Jachenau - Jedes Jahr verschwindet die Sonne auf dem Lainer Hof in der Jachenau hinter den Bergen – für zwei Monate. Und dann plötzliche taucht sie wieder auf. Jahrtausende geht das schon so. Nur heuer ist es anders.

© Heinz Rösler
Jakob Gerg steht vorm Lainer Hof: Endlich scheint die Sonne wieder auf seinen Grund. Ein wenig zumindest.
Tagelang war sie überfällig. Da, hinterm Wilfetsberg, hinterm Nebel, hinter den ganzen Wolken, da hat’s gsteckt, die Sonne, des Luader. Vorkommen wollte sie nicht. Bis gestern. Da war es dann soweit, auf dem Lainer Hof in der Jachenau (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen). Nach zwei Monaten Finsternis schien dort zum ersten Mal wieder die Sonne. „Das ist, wie wenn Du in einen Blitz reinschaust. Eine Erleuchtung im wahrsten Sinne des Wortes“, sagt Jakob Gerg, der alte Bauer vom Lainer Hof.
Jakob Gerg, 71 Jahre alt, sorgte früher für die Kühe und heute für seine Enkel. Gerade steht er in seiner grünen Strickweste vor seinem Haus und schaufelt den Schnee weg. „Das ist gut für’s Gemüt“, sagt er, „wenn man was zu tun hat, dann wird man auch nicht schwermütig.“ So einfach ist das, da braucht’s trotz der 61 Tage Dunkelheit keinen Psychologen. Sein Hof ist einer von mehreren Schattenhöfen in der Jachenau. Aber den Lainer, den trifft es am härtesten. Ab dem 20. November fällt zwei Monate lang kein einziger Lichtstrahl auf den Hof. Es ist furchtbar duster. Die Sonne steht zu dieser Zeit im Jahr nicht hoch genug, sie kommt einfach nicht über die nahen Berge drüber. Benediktenwand (1801 Meter) und Staffel (1532 Meter) haben die Jachenau im Griff.
So ist es in der Jachenau schon gewesen, als sich im 12. Jahrhundert die ersten Siedler niedergelassen haben. So war es, als Jakob Gerg 1965 aus Lenggries rübergeheiratet hat. Nur dieses Jahr, da war es nach dem 20. Januar tagelang bewölkt. Die Sonne kam nicht durch.
Den Temperaturunterschied spürt Jakob Gerg auf seinem Hof auch. Normalerweise sind es nur ein paar Grad, „im Jahr 1984 aber“, erinnert er sich und legt seine Stirn in Falten, „da hat’s in der Sonne minus 15 Grad gehabt, bei uns aber minus 30.“
Seit dem 15. Jahrhundert gibt es den Lainer Hof, Generationen über Generationen lebten, froren und arbeiteten dort. Und mussten die zwei Monate überstehen, in denen es kein direktes Licht gibt. „Man gewöhnt sich schon an die Dunkelheit“, sagt Jakob Gerg. Aber leicht ist es nicht. Das Finstere, das schlägt allen auf’s Gemüt. Ihm, seiner Frau Anna, und den 45 Kühen drüben im Stall auch. „In den zwei Monaten ist die Befruchtungsquote bei den Viechern schlechter“, weiß Jakob Gerg. Ein Erfahrungswert.
Und jetzt hingen auch noch tagelang die grauen Wolken in den Bergen fest. Dass die Sonne so lange nicht vorkommt, an das kann sich der Jachenauer überhaupt nicht erinnern. „Normalerweise scheint am 20. der erste Sonnenstrahl um halb Zwölf auf’s Haus. Da siehst Du dann, ob deine Uhr richtig geht“, sagt Gerg. Ab dann wird es Tag für Tag ein bisserl heller. Jahrein, jahraus. Unveränderbar. Doch halt, in den 1990er-Jahren hat sich doch ein wenig was geändert. „Im Februar hat damals ein Sturm oben am Berg den Waldgrat abrasiert“, erinnert sich der 71-Jährige. Seitdem kommt die Sonne ein bisserl, aber nur ein bisserl früher.
Mitleid aber, das brauchen sie auf dem Lainer Hof nicht. Denn eins wissen die Jachenauer Schattenseitler seit Jahrhunderten ganz genau. Ab dem 20. Januar wendet sich das Blatt. Schritt für Schritt. Und im Sommer, da wird das Gleichgewicht ganz hergestellt. Dann gibt es im ganzen Tal nämlich keinen Platz, an dem die Sonne länger scheint, als auf dem Lainer Hof.
Patrick Wehner
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