchsopfer aus Bad Tölz

„Ich weiß jetzt, ich bin nicht der Einzige“

3729.04.10|Region Bad Tölz|Region Bad Tölz|11
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Artikel: „Ich weiß jetzt, ich bin nicht der Einzige“

Bad Tölz - Wilfried Fesselmann (41) wurde als elfjähriger Bub vom Seelsorger H. missbraucht. Im Interview mit dem Tölzer Kurier berichtet er über das traumatische Erlebnis und die Folgen.

Wilfried Fesselmann Opfer von Pfarrer H.

Der Fall stürzte die katholische Kirche in die Krise - und in Bad Tölz löste er eine beispiellose Erschütterung aus. Vor einigen Wochen wurde bekannt, dass der hiesige Kur- und Tourismuspfarrer H. in der Vergangenheit Kinder sexuell missbraucht hatte. Eines der Opfer war 1979 der damals elfjährige Wilfried Fesselmann. Er machte den Skandal nun 30 Jahre nach der Tat publik. Im Interview mit dem Tölzer Kurier spricht er über seine traumatische Erfahrung, die weit reichenden Folgen für sein Leben und erklärt, warum er an die Öffentlichkeit ging.

Herr Fesselmann, weltweit haben Sie mit Ihren Enthüllungen über den Priester H. ein großes Medienecho ausgelöst. Einen besonderen Schock haben Sie den Tölzern versetzt, für die es schwer zu begreifen war, dass der beliebte Geistliche ein vorbestrafter Pädophiler ist. Können Sie die Gefühle der Tölzer verstehen?

Ich kann die Reaktion vollkommen verstehen. Denn als ich Herrn H. kennenlernte, war er genauso beliebt. Als er 1978 in die Gemeinde St. Andreas in Essen kam, war ich Messdiener. Er hatte zu jedem ein sehr gutes Verhältnis, man konnte mit ihm über alles reden. Er ist geradezu als Berühmtheit gefeiert worden, die Menschen sind bei ihm gerne in die Kirche gegangen. Vorher waren die Messen immer so steif. Er hat alles ganz locker gemacht und neue Lieder ausgewählt. Die Menschen waren begeistert von ihm.

Aber Sie haben eine andere Seite an ihm kennengelernt.

Ja, leider. Es passierte nach einem Sommerferienlager in der Eifel. Aus heutiger Sicht hat er mich wohl dort schon als Opfer ausgesucht. Ich denke, die Wahl fiel auf mich als Kind aus einer streng katholischen Familie, wo mit wenig Widerstand zu rechnen war. Nach den Ferien hat er meine Eltern angerufen und gesagt: „Wer im Ferienlager besonders brav war, darf einmal bei mir übernachten.“ Ich selbst hatte dazu gar keine Lust, aber meine Eltern fanden das toll, nach dem Motto: „Du bist ausgewählt worden.“ Als ich bei ihm war, hat er sich von einem Moment auf den anderen völlig gewandelt und einen Befehlston angeschlagen. Er hat mir Alkohol gegeben - ich denke, es war Bacardi mit Cola - und mich missbraucht.

Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie davon erzählten?

Meine Eltern haben mir nicht geglaubt. Sie haben gesagt: „Das kann nicht sein. Der war doch immer so nett. Das hast du bestimmt nur geträumt.“

Nachdem Sie sich einem Freund anvertraut hatten, meldeten dessen Eltern den Fall aber dem Bistum, und H. wurde daraufhin nach München zur Therapie geschickt.

Alles, was mir gesagt wurde, war, dass er nach München gegangen ist - mehr wusste ich nicht. Im Ort wurde mir vorgeworfen, ich sei schuld, dass der nette Pfarrer weg musste. Andere Jungen haben mich deswegen zusammengetreten und mir mit einer Karnevalspistole ins Ohr geschossen. Ein Dreivierteljahr habe ich mich völlig zurückgezogen. In die Schule musste ich ja, aber nachmittags habe ich mich nicht mehr aus dem Haus getraut.

Waren Sie jetzt, als Sie 30 Jahre später den Fall öffentlich machten, wieder mit Vorwürfen konfrontiert? Etwa, dass Sie sich profilieren wollten oder Profit aus der Sache schlagen?

Nein. Alle, mit denen ich gesprochen habe, fanden es gut.

Was war Ihre Motivation, an die Öffentlichkeit zu gehen?

Mein Anliegen war, endlich die richtige Bestätigung zu bekommen, dass es wirklich so gewesen ist. Und wenn Medien recherchieren, kommt ja meist auch noch einiges raus. Inzwischen hat das Bistum Essen bestätigt, dass es in Essen noch vier weitere Opfer gab und zwei in Bottrop in der Gemeinde St. Cyriakus, wo H. davor seit 1975 eingesetzt war. Ich weiß jetzt, dass ich nicht der Einzige bin.

Wie schwer ist es, darüber zu reden?

Inzwischen fällt es mir leicht, weil ich die Geschichte schon 20 Mal erzählt habe. Davor habe ich mich 30 Jahre nicht getraut, darüber zu sprechen. Meine Frau wusste es, aber nicht so richtig. Ich fühle mich heute erleichtert.

Beschäftigt es Sie, welche Auswirkungen Ihre Offenbarung auf Pfarrer H. hatte? Es heißt, er traue sich nicht mehr auf die Straße.

Ich kann mir vorstellen, dass es schwer für ihn ist, und könnte verstehen, wenn er knatschig auf mich ist. Aber mir ist es damals auch so gegangen, dass ich mich nicht mehr aus dem Haus getraut habe. Mein Freundeskreis war am Ende.

Viele Menschen in Bad Tölz haben Solidarität mit H. gezeigt und argumentiert, er habe seine Strafe ja bereits verbüßt.

Für den Missbrauch an mir wurde er nie bestraft. Zurzeit wird diskutiert, ob die Verjährungsfrist erhöht wird. Manchmal dauert es 20 bis 25 Jahre, bis ein Missbrauch bekannt wird - das sieht man ja an meinem Fall. Persönlich habe ich aber kein Interesse, ihn jetzt noch zu verklagen.

Katholiken haben auch für das christliche Prinzip des Verzeihens plädiert. Können Sie H. verzeihen?

Das ist schwer zu sagen.

Hat er Sie je um Verzeihung gebeten?

Nein. Es gab nie wieder Kontakt. 2006 habe ich ihm eine E-Mail geschrieben und gefragt, ob er kein schlechtes Gewissen hat. Es kam keine Antwort. Zwei Jahre später schrieb ich noch einmal. Da antwortete mir Siegfried Kneissel, der Missbrauchsbeauftragte der Erzdiözese München. Kurz darauf standen sieben Polizisten vor meiner Tür, zwei waren sogar aus Bayern angereist - das muss man sich mal vorstellen. Sie wollten überprüfen, ob ich die E-Mail abgeschickt hatte. Ich war wegen Erpressung angeklagt. Das war totaler Schwachsinn. Ich hatte zwar in der E-Mail gefragt, wie es mit einer Entschädigung aussieht, aber ich habe niemanden erpresst. Ich sollte eingeschüchtert werden. Ein Polizist hat mir Vorwürfe gemacht, dass Herr H. jetzt total an der Wand steht und seinen Job nicht mehr ausüben kann. Als ich vor Gericht freigesprochen wurde, hieß es, es sei gut für mich gewesen, dass ich nicht die Medien eingeschaltet habe.

Wie stehen Sie heute zu Herrn H.?

Ich weiß nicht. Vorwürfe mache ich hauptsächlich der Kirche. Wenn jemand irgendwo etwas klaut, steht das in seinem Führungszeugnis und er kann sich auf keinen verantwortungsvollen Job mehr bewerben. Bei der Kirche ist das anders, darüber bin ich so sauer. Es war ja vor meiner Geschichte schon einmal so. Nach Missbrauchsfällen in Bottrop wurde H. 1978 nach Essen versetzt. Wäre er sofort suspendiert worden, wäre mir das nicht passiert.

Was erwarten Sie jetzt von der Kirche?

In den nächsten Wochen habe ich ein Gespräch beim Bistum Essen. Das kam allerdings erst zustande, nachdem ich dort angefragt hatte. Es war schon komisch. Vom polnischen Fernsehen bis zur BBC - alle haben sich bei mir gemeldet, nur die Kirche nicht. Jetzt werde ich mir erstmal anhören, was sie mir zu sagen haben.

Verlangen Sie denn noch eine finanzielle Entschädigung?

Ja. Wegen der traumatischen Erfahrung habe ich viele Jahre unter Panikattacken gelitten und konnte nicht Auto fahren. Deswegen habe ich meinen Job verloren. Seit acht Jahren lebe ich von Hartz IV. Ich komme damit klar, aber es ist nicht das Ideal für mein Leben. Wenn mir die Kirche eine Entschädigung zahlen würde, könnte ich mich gemeinsam mit meiner Frau selbstständig machen, mit einer Malschule.

(Das Gespräch führte Andreas Steppan)

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